Umwege für Putin und Dengue-Berge: 18’043 km – xx km (wird laufend aktualisiert)

Kilometer 18’043

Auf russischer Seite müssen wir das Auto ausräumen, Furka vor dem „Biological Inspector“ retten, viele Zettel ausfüllen und lange warten, bevor wir ins Putin’sche Land gelassen werden. Dort angekommen müssen wir uns zuallererst um unser Erscheinungsbild kümmern. Auf einem Feld und im schönen Abendrot dürfen wir nun endlich unsere Schnäuze abrasieren. Nacheinander darf also jeder den Gesichtspelz abschneiden um sich dann lange im Spiegel zu betrachten und das befreiende Gefühl der Schnauzlosigkeit zu geniessen. Danach werden die Adidas-Trainer wieder aus den Gemüsekistli geholt, Mätteli montiert die Russenmütze, Fabern die Goldkette und das Bauchtäschli und so fühlen wir uns wieder komplett akklimatisiert und sind bereit für die Monsteretappen in Russland.

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Innerer Frieden dank Schnauzentfernung.

Da unser Zeitbudget langsam etwas knapp wird, und wir unbedingt Moskau sehen wollen, müssen wir die Strecke zwischen hier und Moskau in einem Stück durchfahren. Ausserdem wollen wir einen kurzen Abstecher zur kasachischen Grenze machen, in der Hoffnung, dort unsere unzähligen Dengue in Rubine oder sonstige, tauschbare Währung zu wechseln.

Das heisst, wir haben zwei Monsterettappen vor uns. Einmal von hier zur Dengueparty und einmal von dort nach Moskau. Dies sind je ungefähr 2’200 km und wir wollen versuchen, diese jeweils in einem Stück zu fahren. Jeder fährt für ungefähr 200 km einen Tank leer, Fahrerwechsel, derjenige in der Lounge muss schlafen. Soweit die Theorie.

Sobald die Sitze gefüllt sind und der Panda sich gemütlich in Gang setzt, erklingt ein ein Geräusch als würde Plastik brechen. Mondi zieht unter seinem Hintern die bereits malträtierte Brille hervor. Nur muss er diesmal zwei Mal unter den hintern greifen, da diese nun aus zwei Teilen besteht. Es wird kurzerhand der Sekundenkleber hervorgeholt und die Brille wird einer professionellen Prozedur unterzogen. Nach einigen Witzen über Mondis Brille fährt der Panda in die Abendsonne hinein.

 

Kilometer 18’561

Es ist vier Uhr morgens als wir an einer Gazprom-Tankstelle Halt machen. Eine gute Gelegenheit, um Znacht Zmorge Zmittag Essen einzunehmen. Die Paninis werden in den Ofen geschoben, der leider wohl noch eine halbe Stunde länger gebraucht hätte, um ofenwürdige Temperatur zu erreichen. Uns schmeckt’s trotzdem, als wir die Brötli im Panda verspeisen. Mätteli, der kurz zuvor aus seinem Lounge-Schlaf erwacht ist, brummelt etwas von „gly git’s Morgerot“. Fabern setzt sich auf den Fahrersitz und zieht nachdem er das Gesicht verzieht Mondis Brille unter seinem Hintern hervor. Die Brille hat nun folgende Schäden: Loch im rechten Glass, Bruch in der Mitte und Verbogene Bügel. Das Ganze wird on Mondi mit einem „das ghört drzue“ und einem „i fröie mi uf mi erst Arbeitstag“ kommentiert. Bis zum Morgenrot fährt Fabern noch einen ganzen Tank leer.

 

Kilometer 18’770

Der eintönige Fahrbetrieb wird durch einen runden Geburtstag unterbrochen: Der Panda wird zum 100. Mal auf der Rally betankt.

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Fidor, Dmitri und Djadja Wanja bei der 100. Betankung.

 

Kilometer 20’000

Noch eines dieser Jubiläen. Es ist 3 Uhr morgens als wir den zwanzigtausendsten Rallykilometer feiern zur Kenntnis nehmen.

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Dem Verkehr auf der E22 sind die 20’000 Rallykilometer egal.

Kilometer 20’121

Nach einem ernüchternden ersten Geldwechselversuch an der kasachischen Grenze (wir konnten lediglich 10% unserer Dengues tauschen), beschliessen wir, die Zelte aufzuschlagen. Ein bisschen Schlaf würde uns allen sicher gut tun nach den über 2’000 gefahrenen Kilometern. Etwa fünf Kilometer von der Grenze entfernt finden wir in einem sumpfigen Grasland den wohl bislang weichsten Zeltplatz. Kaum sind die Mätteli aufgeblasen schliessen sich die sechs Augen auf der Stelle.

Zwei Stunden später vernehmen wir ein vehementes Rütteln an den Zelten. Fabian rafft sich auf und ist genau so verwundert ab den zwei Grenzpolizisten vor ihrem Sowjet-Jeep wie sie ab dem Adidas-Trainer-Krieger ohne Schnauz. Zu nahe an der Grenze, geben die beiden Offiziellen uns auf russisch zu verstehen. Also Zelte wieder Abräumen. Es war ein erholsamer Schlaf.

Wir starten einen neuen Versuch mit dem Denguewechsel. Bis jetzt war es immer ein Einfaches, die Geldwechsler auszumachen: Ein Bauchtäschli verrät jeden Devisenfritz. Diesmal sehen wir aber niemanden mit dem modischen Bauchschmuck. Bis Fabern eine Erkenntnis hat: Jetzt sind wir die Bauchtäschlitrager. Also umdenken: Fäbu und Mondi laufen durch die wartenden Autos und bieten ihre Geldwechseldienste an. Etwas erstaunt ab der Denguemenge fragt jemand nach der Herkunft der schwierig loszuwerdenden Währung. Mondi antwortet „Halal-Money“. Dies wird mit einem beruhigten Nicken zur Kenntnis genommen. Stück für Stück wird der Denguestapel kleiner und die Rubinenstapel grösser. Der Muslim-Joker sticht noch einmal mehr, als ein Busfahrer zu einem für uns schlechteren Kurs wechseln will. Die Erklärung, dass wir für alle Leute den gleichen Kurs anbieten, reicht ihm offenbar nicht. Bis Mondi fragt „Are you really a muslim?“. Sofort wird unser Kurs akzeptiert. Die letzten Duenge werden wir bei einem Russen los, der Autoversicherungen verkauft. Mit einem Portemonnaie voll russischer Moneten holpert der Panda nun Richtung Moskau.

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Dmitri und Fidor in der Schnupperlehre als Gassen-Geldwechsler.

Lismerei in der Mongolei: 15’309 km – 18’043 km

Kilometer 15’309

Es ist nun soweit: Die lang ersehnte Mongolei liegt in Greifnähe. Nachdem wir den offiziellen Teil der Rally abgeschlossen haben, treffen wir in Ulan-Ude die letzten Vorbereitungen für die Mongolei. Wir ziehen unsere Adidas-Trainer an (schliesslich sind wir noch in Russland), verabschieden uns vorübergehend von Lenin, der uns mit seinem wachsamen Blick stetig begleitet hat und fahren Richtung Mongolei los. Wir sind sehr gespannt und eine euphorische Stimmung macht sich im kleinen Panda breit. Die Grenze erreichen wir kurz nach Sonnenuntergang. Ob es 2 oder 10 Stunden dauern wird, wissen wir nicht. Wir sind auf alles eingestellt.

Kilometer 15’563

Nach langem Anstehen vor dem Grenzübergang und beim Custom Control, erwarten die Grenzbeamten auf russischer Seite, dass wir, wie alle anderen Grenzgänger, das Auto ausräumen und die Motorhaube öffnen. Wir öffnen die Motorhaube und stellen uns etwas dumm. „Wie, was sollen wir mit dem Gepäck machen?“. Ab und zu holen wir einen Schlafsack oder ein Stativ aus dem Kofferraum. Fleissig wird von uns alles auf Berndeutsch kommentiert. Wir weisen die Beamten immer wieder auf unseren ach so tollen Habseligkeiten, wie die Russenmützen oder den Aktenkoffer hin. Nach einer Weile geben sie es auf stempeln unser Zollpapier ab. Nachdem das tolle Stempelgeräusch erklingt, machen wir uns auf, die mongolischen Grenzbeamten mit unserer Anwesenheit zu bereichern.

Nach diversem Papierkram und einigen sich vordrängenden Mongolen überqueren wir die Grenze mit ca. 800’000 Resus (shout out to Resu Schöni), welche wir direkt an der Grenze wechseln konnten.

Es ist Nacht und sehen also noch nichts von der Mongolei. Wir fahren noch einige Kilometer und stellen unsere Zelte irgendwo auf einem abgeerntetem Feld auf.

Am nächsten Tag wachen wir gespannt auf, verlassen unsere Zelte und wir realisieren, dass wir uns in der Toscana befinden. Der einzige Unterschied sind die Kamele und die Rossherden. Nach dem obligaten Porridge und dem neu ergattertem Kaffe im Russischen Globus machen wir uns auf dem Weg in die Hauptstadt Ulaanbaatar.

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Wo geht’s hier zum Weingut?

Ulanbaatar ist gross und die Strassen vielbefahren. Der Panda schlängelt sich zwischen den vielen Toyota Priüssern durch alle sich öffnenden Lücken. Wir verzichten aufs Kochen und gönnen uns etwas in einem Restaurant eines Kaufhauses. Es ist bereits dunkel, als wir erneut losfahren. Das wahrscheinlich letzte Mal fahren wir ostwärts zum „Dschingis-Khan-Komplex“ – einer übertrieben grossen Statue des erwähnten Herren auf einem Pferd und das ganze in Edelstahl. Nach einigen Kilometern sehr holpriger (Fäbu meint etwas von „die anstrengendsten 20 Kilometer der ganzen Rally.“ Die Tatsache, dass es geregnet hat, der linke Scheinwerfer den Geist aufgegeben hat und die Scheibenwischer immer noch nicht benutzt werden dürfen, weil wir ja schliesslich auf einer Rally sind, haben sicher ihren Teil dazu beigetragen.) Strasse erreichen wir nur 200 Meter vom Komplex entfernt einen ebenen Platz für unsere Zelte. Wir stellen den Wecker auf Sonnenaufgang, im Morgenlicht soll es besonders schöne Drone-Shots, die zwar dort verboten sind Bilder geben.

Kilometer 15’966

Der Wecker klingelt, wir müssen uns gar nicht aus dem Zelt bewegen, um das für Fotos ungeeignete Wetter zu ermitteln: Es prasselt auf unsere Zelte. Snooze auf 30 Minuten. Dann kitzeln einige Sonnenstrahlen an unseren Zelten, jedoch erübrigt sich auch hier der Gang nach draussen. Es windet so fest, dass die Drohne nicht steigen kann kaum brauchbare Fotos möglich sind. Irgendeinmal im Verlauf des Morgens sind die Bedingungen dann doch in Ordnung. Es gibt Porridge und Kaffee währendem Fabian schöne Bilder einfängt.

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Baba Dschingis von oben.
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Baba mit goldener Gerte und die drei kleinen Babas.

Der Komplex selber begrüsst uns mit einem Schild, dass Foto-, Video-, und Drohnenaufnahmen verboten sind. Cool. Wir besteigen den Pferdekopf und schiessen ein paar Fotos vor Baba Dschingis. Zu viel Zeit wollen wir aber nicht beim Edelstahlkoloss verbringen, es steht nämlich wichtigeres auf dem Programm: Der Besuch bei Bayasgalant.

Doch zunächst müssen wir einen wichtigen Punkt auf unserer Mongolei-Dodo-Liste abhaken. Wir brauchen ein geeignetes Outfit! Der Tripoloski-Look gehört definitiv den Russen und wir brauchen für die Mongolei etwas anderes. An der Grenze am Tag zuvor haben wir dafür die mit uns wartenden Mongolen mit Argusaugen beobachtet, um unser Wunschoutfit zu finden. Und tatsächlich haben wir eine Gruppe älterer Mongolinnen ausgemacht, deren Kleider genau unserem Geschmack entsprochen haben. Wir haben natürlich sofort Fäbeler nach vorne geschupst, da der am Besten mit älteren Frauen flirten ins Gespräch kommen kann und es funktioniert. Febler macht den Damen auf Berndeutsch Komplimente und kommt wenig später mit der Information zurück, dass die Kleider „new“ und aus „Ulaanbaator“ seien. Und hier sind wir nun, vor den Toren Ulaan-Baators und haben die Mission „Lismer“ vor uns. Wir klappern also verschiedenste Kleiderläden ab und werden in unserer Euphorie etwas gebremst. Wir finden nur typische „H&M-Mode“ und somit nicht das was uns vorschwebt. Wir betreten eine weitere Markthalle und finden den grössten Kleiderladen, der wir je gesehen haben. Auf mehreren Etagen reihen sich die Verkaufsstände in endlosen Korridoren und wir werden schier erschlagen von der Auswahl. Kurz bevor wir die Suche enttäuscht aufgeben, finden wir tatsächlich einen Marktstand mit Wollkleidern „Made in Mongolia“. Wir können die Verkäuferin dazu überreden, uns auch das Jäggli zu zeigen, das „only woman“ ist und kaufen dann alle unser Wunschoutfit.

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Und wo sind die Lismer?
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Jackpot.

Glücklich, mit unseren Einkäufen im Panda verstaut, fahren wir durch die Prius-Lawine aus dem Stadtzentrum heraus, um die Kinderhilfe Bayasgalant zu besuchen. Wir begegnen dort vielen lieben Menschen und superherzigen Kindern und freuen uns sehr, dass wir für diese Organisation Spenden sammeln können.

Kilometer 16’050

Wir rumpeln mit dem Panda aus der Hauptstadt hinaus und freuen uns sehr, als wir die letzten grossen Häuser hinter uns lassen und uns die Mongolei begrüsst, wie wir sie uns vorgestellt haben. Eine Strasse, die durch Ebenen und über die sanften Hügelzüge führt, links und rechts von uns immer wieder grasende Gruppen von Pferden, Kühen, Schafen oder Kamelen. Immer wieder grosse Falken, die neben uns im Wind gleiten, genau so haben wir uns das gewünscht.

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Kamele schauen verwundert in die mongolische Landschaft.

Wir fahren durch diese Landschaft, geniessen den Anblick, steigen ab und zu für ein Foto aus und freuen uns auf jedes neue Lied in Lüssus Playlist. Wir haben zu Beginn der Mongol-Rally die Regel aufgestellt, dass nie ein Lied übersprungen werden darf. Damit es uns nicht langweilig wird, haben wir möglichst viele verschiedene Lieder heruntergeladen, die wir in den letzten 60 Tagen auch fleissig gehört haben. Und irgendwann hat man es dann auch gehört. Alle. Mehrmals. Ausser die guten, die kommen ja nie, wenn die Playlist zufällig abgespielt wird.

Für die Mongolei haben wir, um ein wenig Abwechslung zu bekommen, also die Playlist von unserem guten Freund Lüssu runtergeladen, die wir nun brav, ohne ein Lied zu überspringen durchhören. Über 1000 Lieder warten auf uns. Bis jetzt hat er uns noch nicht enttäuscht.

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Lüssus Playlist erfreut Momo und Mätteli.
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Fäbu kümmert sich unterdessen um sein das Spielzeug.

Als die Dämmerung einsetzt, suchen wir uns einen geeigneten Schlafplatz und machen, was uns Resu tunlichst abgeraten hat und kraxeln mit dem Bergziegen-Panda den Hügel hoch. Auf den höchsten Punkt. Irgend ein primitives Areal in unserem Stammhirn freut sich ungemein und macht uns alle super stolz, als wir dort oben stehen und auf die Umgebung herunter blicken können. Im kitschigen Abendrot lassen wir die Drohne steigen geniessen wir den Moment und stellen dann auf dem steinigen Untergrund unsere Zelte auf.

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Zeltstellen auf dem Hügel.
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Lismermätthu im Abendrot.

 

Kilometer 16’386

Ja, Resu hat uns davon abgeraten auf dem höchsten Punkt die Zelte aufzuschlagen. Nicht etwa, weil er uns die traumhafte Aussicht missgönnt hätte, nein, „es luftet de wine Sou“ waren die weisen Worte, die wir sprichwörtlich in den Wind geschmissen haben. Dieser Wind rüttelt und zerrt nun, seit dem sehr frühen Morgen an unseren Zelten und pustet uns fast ab der Klippe, als wir es nach draussen wagen. Das Aufräumen wird zum Kampf, doch wir schaffen es mit vereinten Kräften alles in den Panda zu schmeissen, um diesen wieder den Hügel runter jagen und unsere Reise gen Westen fortzusetzen.

 

Kilometer 16’582

Wir erinnern uns an die Tage in Sibirien, als die Tage verschwommen sind: Immer Regen, immer nass, immer kalt. In der Mongolei verschwimmen die Tage ebenfalls, aber keineswegs im negativen Sinne. Hinter jeder Kuppe eröffnet sich uns von Neuem ein Blick auf die sanften Hügel und riesigen Weiten der Mongolei. Wir kommen nicht aus dem Staunen heraus. Wir pflichten alle Fäbu bei, als dieser meint „Genau so heimernis das ja vorgsteut, oder?“ Glückselig schnurrt der Motor des Pandas, als wir über die noch relativ guten Strassen schweben. Unterwegs entweicht Mätteli plötzlich ein „Halt an, halt an, halt an!“ Mondi stoppt den Panda, Mätteli stürmt heraus und stemmt 10 Meter von der Strasse entfernt einen Kuhkopf in die Höhe. Wir hätten ja gerne einen Kuhschädel an unserem Panda montiert, aber die mongolische Steppe hat uns einen ganzen Kopf gegeben der noch fürchterlich stinkt. Der Kopf wird also ans Auto gebunden und der Panda trägt unsere Elsa fortan stolz zur Schau.

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Panda mit Elsa.

Unterwegs erklimmen wir einen Pass, auf dessen höchstem Punkt ein grosses Ovoo steht. Dies sind Steinhaufen mit einem Stab in der Mitte, der mit farbigen Tüchern geschmückt ist. Diese Gebilde sind überall in der Mongolei anzutreffen und können ganz klein, oder mehrere Meter hoch und reich geschmückt sein. Es ist üblich, dass bei diesen Ovoos den Geistern gedankt wird, indem der Altar dreimal umkreist wird. Bei jedem Umgang wird etwas als Opfergabe abgegeben und auf den Ovoo gelegt.

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Etwas windschiefes Ovoo.

Natürlich halten wir uns an diese Regel, schnappen uns je drei schöne Steine oder Blumen, laufen andächtig um den Ovoo herum und platzieren dabei unsere Opfergaben. Als wir zum Panda zurückkehren, scheint uns, als würden wir in den Baby-Äuglein San Mauros etwas enttäuschtes und eingeschnapptes aufblitzen sehen. Beim zweiten Hinsehen betrachtet er uns wieder gewohnt kühl und erhaben aus dem Seitenfenster, wir zucken mit den Schultern und setzen unsere Fahrt fort.

Immer wieder suchen wir den Horizont nach dem Tier ab, das wir bisher noch nicht entdeckt haben. Das Yak. Immer wider ruft jemand „Hier! Hier!“, wobei sich die Entdeckung bei näherem Hinsehen meistens als etwas pelzige Kuh entpuppt. Doch bald finden wir was wir suchen. Perfekt arrangiert, an einem grünen Flussbett, mit dem Mongolei-Zeichen riesig auf dem Berg dahinter, stehen einige Yaks zusammen mit Kühen und grasen. Wir schlüpfen in unsere komplette Mongolei-Montur und schaffen es nach einigem Umherrennen dank des Selbstauslösers und Yaks hin- und her scheuchen, ein Beweisfoto für die Nachwelt zu schiessen.

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Die drei sind da, wo sie hingehören.

Am Abend verlassen wir die Hauptstrasse, fahren in einer Gerade über die Wiese zum gewünschten Zeltplatz und verfallen in die gewohnte Routine: Zelte stellen, kochen, schlafen. Wie immer in der Mongolei kommt noch einer auf seinem Motorrad vorbei, vorwiegend aus Gwunder. „Eis müesster wüsse Giele. Dir sit nie alleini.“ O-Ton Resu.

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Fäbeler zeigt und der Mongole schaut.

Als der Mongole unsere Elsa entdeckt, fuchtelt der junge Mann wie wild mit den Armen und zeigt uns pantomimisch ein Tier vor. Kurz darauf düst der Mongole mit dem Töff weg und kommt kurze Zeit später mit einem Kollegen zurück, der uns auf der Ladefläche seines Lieferwagens zwei imposante Tierköpfe präsentiert. Besonders der eine Kopf gefällt uns, da dieser etwas weniger Fleisch am Knochen hat deutlich spezieller geformte Hörner als Elsa hat. Wir schlagen den Mongolen einen Tausch vor und Feilschen um einen möglichen Preis. Wir schlagen 3’000 Resus (CHF 1.20) vor, die Mongolen möchten jedoch gerne 300’000 Resus dafür haben. Wir lachen zusammen, stecken den beiden Einheimischen einige Zigaretten zu und verabschieden uns, um uns in die warmen Schlafsäcke zurück zu ziehen.

Der nächste Morgen begrüsst uns mit einem Novum auf der Rally: Als Mätteli sich aufrafft, um Porridge zu kochen bemerkt er einen weissen, kalten Schaum auf den Zelten. Seine körpereigenen Temperaturfühler bestätigen das Gesehene: Es ist kalt. Es ist Schnee. Im gemeinsamen Einvernehmen wird beschlossen, heute auf Porridge zu verzichten, da heute einer „dieser Tage“ ist. An einem solchen Morgen ist etwas für’s Gemüt nötig. Also gibt es Nesquik-Schoggibällchen mit Milch Joghurt (erst beim Öffnen gemerkt). Eine willkommene Abwechslung – Mätteli fühlt sich ab dem Joghurt so im Himmel, dass er kurzerhand das restliche weisse Gold herunterlöffelt.

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Schneemassen und gefrorene Elsa.

Kilometer 16’754

Weiter geht die Fahrt durch das weite Land. Zum Teil auf neuem (chinesischen) Asphalt, manchmal auch auf Gras. Offiziell ist die piekfeine Asphaltstrasse noch nicht eröffnet. Um das Befahren zu verhindern befinden sich in regelmässigen Abständen ganze Erdwälle auf der Fahrbahn. Selbstverständlich finden sich direkt daneben Schleichwege, um direkt dahinter wieder auf den Asphalt zu gelangen. Lediglich die Auf- und Abfahrten sind manchmal so steil, dass sogar klein Pandino aufsetzt. Dies bemerken jeweils der Fahrer und der Beifahrer als leichtes Hochdrücken ihrer Sitze. Irgendeinmal wird uns das ständige Umfahren zu bunt und machen es wie die Lastwägeler: Konsequent daneben auf Schotter/Gras fahren. Das schöne an den Grasweiten geniessen wir am Abend bei der Schlafplatzsuche: Jemand zeigt auf einen Hügel und sagt: „Dort will ich schlafen.“ Ohne Umwege führt uns der Panda wie an einer Schnur gezogen zum gewünschten Zeltplatz. Diesmal wird nicht der höchste Punkt angesteuert, sondern hinter dem Hügel, auf der windabgewanten, östlichen Seite. Wir werden belohnt mit einer herrlichen Aussicht bei schönstem Abendlicht.

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Fabern geniesst die Pasta im Abendrot.

Zum Znacht gibt es wie immer Teigwaren (nicht pampig, merci Mondi). Einzig ein Blick auf unsere Gasreserven dämpft unsere Freude etwas und zwingt uns zum Umdenken: Wir haben noch einen vollen Gasbehälter und einen fast leeren. Dies reicht noch für zweimal Teigwaren, zweimal Kaffee und einmal (warmen) Porridge. Wir nehmen es gelassen zur Kenntnis und geniessen die Pasta, um uns dann kurz nach dem Sonnenuntergang schlafen zu legen.

Die Nacht ist kalt, aber die Schlafsäcke spenden gerade genug Wärme, um ein Auge zudrücken zu können. Am Morgen ist dann auch unser Wasser gefroren. Mondi bereitet trotzdem ein warmes Porridge zu (schmeckt gut, merci Mondi). Bei Windstille und Sonnenschein fühlt es sich denn auch schon angenehm warm an. Alles taut etwas. Auch Elsa.

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Elsa hat gute Zähne aber leider noch viel Fleisch am Knochen.

Wir entsorgen opfern unsere Elsa einem Hügel, um die Kältegeister zu besänftigen. Dabei richten wir ihr auf dem höchsten Punkt des Hügels ein bequemes Plätzchen ein, wo sie die imposante Landschaft nach Osten hin, dem Geburtsort Tschingis Khans, für alle Ewigkeit überblicken kann. Als wir jedoch kurz vor dem Losfahren ein Blick zurück werfen, sind wir von dem Punkt der Ewigkeit nicht besonders überzeugt, da bereits mehrere sehr grosse Federtiere um den besagten Hügel kreisen.

Wir fahren den ganzen Tag auf einer mongolischen Hauptstrasse weiter Richtung Westen. Die Strassen bestehen aus etwas öfter befahrenen Fahrspuren, quer durch die karge Landschaft. Dabei gibt es nicht nur eine Spur sondern oft viele nebeneinander, die ungefähr in die gleiche Richtung führen. Wir haben grossen Spass daran, mit dem Panda durch diese Spuren zu pflügen und verbringen den Tag mit vielen Stopps, um mit der Drohne oder den Kameras die Stimmung einzufangen.

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Finde den Panda.
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Dafür haben wir ja schliesslich einen Schnorchel montiert.
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Mondi hüpft vor Freude.

Abends suchen wir uns wieder ein Stück der unendlich grossen Steppe für unser Nachtlager aus und kochen uns das zweitletzte warme Abendessen. Pasta mit Tomatensauce.

Kilometer 16’876

Um ein Pastagericht mehr aus den Gaskartuschen heraus zu kitzeln, entschliessen wir uns, das morgendliche Porridge kalt zu essen. Dabei lassen wir über die Nacht die Haferflocken im Wasser einweichen und stellen die Pfanne ins Vorzelt, mit der Hoffnung, dass das Wasser über Nacht nicht gefriert. Am Morgen wird die nur leicht angefrorene Brühe mit einem Glas Aprikosenkonfitüre (mit halben Aprikosen!) und sehr viel Zucker aufgepeppt und wir würgen das Resultat brav runter. Dabei werden wir von einem Mongolen besucht, der uns etwas misstrauisch beobachtet. Wir fragen mit den üblichen gestenreichen Berndeutsch was den Herrn bedrücke und finden heraus, dass dieser mit unserer Wahl des Zmorges überhaupt nicht einverstanden ist. Er wirft einem Blick in die Frühstücksschale, rümpft die Nase und zieht den Kopf schnell wieder zurück. Er gibt uns zu verstehen, dass wir Dinge essen, die nur seine Schafe essen würden. Immer wieder schlachtet er pantomimisch ein Schaf und bietet uns an, uns etwas Fleisch zu bringen. Seine Schafherde steht nur wenig entfernt von uns und wir müssen den Hirten fast mit den Händen zurückhalten, dass dieser uns nicht direkt hier frisches Schaffleisch als Porridgebeilage zubereitet. Kurz darauf erscheint noch ein Kollege, der genau so viel Freude an unserem Essen hat und wir lachen zusammen über die skurrile Szene.

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Die Hirten und der Mondi.

Weiter geht die Fahrt und wieder führt unser Weg über sandige Hügel und über weite Ebenen. Einmal führt die Strasse in ein ausgetrocknetes Flussbett. Fäbeler liefert sich hier ein wildes Rennen mit einem Toyota Prius, der ihm dicht an den Fersen klebt. Über mehrere Kilometer poltert und und rutscht der Pändler durch das Kies und den Sand. Dabei zeigt sich erneut ein Nachteil unseres undichten Autos. Wo bisher Regen oder kalte Luft hereingeschlichen ist, kommen nun ganze Schwaden sandiger Luft, die uns in den Augen und im Hals brennen. Für solche Fälle sind wir ausgerüstet, montieren unsere Rally-Brillen und düsen weiter, bis der komplette Innenraum mit einem dünnen Film Sand bedeckt ist. Tschingis-Gold. Überall.

Am späteren Nachmittag suchen wir uns ein lauschiges Plätzchen, um uns einen weiteren Joker in unserem Ernährungsposten zu gönnen: Heute gibt es Pasta mit Pestosauce. Andächtig schweigend geniessen wir den ungewohnten Basilikum-Geschmack und geniessen die Sonne in den Gesichtern und nicken einander nur ab und zu bestätigend zu: Genau so haben wir uns das vorgestellt.

Nach dem Festmahl setzen wir die Fahrt in Richtung Altay fort. Plötzlich wird die bisherige Offroadpiste wieder zu einer perfekten, chinesischen Schnellstrasse und wir nähern uns dem Tagesziel rasant. Kurz darauf schlagen wir das Nachtlager vor den Toren der Stadt auf und werden am nächsten Morgen von einigen wärmenden Sonnenstrahlen geweckt.

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Der Fabern am Morgen.
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Die haben uns wach gegrunzt.

Kilometer 17’107

Wir fahren in das Dorf mit einem grossen Ziel im Kopf. Wir wollen unbedingt diese typischen Motorräder fahren, die wir immer wieder sehen. Jeder Hirte, den wir bisher angetroffen haben und alle, die mit einem motorisierten Zweiräder unterwegs sind, fahren genau das gleiche Modell. Shineray Mustang-5. Muss etwas tolles sein.

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Ortseingang Altay.

In Altay klappern wir also alle Hotels und Unterkünfte ab, in der Hoffnung auf jemanden zu treffen, der Englisch spricht und unser Anliegen versteht. Nach vielen „No, No, No“ und Achselzuckern finden wir schliesslich in einer Autogarage einen Mann, dem wir unseren Wunsch erklären können. Dieser führt uns zunächst zum Basar, wo uns drei Motorräder zum Kauf angeboten werden. Nach viel Gefuchtel und Gerede verstehen die Mongolen plötzlich was wir wollen und organisieren uns drei Motorräder. Wir verhandeln noch etwas über den Mietpreis, ziehen uns alle Kleider übereinander an, die wir finden und setzen uns voller Tatendrang auf die Mühlen.

„,Weiss jemand wie das hier funktioniert?“ meint Fabern, worauf dieser in zwei fragende Gesichter blickt. Niemand ist bisher je auf einem Motorrad gesessen. Die Mongolen, die um uns herum stehen erklären alle gleichzeitig alle Funktionen, wir ziehen unsere Strickmützen etwas fester und hüpfen davon.

Wir verlassen das Dorf und fahren über die Hügel und begreifen langsam die Logik der Gangschaltung und das Lachen in unseren Gesichtern wird immer grösser.

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Töffligang vor Ovoo.

Für einige Stunden düsen wir also über Stock und Stein und geniessen das neue Fahrgefühl. Natürlich muss der grösste Hügel komplett erklommen werden, wir fahren steil nach oben und posieren dort für die obligatorischen Drohnenaufnahmen.

Töfflibuben auf Hügel
Die Töfflibuben sind ganz stolz.
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Mätteli mit monglischem Schutzlismer und russischem Sturzchäppi.

Für einige Stunden fahren wir so durch die Gegend, bis uns die Hände vom verkrampften festklammern am Lenker schmerzen und fahren am späteren Nachmittag erschöpft und glücklich ins Dorf zurück. Die Vermieter biegen die durch unsere Stürze verbogenen Schutzbleche wieder zurecht und wir setzen uns wieder in den Panda, fahren etwas aus der Stadt heraus und stellen die Zelte in der Mitte einer grossen Ebene auf.

 

Kilometer 17’140

Der Morgen ist windiger als auch schon. Der Blick rund um unseren Zeltplatz offenbart wieso: Wir haben es geschafft, im Umkreis von mehreren Kilometern den höchsten Punkt zu unserem Schlafplatz zu machen. Ohne Absicht, schwör. Zum Zmorgen gibt es Nesquik, weil wir vergessen haben, Porridge einzuweichen um unsere vom Winde verwehten Gemüter nicht noch mehr zu belasten.

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Auch etwas für’s Gemüt: Panda mit Kamelen.

Heute soll es ausnahmsweise wieder mal eine grössere Etappe sein, da die Strassen ausgezeichnet sind und wir wegen der Töfftour vom Vortag einige Kilometer gutmachen wollen. Das klappt auch wunderbar, lediglich verbrauchstechnisch sind wir nicht so gut unterwegs. Starker Gegenwind und die aerodynamisch suboptimale Situation auf dem Dach des Pandas verunmöglichen ein Fahren im fünften Gang. Also Pedal to the Metal im Vierten, dafür die Musik etwas lauter.

Auf dem perfekten Asphalt kommt schon fast Langeweile auf und wir vermissen die sandigen Holperpisten, die unsere Mundwinkel nach oben drücken würden. Daher ist es eine willkommene Abwechslung, als uns ein Automobilist mit plattem Reifen am Strassenrand heranwinkt. Mondi tut etwas für das Karma und wechselt ihm das Rad.

Mitten im Nirgendwo taucht eine sonst aus Russland bekannte Skulptur auf, die ein neues Rayon/Verwaltungsgebiet/Dorf ankündet. Gut genug, um davor für ein Foto zu posieren. Gerade als der Selbstauslöser das nächste Foto ankündigt fährt ein Auto auf uns zu, dass verdächtig nach Mongol Rally aussieht. Der Toyota Yaris hält an und es steigen zwei englische Automechaniker aus. Sie seien bereits vorgewarnt worden, dass sie heute möglicherweise einem Panda mit Dromedarschild begegnen würden. Zwei Deutsche in einem Lada Niva, die wir am Tag zuvor bei der Autogarage getroffen haben, haben den Briten Vorschusslorbeeren Bescheid gegeben.

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Der Penner, der Poser und der Lismerkrieger.
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Der Übermotorisierte und der Untermotorisierte.

Der Yaris ist allerdings viel zu übermotorisiert für die Mongol Rally. „Not our thing“ lassen uns die Beiden wissen. Sie seien halt einfach Petrol Heads auf dem Weg nach Tokio, um sich die dortige Drift-Szene anzuschauen. Ihre Durchschnittsgeschwindigkeit liege bei etwa 100 km/h. Wir schauen etwas verlegen auf unseren Panda, sind jedoch eigentlich ganz zufrieden mit unserer Reisegeschwindigkeit. Der Pandino will uns mehr Zeit lassen, um die Landschaft zu geniessen

Einige Kilometer weiter verlassen wir den Asphalt, da wir rechterhand einen vielversprechend schönen See erblicken. Da ist sie wieder, die so sehnlich vermisste holprige Sandpiste. Nach ca. sechs Kilometern erreichen wir das sumpfige Ufer des Sees. Es ist allerdings so kalt, dass wir auf’s Kochen verzichten und stattdessen auf Brot und Wurst im Auto umsteigen. „Git itz haut öppis Eifachs“ meint Mätteli.

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Der obligate Mongole, der unser Camp besichtigt, prüft unsere Wüstenbrille.

Kilometer 17’555

Als Mätteli kurz aufsteht, um Zucker und Confiture fürs Porridge zu holen, ist die Wetterlage noch ok: Etwas kalter Wind und einige Regentropfen begrüssen unser Lager. Der kalte Porridge schmeckt wunderbar und alle dösen noch einmal ein – bis ein starker und eisiger Wind an den Zelten rüttelt. Wir beschliessen, aufzubrechen sobald der Wind nachgelassen hat. Der Wind lässt nach, dafür setzt Regen ein. Ok, sobald der Regen aufgehört hat. Der Regen lässt nach, dafür setzt Schnee ein. Jetzt wird’s allen zu bunt. Eingepackt in den mongolischen Lismern packen die Drei die Zelte ein und rumpeln durch den schneebedeckten Sand zurück zur Hauptstrasse. Kurz davor stoppt Fäbeler den Panda. Er hat ein neues Objekt der Begierde gesichtet. Diesmal mit weniger Fleisch, dafür umso imposanter. Wir nennen sie liebevoll Furka.

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Sommer, Sonne, Kaktus Sand, Schnee, Kälte.
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Hallo Furka.

In Chovd machen wir Halt, um Brot zu kaufen. Dann fahren wieder aus der Stadt heraus. Muss sicher schön sein. Vielmehr begeistert uns die ständig wechselnde Landschaft, die uns immer wieder dazu bewegt, den Panda an den Strassenrand zu stellen und die Dokumentationsmaschinerie (Foto, Video, Drohne) anzuwerfen. Sogar im leichten Schneetreiben schickt Fäbeler den roten Summer raus.

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Eine der vielfältigen mongolischen Landschaften.

Das heutige Tagesprojekt liegt aber noch etwas weiter entfernt im Osten auf über 2’000 Metern über Meer: Schöni Res hat uns Koordinaten und Bilder von einem Adlerzüchter geschickt. Bei tiefem Sonnenstand erreichen wir besagtes gemauertes Hüttli kurz hinter einem Pass. Wir zeigen Vater, Mutter und Sohn die Bilder und besonders der Kleine platzt fast vor Freude. Natürlich wollen auch wir Fotos mit der Familie machen, der Vater lässt sich nicht lumpen und holt seine schönsten Kleider für sich und seinen Sohn heraus. Nach dem Fotoshooting wird uns grosszügig aufgetischt. Die Ungewissheit über das Aufgetischte Vorfreude auf Pasta der drei Lismerfritzen bremst den Gastgeber etwas aus. Aber er offeriert uns statt Znacht und Schlafplatz auch sehr gerne Tee und Gebäck. Der Tee wird mit Milch und Salz serviert. Gewöhnungsbedürftig. Auf den Adler angesprochen muss uns der Vättu leider enttäuschen, er habe ihn nicht mehr, verweist aber auf das Eagle Festival, das in einigen Wochen Ölgii stattfinden wird. Soviel Zeit haben wir leider nicht. Henu.

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Mongolische Familie in den besten Kleidern.
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Der Kleine kommt ab den Fotos nicht aus dem Staunen raus.
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… und will noch mehr Fotos.
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… und noch mehr. Er prüft, ob auch alle seine Pose mitmachen.

Der Schlafplatz liegt heute auf einer Ebene, die wunderbar im Abendglühen leuchtet. Die Gasreserven reichen nicht mehr für eine Pfanne Teigwaren. Enttäuschung macht sich breit, ausser bei Mondi: Er hat die erlösende Idee: Unsere Asiatischen Ramen-Suppen brauchen nämlich nur heisses – und nicht kochendes – Wasser. Glückselig löffeln wir die Nudeln runter und legen uns dann bei eisiger Kälte in die Zelte.

 

Kilometer 17’748

Eine der wohl kältesten Nächte liegt hinter uns. Schlaf haben wir nur in kurzen Phasen gefunden. Das Wasser in den Kanistern ist gefroren. Es muss wieder etwas für’s Gemüt her: Unsere Wahl fällt auf den Tannenspitzen-Honig, der uns Baptiste mitgegeben hat. Merci Baptiste, selten so etwas feines gegessen. Nur schade, dass unser Brot die Konsistenz eines Backsteins hat. Die Ebene rund um unseren Schlafplatz ist so schön, dass Fäbeler schon nach drei Minuten Fahrt einen Fotohalt einfordert. Sandpiste, tiefes Licht und ein spulender Panda geben halt schon ein gutes Sujet her.

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Backsteinbrot, Kaffee und Tannenspitzen-Honig.
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Panda, aufgewirbelter Sand und grinsender Momo.

Die Strasse liegt mit perfektem, sehr neuem Asphalt vor uns und wird nur durch die bekannten Erdwälle unterbrochen. Teilweise können wir die mit dem Pändeli gekonnt umfahren oder wir müssen die Strasse jeweils verlassen, einige Kilometer parallel dazu auf Schotterstrassen fahren, bis ein neuer Zugang zur guten Strasse gefunden wird. So geht das Spiel weiter, bis wir Ölgii erreichen. Hier nutzen wir die Chance und fragen uns durch die EInkaufsstrassen bezüglich Gaskartuschen durch. „No, don’t have“ Ein Versuch war’s wert. Wir kaufen also wieder Brot, Chillisauce und Ramen-Nudeln.

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Neuer Asphalt mit neuwertigem Panda.
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Obligates Ortseingangsfoto in Ölgii mit interessantem gelben Farbtupfer an der linken Säule.
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Hat nichts mit Essen zu tun: Pferdeherde, die wir unterwegs antreffen.

Nach kurzer Fahrt in Richtung Grenze richten wir unser letztes Zeltlager in der Mongolei ein. Ein wunderschöner Platz direkt an einem kleinen See tröstet uns etwas über die Tatsache hinweg, dass unser Mongolei-Trip mit grossen Schritten dem Ende zu geht. Im warmroten Abendlicht stellen wir die Zelte auf und machen uns an das Projekt Abendessen. Wir lesen die Wassermenge, die für unser Ramen-Znacht erforderlich ist auf den Packungen ab, nehmen davon etwas weniger und versuchen es mit der schwachen Gasflamme etwas auf Temperatur zu bringen. Nach langem Warten einigen wir uns, dass etwas über der Körpertemperatur ja eigentlich auch schon warm ist und wir schütten Wasser und Nudeln zusammen. Weil nun kräftiger und sehr kalter Wind eingesetzt hat, nehmen wir das Festmahl im Panda ein, schlürfen glückselig die lauwarme Masse runter und fühlen uns wie richtige Gourmets.

Nach dem Essen kümmern wir uns um Furka. Diese hängt nun seit einiger Zeit über unserer Windschutzscheibe, hat nun bereits einiges aus der Mongolei gesehen, braucht für die Erkundung weiterer Gebiete dringend ein Bad. Furka lag halb vergraben im Boden als wir zu ihr oder sie zu uns gefunden hat. Dies zeigt sich immer noch durch viel Dreck und Sand, der ihr im Schädel klebt. Von uns drei hat sich bisher niemand gemeldet, der freiwillig diese Überreste zwischen den Knochen hervor grübelt, weshalb wir lieber über eine alternative Reinigungsmethode grübeln nachdenken. Hier am See bietet sich natürlich das Wasser an und wir wollen Furka etwas im kühlen Nass schwenken. Unser Zeltplatz steht aber an einer kleinen Klippe und die Ufer sind zu weit weg, zu sumpfig und es ist kalt und Nacht. Der neue Plan besteht aus einer langen Schnur zwischen Panda und den Hörnern Furkas und Mondis Diskuswerfer-Übung aus der sechsten Klasse in Aarwangen. In hohem Bogen fliegt sie also, die etwas verdutzte Furka, und landet mit einem satten Platschen im eiskalten See, wo wir sie über Nacht baden lassen.

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Eye of the Taiga präsentiert: Impressionen vom wohl schönsten mongolischen Zeltplatz.
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Fare thee well, Lismerbuben.
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So long, Mongolia.

Kilometer 17’976

Die Nacht wird wieder sehr kalt. Die drei Buben legen sich mit den Kleidern in die Schlafsäcke und finden nur vereinzelt Schlaf und werden immer wieder durch das eigene Schlottern aufgeweckt. Nach langem Frieren und Wachliegen macht sich endlich die erlösende Morgensonne bemerkbar und spendet durch das Zelt etwas lang ersehnte Wärme. Wir werden ausserdem von einer Windstille überrascht und kriechen bald aus unseren Nachtlagern und geniessen unser Zmorge mit Seesicht. Das über Nacht eingeweichte Porridge ist leider fast komplett zugefroren und das Wasser, das Mätteli aus seiner Wasserflasche nachkippen will, hat über Nacht ebenfalls seinen Aggregatzustand geändert. Im Zelt. War also wirklich kalt. Wir hämmern das Porridge also zu einer Art Glace und verfeinern das Ganze wie gewohnt mit Zucker und Tannenspitzenhonig. Wir geniessen die Sicht über den spiegelglatten See, unsere Blicke folgen der weissen Schnur, die im tiefen Teil des Wasser verschwindet, lassen die Sonne auf unsere Schnäuze scheinen und geniessen unser eher spezielles Zmorge trotzdem.

Nach dem Essen holen wir Furka aus ihrem nächtlichen Wellnessbad, diskutieren kurz ob sie jetzt mehr oder weniger dreckig ist und montieren sie wieder prominent vorne am Autodach und fahren die kurze Strecke bis zur Grenze.

Kilometer 18’043

Dort werden wir von einem geschlossenen Tor begrüsst und der Aussage, dass jetzt gerade Cay-Zeit sei und die Beamten erst in einer Stunde zurück sein werden. Das Wetter ist schön, die Sonne scheint, der Wind zeigt sich nicht und so geniessen wir einige Sonnenstrahlen und vertreiben so die letzte Kälte der Nacht aus unseren Körpern. Als dann die Beamten von ihrer Pause zurück kommen, geht der Grenz-Zirkus wieder los, den wir bereits gut kennen und schon etwas vermisst haben. Uniformierte, die wild gestikulierend etwas fragen, wir, die auf Berndeutsch die Zugverbindung zwischen Bern und Thun beschreiben, Beamte, die zufrieden Nicken und uns weiter schicken, Zettel ausfüllen, Zettel abstempeln lassen, den falschen weissen Zettel dabei haben, nicht den länglichen sondern den eher quadratischen möchte die Beamtin haben, zurückgehen und den Zettel organisieren, richtiger Zettel, richtiger Stempel, und mittendrin drei zufrieden grinsende Touristen in ihren Lismern, die bestimmt nichts aus der Ruhe bringen lässt.

Für etwas Aufregung sorgt Furka. Als Fabern einer Grenzbeamtin das Gepäck zeigen soll, bleibt diese nur kopfschüttelnd vor dem Auto stehen, macht ein Foto von Furka und geht wieder zurück. Fabern eilt hinterher und beobachtet, wie das Foto im „quarantene control“ herumgezeigt wird und ernst diskutiert wird. Die Grenzbeamtin kommt kurz darauf mit ernstem Gesicht und mit den abzustempelnden Zetteln und Faberns Pass in der Hand wieder hinaus, wird jedoch von einem Funkspruch aufgehalten. Kurzerhand drückt sie den Zettelstapel einem anderen Beamten in die Arme, der daraufhin etwas irritiert der davoneilenden Beamtin nachschaut. Fabern schnappt sich den uniformierten und erklärt beim hinausgehen auf Berndeutsch, dass alles Okay sei und dass er nur noch seinen Stempel oder was auch immer aufs Blatt machen müsse. Zusammen stehen die beiden vor dem Panda, der Beamte kratzt sich kurz am Kopf und unterschreibt dann das weisse Blatt. Sofort fahren wir zum Ausgang und verlassen somit die Mongolei durch ein etwas rostiges Eisentor. Nach der Grenze folgen einige Kilometer Niemandsland auf mongolischer Seite, wobei ja nun laut Mätteli durchaus interessant wäre, welches Rechtssystem denn nun hier gelten würde, falls denn etwas passierte.

Wir fahren über die äusserst holprige Strasse den Berg hoch und lauschen den letzten Liedern von Lüssus Playlist. Wir haben nun jeden Tag, ohne ein Lied zu überstringen die gleiche Liste durchgehört und, oh Wunder, genau hier, auf den letzten Metern vor Russland hört die Liste auch auf. Das Letzte Wort in der Mongolei hat also Bünes Varazze und so soll es auch hier im Blog sein:

„Was schnäu afaht, hört o schnäu uf!“

Besuch bei Bayasgalant Kinderhilfe Mongolei

Viele Spenderinnen und Spender unterstützen durch das Team „Eye Of The Taiga“ die Berner NGO Bayasgalant, die sich in UlaanBaatar für Kinder und Jugendliche engagiert. Dieser Beitrag soll nochmals aufzeigen, für was sich Bayasgalant einsetzt und ausserdem die gewonnenen Eindrücke unseres Teams vor Ort zeigen. Zudem möchte „Eye Of The Taiga“ bei allen Leserinnen und Lesern das Interesse für die Organisation und ihre Arbeit wecken.

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Die Tagesstätte befindet sich in einem Aussenquartier von Ulaanbaator.
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Links der Kindergarten, in der Mitte das Hauptgebäude mit Essensräumen und Klassenzimmer.

Bayasgalant betreibt Kinderhilfe in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei. Die Kinderhilfe zeigt sich in verschiedenen Projekten. Durch das Finanzieren einer Tagesstätte haben Kinder und Jugendliche einen Zufluchtsort vor sonstigen Problemen im Alltag und werden durch einheimische BetreuerInnen umsorgt. Ausserdem bieten LehrerInnen Unterstützung bei Hausaufgaben oder bieten Nachhilfe an. Nebst der Tagesstätte betreibt die Hilfsorganisation Bayasgalant einen Kindergarten für die ganz Kleinen unter den Kindern. Dort wird gespielt, gesungen, einige Buchstaben und Zahlen gelernt und jeden Tag ausgewogen gegessen.

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Die Kleinsten am staunen.
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Die etwas Grösseren am posieren.
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Spiderman und die Schnecke.
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Ach so funktioniert das mit dem Schmetterling.

Die Jugendlichen werden bei der Wahl zukünftiger Werdegänge unterstützt oder beraten. Viele ehemalige Tagesstättenkinder kommen jeweils gerne nach den Vorlesungen in der Universität zu einem Abendessen in die Tagesstätte. Zudem ist dies ein beliebter Treffpunkt, da leider viele zu Hause keine stabilen Verhältnisse vorfinden können. Mit Mikrokrediten werden Mütter unterstützt mit dem Ziel, dass es den Kindern besser geht und diese behutsam aufwachsen können. Ab und zu kann auch der Fall eintreten, dass Kinder ein Gespräch zwischen Eltern und Organisation wünschen, um gewisse Probleme klären zu können.

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Geduldiges Warten auf das Startsignal zum Essen.

Das Team „Eye Of The Taiga“ hat sich für diese Hilfsorganisation entschieden, weil sie eine Brücke schlägt zwischen unserem Start- und Zielpunkt unseres Abenteuers: Die Gründerinnen der Organisation sind aus Bern und das Ziel unserer Reise ist die Mongolei.

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Stylischer Tanzlehrer und beeindruckter Momo.

Die Hilfsorganisation Bayasgalant ist vollständig durch Spenden finanziert und wir konnten dank der Hilfe vieler Freunde und Bekannten bereits über CHF 4’300.- für das Projekt sammeln. Natürlich nehmen wir gerne weitere Spenden entgegen! Wir konnten uns vor Ort von der Professionalität der MitarbeiterInnen und der Freude in den herzigen Kinderaugen überzeugen und sind froh, dieses Projekt unterstützen zu können.

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Momo hilft beim Sport.
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Fabian zeigt lieber die Spielzeuge vor.
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Obligatorisches Poserfoto.

Mit Schnauz und Stil im Ziel: 15’309 km

Ulan-Ude, so heisst also diese Stadt, die bis jetzt nur eine Buchstabenfolge auf unserer Visitenkarte gewesen ist. Irgendwie ist es noch nicht ganz greifbar, wir sind also tatsächlich angekommen in der Stadt, des offiziellen Mongol-Rally-Ziels, der gleichzeitig der östlichste Punkt unserer Reise markiert. Hier endet der offizielle Teil der Mongol Rally. Für uns geht es von nun an westwärts via Mongolei zurück. Doch jetzt gilt es erstmal, uns in die Zielfeierlichkeiten zu werfen.

Einfach so stinkig, verschwitzt, mit fettigen Haaren und lumpigen Kleidern wollen wir uns natürlich nicht im Zielraum blicken lassen. Wir fassen zwei Projekte ins Auge: Neue Kleider und neuer Gesichtsbehaarungsstyle. Zielstrebig umfahren wir das Ziel vorerst und steuern ein Sportwarengeschäft an. Wenn wir Eines in den paar Tagen Russland gelernt haben, dann ist es die Tragepflicht eines Adidas-Trainers für alle die, die sich irgendwie zu dem Land zugehörig fühlen. Wir landen in einem Adidas-Store und alle finden ein passendes Tracksuit mit den drei ominösen Streifen. Punkt 1 erledigt.

Zurück im Hostel geht es an die Barthaare. Wie gehabt, darf dies nicht mit eigenen Händen geschehen. So zeichnet sich Mätteli für Fäbels Oberlippenraupe verantwortlich, Fäbel sorgt im Gegenzug bei Mondi und Mättel für eine neue Haarpracht unter der Nase. Selbstverständlich liegen Vorher-Nachher-Fotos vor. Es gibt aber eine goldige Regel: Keiner darf vorerst seinen neuen Style sehen, sei es auf Fotos oder in einem Spiegel.

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#tripoloski in Ulan-Ude.

Fehlt nur noch eine Dusche, damit auch der stinkige Teil zumindest für einen Tag in den Hintergrund rückt. Mondi prahlt, er habe sich sogar zwei Mal eingeseift. Wir werfen uns in unsere neuen Klamotten und fahren – zugegeben etwas hibbelig – in den offiziellen Zielraum. Keine 200 Meter von unserem Hostel entfernt liegt sie vor uns, eine zurechtgebastelte Rampe aus Holz vor einem grossen Plakat „Mongol Rally 2018 – Finish Line“. Es folgt der bürokratische Teil: Deregistration beider (ja, auch von Dobloselig) Autos. Danach dürfen wir auf das Holzgestell hochfahren (Mätteli hat sich den Schlüssel geschnappt kommt die Ehre zuteil). Es folgt heiteres Posieren und Vorführen unseres neugewonnenen Styles mit dem noch stilvolleren (dreckig aber sexy) Superpanda. Sehr zur Freude der anwesenden Organisatoren und anderen Rallyteilnehmern und Rallyteilnehmerinnen.

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AM ZIEL!!!
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Schnauz und Stil halt.
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Draw me like one of your french girls.
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Platz 257 und Sieger der Herzen.

31 Pannen hat uns der Panda bis hierhin beschert – und uns trotzdem hingebracht. Wie oft haben die Pandafahrer neidisch auf den Doblo geschielt, der lediglich sechs Pannen zu verzeichnen hat. Doch nach dem Totalschaden unseres Dobloselig ist der Panda an der ihm aufgebürdeten Aufgabe gewachsen: Nach anfänglichem Husten über die letzten Höhenmeter des Pamirs und einer Erfrischungskur in Osch und Barnaul ist er (momentan, Kreuz an die Decke) nicht zu stoppen. Vergessen sind die Fluche auf die rote Warnleuchte, vergessen die kalten und nassen Fahrten durch Sibirien, kurz: Pandino, ti amiamo!

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Grüsel an der Miss-Ulan-Ude-Wahl.

Höherlegen im Nieselregen: 12’455 km – 15’309 km

Kilometer 12’455

Es rumpelt in der Kiste. Die letzten knapp 2’000 km Fahrt über unzählige Schlaglöcher und fiese Bodenwellen haben vom überladenen Panda offensichtlich ihren Tribut gefordert. Das Blattfederpaket hinten links, das bereits in Aserbeidschan, Usbekistan und Tajikistan jeweils geschweisst, geklemmt und zum Schluss in Kasachstan mit Schnur zusammengeflickt wurde, hat nun komplett den Geist aufgegeben. Die neuerdings um paar Zentimeter verschobene Hinterachse hängt also noch an einer halben Klemme und ein paar Wicklungen Schnur am Chassis. Die Federaufhängung hat sich ebenfalls verschoben und die Stossdämpfer haben ihre Funktion komplett aufgegeben, hängen nur noch lust- und kraftlos zwischen Achse und Auto und vergiessen einsame Tränen letzter Ölreserven, die bei jedem grösseren Schlagloch aus den rostigen Gestalten unter Geächze raus gequetscht werden.

Der Panda hat drei Plätze. Vorne zwei, soweit so normal. Hinten ist jedoch nur noch ein Sitzplatz zu finden, der lieblicherweise „Die Lounge“ genannt wird. Eingepfercht zwischen nacktem Metall auf der rechten und Berge von Gepäck auf der linken Seite, kann die Sitzposition auf der Lounge durchaus ihre gemütlichen Phasen haben. Zur Zeit fühlt sich der Panda jedoch etwas abgeschossen an. Durch das durchgesessene Polster sind die Bodenwellen im ganzen Körper spürbar. Immer wenn eine leichte Unebenheit auf der Strasse überfahren wird, kracht die hintere Aufhängung mit der Achse zusammen und durch die fehlenden Stossdämpfer schaukelt das ganze Auto dann noch mindestens viermal kräftig nach, wobei jedesmal gehofft wird, dass es den Panda jeweils nicht in den nächsten Strassengraben wirft. Es vibriert und schüttelt das ganze Fahrzeug, wahrscheinlich ist jedes Lager und jede Aufhängung entweder durchgefahren, verbogen oder ist bereits komplett abgefallen. Mondis rechte Hand greift zuweilen nach besonders geräuschvollen Bodenwellen zum baumelnden Rosenkranz und Kabelbinder, ansonsten hält er das mittlerweile um gut 60° verdrehte und stark vibrierende Lenkrad mit beiden Händen fest. Ausserdem sitzt er vornüber gebeugt, die Nasenspitze wenige Zentimeter von der Frontscheibe entfernt, versucht durch die nasse, dreckige und seit dem Pamir-Highway gesplitterte Windschutzscheibe etwas von der Strasse zu erkennen. Leichter Nieselregen sorgt für einen ewig diffusen Blick auf das vor uns liegende.

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Mondi versucht die Strasse zu erkennen.

Scheibenwischer gibt es nicht. Kalte und feuchte Luft pfeift durch die vielen offenen Ecken und Ritzen in den Fahrgastraum hinein. Die Heizung wurde ebenfalls auf dem Pamir zu Gunsten einer funktionierenden Motorkühlung ausser Betrieb gesetzt. Zumindest das Dach ist dicht, die eintretende Nässe schleicht sich nur den Fussraum hoch. Dort sorgen mehr oder weniger grosse Rostlöcher beim Durchfahren von Pfützen für ewig nasse und verschlammte Füsse. Wir fahren durch Russland, die Sonne hat sich seit dem Grenzübertritt noch nie gezeigt. Der Himmel ist verhangen und die Tageszeit ist unmöglich abzuschätzen. Ist momentan auch nicht wichtig. Wir fahren bis es dunkel wird.

 

Kilometer 12’835

Dunkel wird es auch langsam, als wir die Stadt Barnaul erreichen. Wir steuern auf direktem Weg eine Garage an, die wir auf der Karte finden. Dort begrüsst uns ein Schild mit der Aufschrift, dass hier von 7 bis 22 Uhr gearbeitet wird, was uns schonmal zuversichtlich stimmt. Die Garage präsentiert sich als „normale“ Werkstatt, wie wir sie seit Baku nicht mehr gesehen haben. Wir könnten ohne weiteres in einem Vorort einer kleinen Schweizer Stadt sein, als wir mit dem windschiefen Panda auf den Vorplatz tuckern. Nur die kyrillische Schrift und die Tatsache, dass alle Mechaniker Namensschilder mit Igor und Ivan tragen werfen uns zurück nach Russland. Als wir aussteigen, wird der Panda ausgelacht begutachtet und wir können unsere Anliegen vorbringen: Bremse vorne wechseln, Reifen flicken, Lenkgeometrie begutachten und Federn hinten reparieren. Kaum ausgesprochen hat ein Mechaniker die alten Bremsscheiben bereits abmontiert und wir freuen uns über die speditive Stimmung die uns umgibt. Als wir die Situation um die Hinterachse mit dem Werkstattchef genauer betrachten, schwindet jeglicher Tatendrang der Mechaniker. Der Panda sei alt und Blattfedern an der Hinterachse kenne man hier nicht und wenn die Feder noch so zerbastelt und kabutt ist wie unsere, könne leider nicht weiter geholfen werden. Wir versichern Arbeitern, dass wir keine Wunder erwarten, aber dass sie doch bitte etwas versuchen sollen. Mondi und Fabern erklären, wie bisher „repariert“ wurde und fordern die Mechaniker auf, kreativ zu denken und bringen einige Vorschläge, welche erst wehement abgewinkt werden. Die Arbeiter diskutieren einige Zeit unter dem Panda, der wie ein totes Tier auf dem Lift hängt. Anschliessend kommt der Kassier, welcher etwas Englisch spricht zu uns und meint, dass sie die Federung bis morgen reparieren wird.

Der Kassier, der sich als Sascha vorstellt, entpuppt sich als unser guter Mann in Barnaul. Er nimmt uns trotz mehrmaligem Abraten seinerseits und auf das Insistieren unsererseits mit zum KFC, wo wir uns drei „Star-Buckets“ gönnen. Sascha will nichts essen. Wie lange wir in Barnaul bleiben, will er wissen. Da wir nur so kurz wie nötig hier bleiben wollen, zögert er nicht und lädt uns kurzerhand für eine Nacht in sein Appartement ein. Unterwegs kaufen wir Bier in einer Bar, da Läden gemäss russischem Gesetz nach 21 Uhr keinen Alkohol mehr verkaufen dürfen. In der Bar ein Bier für die Gasse zu kaufen scheint aber zu funktionieren. Das „Bar“-Schild an der Hauswand ist das Einzige, was uns daran erinnert, nicht in einem normalen Laden zu stehen. Die Biertheke ist jedoch sehr imposant und Sascha bestellt vier verschiedene Biersorten, die in PET-Flaschen abgefüllt werden.

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Bier und Nüssli in Barnaul.
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Lauter, schneller, tiefer.

Weiter geht es in Saschas Schrottbüchse tiefergelegtem BMW mit 100 km/h durch die Strassen Barnauls zu seinem Appartement. Es sei zwar nicht seines, erklärt er, aber er müsse für Freunde die 3 Katzen und den Mops hüten währendem die eigentlichen Bewohner auf Reisen seien. Wir fahren zu einem Plattenbau („Panjelka“ wie Sascha den Baustil erklärt), fahren mit einer Eisenkiste an einem dünnen Draht dem Lift in den 9. Stock. Von innen sind die Wohnungen ganz ansehnlich. Sascha geht mit dem Mops „Dudja“ (russisch für „The Dude“ aus Big Lebowski) spazieren, währenddem wir uns eine Dusche gönnen. Wohlriechend nach „Le petit Marseillais“ nehmen wir in der Küche Platz, trinken Bier, sprechen über Autos und die Eigenheiten Russlands. Das wichtigste russische Wort – Normalna – dient als Erklärung für alles uns absurd Erscheinende. „It normal“ ist einer der Sätze, die Sascha am meisten ausspricht. Die Zeit vergeht im Flug, als Sascha noch Grosses vor hat. Es ist 2 Uhr morgens und er will uns in das Nachtleben Barnauls einführen. Wir ziehen uns warm an, Feble erhält eine Adidas-Trainerhose der ukrainischen Fussballnationalmannschaft und wir sind bereit.

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Spiegel-Selfie vor dem Ausgang.

Verantwortungsbewusst nehmen wir ein Taxi in irgendeine Bar in irgendeinem Stadtteil. Laute Musik und lauter feiernde Russinnen und Russen beleben das Lokal. Es werden Bier und Shots ausgegeben, besonders ein Mann scheint sehr spendierfreudig zu sein. Aufgrund seiner Ähnlichkeit zu einem schweizer Politiker nennen wir ihn liebevoll Toni.

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Toni nach 11 und Febeler nach 3 Jägermeister-Shots.

Toni mag uns. Wir feiern, tanzen und trinken bis in den Morgen und sind erst kurz vor 5 zurück in den Panjelka. Mondi (der als einziger nüchtern geblieben ist) wird beauftragt, Sascha um 9 Uhr zu wecken, da er bereits wieder um 10 Uhr in der Garage sein muss. Punkt 9:00 klopft Mondi an der Küchentür (Sascha hat auf dem Sofa in der Küche geschlafen, um die Stube uns zu überlassen). Viel mehr als ein Brummeln kommt nicht zurück. Mondi und Mätteli versuchen von nun an in regelmässigen Abständen ihn zur Arbeit zu motivieren aufzuwecken. Wir geben irgendwann auf und sind froh, können wir nach der durchlebten Nacht noch etwas länger liegen bleiben.

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Was vom Abend übrig blieb.

Um 11:00 steht Sascha auf, macht uns Kaffee. Er zieht sich ein T-Shirt an und wir fahren wieder ins Zentrum. Erstes Ziel ist eine Wechselstube, wir sind ja immer noch Denguemillionäre. Russische Rubel sollen es sein. „Njetu“ sagt die Dame am Schalter. Wir müssen es am Folgetag in einer Bank versuchen, da am Sonntag alle geschlossen sind. Wir hoffen, dass wir dies in einer anderen Stadt auf dem Weg nach Ulan-Ude tun können, damit wir nicht unnötig Zeit verlieren. Frohen Mutes fahren wir zur Garage und stellen ernüchtert fest, dass seit dem Wechsel der Bremsscheiben gar nichts passiert ist. Die Mechaniker scheinen sich nicht besonders motiviert um unseren Pandino zu kümmern.

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Viel schauen und wenig machen.

Immer wieder müssen Mondi und Fäbu beim Panda stehen und Vorschläge unterbreiten, was sie tun könnten. Alle Ideen werden zuerst abgeschmettert, um sie dann 10 Minuten später als eigene Idee zu präsentieren. Das ganze raubt Zeit und Nerven. Im Warteraum der Garage laufen an diesem Nachmittag alle Terminator-Filme nacheinander auf einem russischen TV-Sender. Mir dem russischen Arnie im Nacken haben wir nun genügend Zeit, den letzten Blog-Eintrag abzuschliessen und hochzuladen. Derweil funkt und hämmert es aus der Garage und endlich läuft das Panda-Upgrade.

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Ivan und Alexesj am wärchen.

Die Mechaniker brutzeln eine Spiralfeder zwischen Chassis und bestehender Blattfeder, um das Heck etwas höher zu legen. Dies ist nötig, da die eingebauten Lada-Ersatzstossdämpfer deutlich länger als die Originalteile sind, und somit ohne Höherlegung genauso effektiv wären wie zwei eingespannte Eisenstangen. Viele „bljat“ und „suka“ später präsentieren uns die Bastler mit sichtbarem Stolz in den Stirnfransengesichtern das Werk. Wir sind begeistert.

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Panda mit Barnauler Hinterradaufhängung.

Nicht sehr viel Freude haben wir an der Rechnung und dem dazugehörenden Geldzirkus. Die Teile kosten um die 4000 Rubine und die Arbeit wird uns mit gut 10’000 roten Steinen verrechnet. Das sind zusammen circa CHF 200 was uns etwas aus der Fassung dem Budget wirft. Wir verhandeln mit Sascha, ob wir mit den kasachischen Dengue bezahlen können, die wir immer noch bündelweise rumschleppen. Nach einigem rumtelefonieren meint Sascha, dass in Barnaul leider keine Bank Dengue zu Rubinen wechsle, er aber einen kenne, der dies für uns tauschen würde. Wir bestellen den Ivan, welcher dann auch auftaucht, uns aber einen sehr schlechten Kurs anbietet. Wir einigen uns darauf, nur das Geld für den Werkstattbesuch zu wechseln und die restlichen Dengues weiter mitzuschleppen, um diese dann irgendwann im fernen Moskau zu tauschen. Sascha ist irgendwie auch nicht wohl bei der Sache, wir nehmen es ihm aber nicht übel, dass keine bessere Lösung gefunden werden konnte. Unvergessen bleibt ja die Nacht im Barnauler Nachtleben und die stinkenden Designerkatzen im Plattenbau, die wir dank ihm erleben durften.

Wir verabschieden uns von Sascha und den Bastlern und setzen uns in den dreckigen Keil um mit ihm über die Strasse zu schweben. Wir fahren aus der Stadt hinaus in die Nacht, um etwas ausserhalb und hoffentlich in einer kurzen Regenpause unsere Zelte hinzuschmeissen und uns in die feuchten Schlafsäcke zu legen.

Kilometer 12’922

Es ist nass. Als wir am morgen in unseren warmen Schlafsäcken aufwachen, finden wir nur Nässe vor. Vom Innenzelt tropft es runter und alle Kleider und die Aussenseiten der Schlafsäcke sind von einer leichten Wasserschicht überzogen. Wir fragen uns ernsthaft, ob wir den nächsten Monat in den dünnen Leinenhosen und mit den ausgelatschen Segelschuhen überleben werden. Mondi und Fabern haben nichtmal eine Jacke dabei, also schlüpfen sie in den einzigen Pullover und quälen sich aus dem Zelt. Die Sonne ist durch die graue Wolkendecke nur schwach zu erahnen und wir betrachten unseren Zeltplatz, den wir am Abend zuvor bei kompletter Dunkelheit ausgesucht haben. Auf einer grossen sumpfigen Lichtung eines Waldes stehen neben einem verweltem Sonnenblumenfeld die beiden Zelte als grüne, nasse Haufen auf matschigem Lehmboden. Daneben der aufgebockte Panda, der uns trotz miserablem Morgen ein Lächeln ins Gesicht zaubern vermag. Die Hinterachse sieht halt schon etwas lustig aus.

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Nasse Zelte und Mätteli mit San Mauro im Panda.

Erhaben fliegen wir kurz darauf mit dem Superpanda über die russischen Strassen. Der Grossteil der Bodenwellen wird von der neuen Federung ohne Probleme ausgebügelt, nur bei kurzen und tiefen Unebenheiten wird der Federweg komplett ausgereizt und die Stossdämpfer krachen auf die Aufhängung am Chassis. Die Strasse schlängelt sich durch Birkenwälder, weite Sumpfgebiete und die Sonne schafft es nur vereinzelt durch den dichten Wolkenschleier durchzudringen und schenkt uns einige Sekunden Wärme durch die Windschutzscheibe.

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Sibirischer Panda in der seltenen Sonne.

Ohne Innenraumheizung ist es schwierig, sich im Auto aufzuwärmen. Wir wickeln Badetücher um die halbtoten Füsse und setzen uns auf die Hände um diese ebenfalls am Leben zu erhalten. Das einzige Paar Handschuhe hat Mätteli geschnappt haben wir Mätteli vermacht, der sich nun am Steuer wie ein richtiger Chauffeur fühlen darf.

 

Kilometer 13’496

Wir halten nur für einen Stopp in einem Supermarkt, um zu tanken und um uns in einer Raststätte aufzuwärmen.

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Auftauender Febeler durch angelaufene Linse.

Wir legen 574 Kilometer zurück und nähern uns immer mehr dem östlichsten Punkt der Rally. Das Prozedere der Schlafplatzsuche ist mittlerweile eine reine Formsache: In eine Seitenstrasse abbiegen, ebenes Stück Wiese finden, Zelte aufschlagen, kochen, schlafen.

Einen Wecker braucht es nicht, da wir sehr früh dran sind. Die Kochprozedur erfolgt diesmal auf etwas lustigere Art. Nachdem die wichtigsten Utensilien bereitgestellt sind, verkriechen sich Feble und Mondi in den Pandino und Mätteli beginnt halb im Schlafsack und halb im Vorzelt zu kochen. Nachdem das Wasser zu kochen beginnt ertönt im Panda über die Boom-Box „De tueni jitzt mal di Teigware inni“. Informationsfluss vom Feinsten. Feble geniesst die Teigwaren ohne Sauce aber mit reichlich Olivenöl, da sein Magen am rebellieren ist.

Nach einer erholsamen Nacht werden wir mit einigermassen trockenen Zelten überrascht. Zum Zmorge gibt es einen Drohnenflug, Pastareste und Nuttellabrötchen. Die Sonne versucht sich durch die dicke Wolkendecke bemerkbar zu machen. Ab in den Pandino und los geht’s in Richtung Irkutsk.

 

Kilometer 13’720

Der Regen lässt die Sicht auf die Strasse verschwimmen. Ebenso verschwimmen in unserer Wahrnehmung die letzten Tage. Alles scheint nach dem gleichen Ablauf zu funktionieren. Nasse Zelte abbauen, sich in den nicht weniger feuchten Panda hineinfalten und fahren. Fahren bis zum Fahrerwechsel. Tankstopps gibt es ca. alle 200 Kilometer. An einer Tankstelle werden Snacks für das Mittagessen gekauft, auch hier immer nach dem gleichen Muster: etwas Salziges (Chips, o.Ä.) und etwas künstlich-chemisch Süsses. Wieviele Kilometer sind wir nun schon wieder gefahren? Wie hat der Zeltplatz von heute Morgen ausgesehen? Wie der von gestern, von vorgestern? Die zwar schöne, jedoch eintönige sibirische Landschaft trägt nicht viel dazu bei, diese Fragen eindeutig beantworten zu können. Eigentlich ist es auch egal, wir fahren im Superpanda nach Ulan-Ude ohne Nennenswerte Rückschläge und daher wohl auch im Zeitplan oder sogar etwas schneller. Und Eines wissen wir auch bestimmt: Die Zelte werden am Abend wieder in einer sumpfigen Wiese aufgestellt, wir haben die Hoffnung aufgegeben, in absehbarer Zeit einen trockenen Platz zu finden.

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Panda zwischen Birken.

Für Abwechslung sorgt einzig die erste russische Polizeikontrolle (eigentlich die Zweite, nachdem Mätteli bei der Ersten einfach durchgerasselt ist). Der freundliche Polizist kann sich ein Lachen zu unserem Erscheinungsbild nicht verkneifen und ist ebenfalls amüsiert ab der Tatsache, dass wir kein Russisch sprechen. Nach dem Zeigen aller Dokumente muss Mätteli aussteigen. Der Polizist zeigt mit einem Schmunzeln auf das an der Motorhaube angeklebte Nummernschild und gibt zu verstehen, dass dies eigentlich an einem anderen Ort sein sollte. Mätteli lässt einen fahren zuckt mit den Schultern und lächelt. Der Beamte fragt noch kurz, wohin wir fahren und lässt uns dann unerwartet schnell wieder gehen. Einige Kilometer später wieder ein Polizist, der auf das Nummernschild zeigt. Diesmal ist aber Fäbeler am Steuer. Er wählt eine andere Taktik: Er öffnet die Motorhaube und zeigt seine Schuhe, die zwecks Trocknung im Motorraum liegen. Es herrscht Heiterkeit, der Polizist sagt „Auf Wiedersehen“ und wir fahren weiter.

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Panda, Zelte und ein sibirischer Bär.

 

Kilometer 14’248

Es ist kalt. Es ist nass. Wir fahren über einen Bahnübergang. Mätteli freuts. Transsibirisch etwas.

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Den Lada kommt standardmässig mit der BahnwärterInnenuniform.

Kilometer 14’691

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Am Abend vor der Sonne.

Sonne! Ein merkwürdiger heller Fleck am Zeltdach kündigt eine Wetterveränderung an. Und tatsächlich. Draussen ist der Himmel blau und nur von einzelnen Schleierwolken durchzogen. Die aufgehende Sonne trifft die Zelte und die eingerosteten Gelenke der Panda-Crew. Gut gelaunt wird Porridge gelöffelt, der Panda etwas aufgeräumt und die fast trockenen Zelte und Schlafsäcke wieder eingeräumt.

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Sonne beim Wasserpumpen.

Die Fahrt geht weiter und Fabern bemerkt auf dem Rücksitz, dass ihn der Geruch der drei an einen schlecht ausgemisteten Kaninchenstall erinnere. Die geplante Route führt uns heute am Baikalsee vorbei.

Panda und Transsib am Baikal
Baikal, Transsib und Baikal Highway mit Panda als kleiner Punkt.

Kurz nach Irkutsk nach einer Serpentine eröffnet sich der Blick auf das grosse Gewässer. Sehr eindrücklich! So gut, dass wir uns entscheiden, nicht bis Ulan-Ude zu fahren und stattdessen eine Nacht am Ufer zu verbringen. Die Strassen dorthin erweisen sich jedoch als grösste Holperpiste seit Kasachstan. Immerhin wird fleissig saniert. Wir steuern das Ufer des Sees und eine Häuseransammlung an, die wir auf der Karte ausgemacht haben. Dort erhoffen wir uns einen Zeltplatz in der Nähe des Gewässers zu finden. Wir finden jedoch nur ziemlich verlassen und etwas zerfallen aussehende Hotels und Restaurants und fahren einen kleinen Kiesweg parallel zum Ufer weiter. Zu unserer Linken reihen sich grosse Zäune und verriegelte Tore, zwischen denen wir ab und zu das Wasser erspähen. Bei einem Tor hängt ein schiefes und etwas abgeblättertes Schild auf welchem Mätteli die beiden russischen Worte „freie“ und „Zimmer“ entziffert. Wir betreten das Grundstück und finden tatsächlich einen Typen in Adidas-Trainer, der uns für 400 Rubine im Garten die Zelte aufstellen lässt. Der Garten gehört zu einem Grundstück mit einem Hauptgebäude, wo wahrscheinlich die Zimmer untergebracht sind, bei welchem aber bereits einige Fenster fehlen. Die verbleibenden hängen alle etwas schief und mit abgeblätterter weisser Farbe in den blauen Fensterrahmen und das gesamte Anwesen wirkt, als hätte man es es seit dem Fall der Grossmacht dem Zahn der Zeit und der Witterung überlassen. Wir sind aber begeistert von unserem Zeltplatz, dieser liegt unter grossen Birken und nur einen Katzensprung vom Baikalsee entfernt. Obwohl wir heute früher als üblich unterwegs sind, wird das Standardkilo Pasta gekocht und verdrückt und kurz darauf verschwinden alle drei in den Zelten, obwohl die Sonne am anderen Seeufer noch nicht ganz verschwunden ist.

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Sowjet-Romantik mit McKinley-Swag.

Entsprechend früh wacht das Trio auch wieder auf, geniesst es aber, für einige Stunden im gemütlichen Schlafsack zu liegen und dem Wind und der Brandung zu lauschen. Und dem Hundegebell. Seit Sonnenaufgang kläfft der Wachhund des Anwesens ununterbrochen in seinem Zwinger. Bis irgendwann, am späten Morgen Fabern fragt: „Dä Hümpu.“, worauf sich alle einig sind, dass nun Zeit aufzustehen sei, alle ihre 800g Porridge reinstopfen und den Panda wieder fit für die Weiterfahrt machen. Mit gequälten Lächeln in den Gesichtern kauen wir kurz darauf mit den Vorderzähnen auf einem Stück rohem Fisch herum, das uns der Hausherr (Heute im Russia-Traineranzug) aufgedrängt hat. Sehr fein, mmh, spasiba, bye bye, wir müssen nun wirklich und weiter geht die Fahrt nach Osten.

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Ein Plastikteller voller Brechreiz zum Zmorgen.
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Drei Buben am Posieren.

Kilometer 15’148

Unser Tagesziel ist sogleich das offizielle Mongol-Rally-Ziel und liegt in Ulan-Ude. Kurz nach der Abfahrt müssen (Mondi und Fabern) oder dürfen (Mätteli) wir erneut an einem Bahnübergang warten, bis der endlose Zug durchgerattert ist. Als unser Weg endlich wieder frei ist, murmelt Mätteli etwas beeindruckt „85, he“, wir verstehen nicht, nicken und setzen unsere Fahrt zum Ziel fort.

 

Kilometer 15’309

Langsam macht sich Euphorie im mittlerweile einigermassen trockenen Panda breit. Mätteli checkt regelmässig das Navi seinen Navigationssinn und ermittelt, dass Ulan-Ude gleich um die Ecke sein muss. Und an einer Abzweigung ist es soweit: vor uns liegt die wunderschöne Säule aus Sowjet-Zeiten, die das Ulan-Udener (Ulan-Udonesische?) Rayon ankündigt. Sofort wird mitten auf der Abzweigung angehalten, Fotoapparat und Stativ hervorgenommen. Wir sind endlich in der Stadt des offiziellen Ziels angekommen. Glückselig posieren wir für die Schnappschüsse am Stadteingang und freuen uns auf den Zielzirkus, der nun auf uns zukommt.

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Vorfreude mit Ulan-Ude in Sichtweite.

Schlaglochparty nach Almaty: 10’050 km – 12’455 km

Kilometer 10’050

Man könnte ja meinen, dass wenn man aus einem Land ausreist, spätestens ein paar hundert Meter weiter das nächste Zollhüttchen liegt. Bei Tadschikistan und Kirgistan ist dies nicht der Fall. Nachdem wir den Panda die 60 Höhenmeter hochgequält haben, begrüsst uns ein italienischer Velofahrer. Von der kirgisischen Grenze ist weit und breit nichts zu sehen. Momo nimmt beim Panda den Gang raus, damit dieser das Gefühl hat, dass er abgeschleppt wird und lässt ihn den Hügel runterrollen. Die Strasse zum Kirgi-Zoll ist lange, kurvig und schlecht. Das Trio durchfährt Wasserrinnsale strömende Bäche und alle sind sehr dankbar für den eingebauten Schnorchel. Zwei Hügelzüge weiter und eine Lobeshymmne an den Schnorchel später, wird angehalten, um den roten und den blauen Fluss zu fotografieren, an denen ein Murmeli seelenlos seelenruhig schläft. Nach einigen Kilometern und einem Kommentar von Mätteli, dass dies eine der längsten Distanzen zwischen zwei Grenzübergängen sei, erreichen sie den kirgisischen Zoll. Es taucht niemand auf also wird gehupt. Ein bewaffneter Grenzbeamter mit Magazin in der Waffe taucht auf und fängt an sich zu beklagen und seine Autorität auszuspielen. Er scheint sich über das Hupen zu beklagen und befiehlt Momo aus dem Auto auszusteigen. Momo läuft ihm nach bis zu einem Schild auf dem was auf Kirgisisch steht. Der Beamte fuchtelt mit den Armen, zeigt auf das Auto und auf das Schild. Mondi versichert ihm, dass er dies nicht lesen könne, was da notiert ist. Der Uniformierte greift an den Lauf der Waffe und richtet diesen auf die Pändeler. Dann beginnt er über das Nummernschild an unserem Auto rumzunörgeln und dass dieses nicht gut sichtbar ist und er somit nicht erkennen kann, ob es sich hier um Touristen oder Terroristen handelt. Die drei versichern ihm auf Schweizerdeutsch, dass dies wohl das schlechteste Kriterium sei, Touristen von Terroristen zu unterscheiden. Sie strecken ihm die Pässe entgegen aber er meint, es müsse noch kurz gewartet werden. Sein Freund taucht auf und beide fangen mit dem Grenzwachhund, einem Pudel, an zu spielen. Nach einem Angebot von 200$ für das Pocketbike findet ein dritter Grenzbeamter den Weg ins Wachlokal und kontrolliert die Pässe. 150 Sumoringerli ärmer und genervt ab dem genervten Grenzbeamten, passieren die drei Buben die Grenze.

Kirgistan präsentiert sich im Vergleich zu Tajikistan viel grüner und üppiger. Leichter Nebel liegt zwischen den grasbewachsenen Hügeln und nur die sporadischen Jurten erinnern einem daran, nicht durch Schottland zu fahren.

Bis Osch sind es 228 km, zwei Pässe, einmal Tanken und ca. 50 Rosenkranzstreicheleinheiten.

In Osch gibt es das grosse Wiedersehen. Glücklich fallen sich frisch geduschte, nach Rosenfeldern und Kevins Conditioner duftende und Geissböckelige in die Arme und erzählen wild durcheinander, wie alle den Weg nach Osch geschafft haben. Nach einem stärkenden, warmen Abendessen werden alle Kleider gewaschen und alle sitzen beieinander und lauschen gespannt den Beschreibungen aller Erlebnisse der letzten Tage.

In Saray-Tash verabschieden wir uns von Team Columbus und den vier Engländern und schleppen unser total unhandliches Gepäck zu einem Hostel. Ein Backpacker schaut uns schräg an, als wir mit Gemüsekisten voller Kleider und überfüllten Plastikboxen vor der Herberge auftauchen. Das erste Hostel ist leider zu teuer für uns, deshalb sehen wir uns ausgehungert, übermüdet und in Krisenstimmung nach einem billigeren um. Bereits das nächste entspricht zum Glück unserem Budget und wir wollen sogleich das im Preis inbegriffene Nachtessen verschlingen. Als wir erwähnen, dass alle vier kein Fleisch essen, lachten die beiden Kirgisinnen vom Hostel erstmal völlig ungläubig. Dann schauen sie sich ratlos an – was serviert man nun diesen seltsamen Europäern? Wir einigen uns wie immer auf Brot, diesmal mit Butter und Konfitüre. Destiny entdeckt zwei Dosen Erbsen hinter der Theke und zeigt auf diese – nun haben wir Brot und kalte Dosenerbsen, ein wunderbares Essen, da Hunger bekanntlich der beste Koch ist.

Am nächsten Morgen fährt uns ein Kirgise vom Hostel die 200 km bis in die Grossstadt Osch. Die Strassen sind nun sehr gut und wir verlieren rasch an Höhe. Die einzigen Hindernisse sind die unzähligen Schafe, Ziegen und Pferde auf der Strasse. Unser Taxifahrer ist sichtlich stolz wenn er merkt, wie schön wir die aberhunderten eleganten Rösser finden, welche wir alle paar Meter auf und neben der Strasse sehen. Etwas nach der Hälfte des Weges überholen wir einen grossen, schmutzroten Bus und voller Freude winken und rufen wir Team Comumbus ein Hallo zu.

Osch erweist sich als Balsam für unsere Leibe und Seelen: Die Luft ist endlich wieder warm und sauerstoffreich, wir finden ein sauberes Hostel mit Waschmaschine, überraschen unsere Körper mit Proteinen und Vitaminen durch selbstgekochten Linsen und Karotten und können endlich wieder Geld abheben. Kurz darauf treffen neue Gäste im Hostel ein: Es sind tatsächlich die vier Engländer, mit welchen wir im Bus waren! Da sie früher als wir um Obhut gebeten haben, durften sie bis nach Osch mitreiten und haben sich dasselbe Hostel wie wir ausgesucht. Boris ist froh um ein bisschen männliche Gesellschaft, jongliert mit ihnen etwas mit einem Fussball und spielt später mit ihnen Karten währenddessen die Mädels spazieren oder Ukulele spielen. Derweil nähern sich unsere drei Jungs im Panda.

Sie schreiben Destiny und Boris, dass sie es heute auch noch nach Osch schaffen und diese geben ihnen freudig den Namen des Hostels an. Sie verschweigen diese Neuigkeit Fistel und Kevin – es soll eine Überraschung werden. Als der Panda am späten Abend dann auftaucht, sind die beiden dann auch völlig aus dem Häuschen und hüpfen quiekend um die todmüden und matten Jungs herum.

Kilometer 10’306

Frühmorgens müssen die Doblolosen bereits wieder abreisen, da die lange Fahrt nach Bishkek bevorsteht. Etwas später und sehr erholt, machen sich die drei Ingenieure mit dem Panda auf den Weg zu einem Mechaniker. Nach einigem Suchen landen wir bei einem jungen Mann, der etwas Englisch versteht und welchem wir die Symptome des kleinen Italieners näher bringen können. Er verspricht, sich dem Problem anzunehmen und nennt uns einen Abholtermin in ein paar Stunden. Wir nutzen dieses Zeitfenster um Abschleppseil und Wagenheber und einigen Kleinkram fürs Auto zu kaufen.

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Megerli Mätteli auf Einkaufstour in Osch.

Uns gönnen wir einen Kaffee und ein Müesli, welches wir zurück im Hostel unter Tränen der Glückseligkeit geniessen. Nun ist es an der Zeit die Route zu überdenken und neu zu planen. Wir breiten die Karte in der Küche auf dem Tisch aus und fahren mit dem Finger mögliche Strassen ab, während wir versuchen, alles in den zeiltlichen Rahmen des Russland-Visa zu quetschen. Wir haben dieses für den gesamten Monat September und möchten dies auch komplett ausnutzen. Nach einigen diskutierten Varianten und wundgefahrenen Fingerspitzen, steht das grobe Konzept der neuen Route fest:

Am 1. September soll die russische Grenze erreicht werden. Das bedeutet, dass wir die Fahrt durchs Landesinnere Kirgistans streichen und auf direktem Weg nach Kasachstan fahren. Dort werden wir ebenfalls nur drei Tage für 1500 km haben und werden idealerweise die russische Grenze wie gewünscht Anfang September überfahren. Anschliessend geht es weiter durch Sibirien bis zum Ziel in Ulan-Ude. Auf dem Rückweg werden wir dann endlich unser Herzensziel, die Mongolei mit unserem Pändeli durchfahren können.

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Mondi zeigt Mätteli wo Moskau liegt.

Nach diesem organisatorischen Teil kann der Panda beim Mechaniker abgeholt werden. Mondi und Mätteli machen sich auf den Weg dazu, Fabern bleibt zurück im Hostel um die Instagram-Seite des Teams zu aktualisieren. Der Mechaniker, ein Kirgise mit Hosenbund am Brustbein erklärt auf Russisch, was das Gebrechen des Pandas gewesen sein könnte. Der junge Mann erklärt uns darauf in Englisch, dass er den Lufteinlasssensor gereinigt hat, zudem hat er auch noch den Ansaugtrakt besser abgedichtet, dass keine Ansaugluft neben dem Luftfilter vorbeizischen kann. Wir sind zuversichtlich, dass dies das vorläufige Ende der Krankheitsgechichte unseres Pändeli ist.

Nach einer kurzen Nacht trennen wir uns bereits wieder und wir vier Autolosen drücken uns frisch geduscht früh am Morgen mit fünf Kirgisen in einen Sechssitzer, um nach Bishkek zu fahren. Das shared Taxi sei der bequemste und einfachste Weg um in die zwölf Stunden entfernte Hauptstadt zu gelangen, haben wir gelesen. Ein Kirgise hat eine Riesenfreude ab uns Schweizern und lobpreist die Schönheit der drei Frauen. Er fragt Boris, wie er denn heisse. Als dieser mit seinem zentralasiatischen Pseudonym antwortet, hat der Kirgise wieder seine helle Freude und holt ihm sogleich einen Kaffee. Auf die Gegenfrage antwortet er mit „Michael“. Schmunzelnd speichern wir den Namen unseres neuen Freundes ab und als Boris den wegblickenden Kirgisen kure Zeit später mit Michael anspricht reagiert dieser in keinster Weise. Fischti kombiniert deshalb, dass er wohl etwa so Michael heisst wie Boris Boris.

Während der langen Fahrt müssen wir uns immer wieder zusammennehmen, nicht in den gesellschaftlich eher unakzeptierten Rallymodus zu fallen wie zum Beispiel den Beifahrern unsere nackten Füsse ins Gesicht zu drücken. Vielleicht hilft auch die Musik dabei: laut scheppernder zentralasiatischer Pop. Die eher gewöhnungsbedürftige Playlist besteht aus etwa zehn Liedern. In Endlosschlaufe. Für zwölf Stunden. Lustig ist hingegen, dass der Fahrer den Kopf einen seiner zwei Sitznachbaren immer nach unten drückt, wenn die Polizei in der Nähe ist.

Zurück im Hostel kommen wir ins Gespräch mit einem Israeli, der den Pamir mit dem Velo bewältigt hat. Er ist jedoch dermassen gädrig dass wir uns Sorgen um seinen Gesundheitszustand machen. Darauf angesprochen erzählt er sein Leidensweg durch den Pamir inkl. Spitalaufenthalt in Chorogh. Zusammen mit anderen Hostelgästen drängen wir Ihn, unbedingt und umgehend medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach unserer nicht-medizinischen Einschätzung (Destiny gehört ja zu den Doblowaisen) dürfte der arme Israeli einen Parasiten bewirten. Diese Geschichte rückt unser Pamirabenteuer in ein anderes Licht und wir sind froh, primär mit technischen Problemen gekämpft zu haben.

Eine stärkende Pfanne Teigwaren gibt den Pandanauten Energie, um einige Kilometer ausserhalb Oschs einen Schlafplatz zu finden. Nach 70 Kilometern werden die Zelte in den sanften Hügeln an der Grenze zu Usbekistan aufgeschlagen. Der Panda macht mit, aber von einem Härtetest zu sprechen, wäre an dieser Stelle übertrieben.

Der nächste Morgen beginnt mit Morgentoilette (den Dreien geht’s besser) und Porridge – ein halbes Kilo Haferflocken werden abbigewurgt gegessen, es soll bis zum Znacht reichen. Das Gepäck wird auf’s Dach gezurrt und los geht die Fahrt in Richtung Bishkek. Mätteli fährt übermotiviert zügig los – die Etappe umfasst ca. 600 Kilometer. Mättelis Fahrstil rächt sich schon ziemlich bald. Mit einem Knall landet die Kochkiste vom Dach auf dem kirgisischen Asphalt und geht in die Brüche. „Di Chischte isch eigentlech scho no gäbig gsy“ meint Fäbu. Also umdenken und umpacken: Kochzeug einzeln ins Auto, Schlafsäcke und Mätteli (die zum Schlafen, wobei die Verlockung gross ist…) aufs Dach. Dies geht für 20 Kilometer gut, dann liegen die Schlafutensilien quer über der Strasse verteilt. Wieder umpacken. Alles was ins Spannset eingefädelt werden kann (Zelte, Schlafsäcke) aufs Dach, alles andere ins Auto – obwohl der Platz schon spärlich ist. Weiter geht’s zügig voran. Bis der Panda von der Polizei gestoppt wird: 65 km/h bei erlaubten 50 km/h. Zufälligerweise wird gleich hinter dem rasenden Italiener ein neuseeländisches Mongol-Rally-Team angehalten, das ebenfalls zu schnell unterwegs war. Die Beweislage ist erdrückend, da die Fahrer das Radarfoto gleich vor Ort begutachten können. So weit so gut, doch dann beginnt das Gezetere. Auf die Frage, ob wir Russisch können antworten wir mit Nein – zur Freude der Polizisten. Denn nun zeigen sie auf irgendeinen Verordnungsartikel auf Russisch mit dem dahintergestellten Bussbetrag: 20000 Som – umgerechnet 300 Franken. Die Fahrer der beiden Autos verwerfen die Hände. Das Druckmittel der Polizisten sind unsere Fahrausweise, die wir bereits abgegeben haben. Gemäss normalem Ablauf müssen Bussen in Kirgistan auf der Bank bezahlt werden, um Korruption zu vermeiden. Diese liegt jedoch zu diesem Zeitpunkt 30 Kilometer in die andere Richtung – sagen die Polizisten. Die Absicht ist klar: Mit dem Erklären des mühsamen Bussbezahlungsprozesses und der Nennung eines exorbitant hohen Bussbetrags erhoffen sich die Polizisten ein gutes Schmiergeld. Zwei junge kirgisische Passanten erklären Momo, der im Panda geblieben ist, wie damit umzugehen ist. Momo mag Trouble. Er schnappt sich Notizbuch und Stift und bittet jeden Polizisten um seinen Ausweis, damit er deren Daten erfassen kann. Nun werden die Polizisten, insbesondere der augenscheinlich wichtigste im weissen Hemd, hässig und drücken den Fahrern genervt die Bussformulare in die Hand, auf Mättelis und Momos ausrufen fügt der Weisshemdige eine weitere Null hinter den Bussbetrag. Es wird kurz laut, den Polizisten zu dumm und die Fahrer erhalten ihre Ausweise zurück, ohne eine Busse zu bezahlen. Wäre dies hier GTA, wären nun 3 Sterne oben rechts zu sehen.

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Mätteli und die Neuseeländer schenken den Polizisten ein müdes Lächeln.

Eine Stunde später, gleiches Verdikt: 65 km/h bei erlaubten 50 km/h. Beweislage erdrückend. Es wird jedoch auf einen anderen Verordnungsartikel gezeigt, der sogar die Passage „0 – 20 km/h“ beinhaltet. Kostenpunkt: 1’000 Som, ca. 15 CHF. Seems legit. Mätteli hat nun die Wahl zwischen Barbezahlung an den Polizisten (a.k.a. Schmiergeld) oder wieder eine halbstündige Diskussion. Das zweimalige Umpacken, die vorangegangene Diskussion mit den anderen Polizisten und die durch den Fahrstil Mättelis die Ermüdung erneut gebrochene Blattfeder haben genug an den Nerven gezehrt: Mätteli steckt dem Mann mit Mütze einen Tausender ins Büchlein und darf dafür umgehend weiterfahren.

Immerhin: Die Fahrt nach Bishkek belohnt die Mannen im Panda mit wunderschönen Landschaften. Je nach Höhenlage wähnt man sich in der Schweiz, in Schottland, oder im trockenen Griechenland. Einzig die Jurten mahnen einen auch hier an den wahren Aufenthaltsort. Wobei gerade in den höheren Lagen wohl keiner der Drei etwas gegen ein „Bergrestaurant Meierisli“ mit Rivella im Offenausschank hätte. Stattdessen werden am Strassenrand Honig, getrocknetes Jogurt und Kymys (vergorene Pferdemilch) in gebrauchten PET-Flaschen angeboten. Zugunsten der sich zwar bessernden, aber immer noch labilen Verdaungsorganen des Teams wird darauf verzichtet.

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Sefinefurgge Kirgistan.

Das Pändeli wird mehrere Pässe hoch- und runter geprügelt und dabei kreischt und scheppert es aus dem Motorraum aber die gefürchtete Warnleuchte oder der Leistungsverlust zeigen sich glücklicherweise nie. Auf der Passhöhe der letzten Bergkette vor Bischkek verschwindet die Sonne und somit das Tageslicht und lässt uns mit den halbzerschlagenen Funzeln des Pandas zurück. Die dunkle und kurvenreiche Strasse mit vielen Schlaglöchern wäre Herausforderung genug. Hinzu kommen jedoch Halsbrecherische Manöver anderer Verkehrsteilnehmer. Vornehmlich Lastwagen inklusive Anhänger donnern neben uns den Berg hinunter, überholen uns in unübersichtlichen Kurven und wir poltern von Schlagloch zu Bodenwelle, sehen durch die zerschlagene und dreckige Windschutzscheibe und dem Volllicht der Entgegenkommenden wenig bis nichts und greifen im Sekundentakt zum Rosenkranz am Innenspiegel.

Spät Abends erreichen wir erschöpft aber unversehrt die Zielstadt. Wir fahren direkt ins Zentrum und stellen den Panda, mangels Parkmöglichkeiten, selbstbewusst auf einem grossen Platz direkt neben ein stehendes Polizeiauto ab. Der darin sitzende Uniformierte lacht nur und beginnt mit seinem Smartphone zu filmen und wir verstehen dies als Parkerlaubnis. Nach einem üppigen Znacht in einem ansonsten leeren Lokal geht die Suche nach einem Bankomaten für Dollar los. Zunächst zu Fuss und später mit den Auto werden verschiedene abgeklappert aber überall zeigt sich, dass nur die lokale Währung bezogen werden kann. Wir verschieben das Geldbeschaffen auf Almaty und somit den nächsten Tag und machen uns auf den Weg Richtung 20 km entfernter Grenze.

Mitternacht ist bereits seit einer halben Stunde vorüber, als wir die Grenze in Sichtweite haben. Ein drittes und letztes Mal versucht sich die korrupte Polizei daran, uns etwas Geld abzuknöpfen. Ein greller Pfiff trillert durch die Nacht und ein kleiner Mann mit grossem Gewehr kommt angerannt. Wir hätten beim Häuschen gerade eben anhalten und nicht einfach weiterfahren sollen. Schliesslich seien sie ja die Polizei. Das sei jetzt sehr „big problem“ und „money money“. Müde tauschen wir im Panda Blicke aus und Mondi schnappt sich bereits routiniert Stift und Büchlein, steigt aus dem Auto aus und meint zum Büblein er solle ihn doch zu seinem „Ober-Baba“ führen. Irgendwie versteht der Polizist und führt Momo und Mätteli in das Büro des Bosses. Dieser wirkt erst etwas überrumpelt ob der Ankunft der Touristen, wittert aber das grosse Geschäft und zückt sofort Formulare und erfindet irgendwelche Gesetzesübertretungen mit dazugehörigen Bussen. Natürlich seien wir bereit alles zu bezahlen, wenn doch der nette Herr seinen Polizeiausweis zücken würde, damit dieser auf das Büchlein von Momo übertragen werden könne. Weil ja bestimmt alles mit rechten Dingen zu und her ginge, soll dies ja kein Problem darstellen. Irritiert und hässig stürmen Momo, Mätteli und der Chef auf Berndeutsch und Russisch gleichzeitig neben- und miteinander, bis der Boss die beiden aus seinem Büro jagt. Zufrieden und ohne einen Sum weniger im Portemonnaie steigen die beiden zu Fabern in den Panda und fahren zur Grenze weiter.

Kilometer 10’985

An der Grenze trennen sich die Wege der Passagiere und des Fahrers wie immer, da beide durch verschiedene Kontrollstationen durchgeschleust werden. Fabern fährt den kleinen Panda also zu den wartenden Fahrzeugen. Der erste Beamte ruft freudig „Tourist!“ und winkt das Pändeli ganz nach vorne.

Dort muss Febeler einige Zettel ausfüllen und wird von den wartenden Fahrern tatkräftig unterstützt. Alle zeigen gleichzeitig mit den Fingern auf eine andere Zeile, rufen etwas auf Russisch, reissen den Stift weg und strecken neue hin. Nach dem Ausfüllen und unterschreiben des Formulares bekommt Febeler vom Grenzbeamten ein kleines quadratisches weisses Zettelchen. Was denn damit sei, fragt Fabern und bekommt als Antwort von allen aus der Runde „bliertsch“ oder sowas zugerufen. Fabern macht in dieser Situation, was er sonst immer tut, schreibt die Autonummer auf den Zettel und reicht ihn dem Beamten. Dieser schaut fragend aus dem Häuschen und verlangt „bliertsch“. Fabern erklärt auf Berndeutsch, dass dies doch nun da stehe, worauf der Beamte den kleinen Zettel abstempelt und zurück gibt.

Bei den weiteren Stationen des Grenzprozesses sind die Beamten immer etwas irritiert wenn sie den Zettel anschauen, aber da er einen Stempel hat, scheint er etwas offiielles zu sein und stempeln ihn jeweils auch. Die Gepäckkontrolle findet in einer grossen Halle statt, wo alle Fahrer ihr Auto neben einem mit Stoff überzogenen Euro-Pallett abstellen und jedes Gepäckstück, jedes Münz und jeden Zigarettenstummel aus dem Auto ausräumen und schön auf dem Pallett anordnen müssen.

Der Zollbeamte fordert Faben auf dasselbe zu tun. Dieser versteht leider gar nicht genau, was der Mann von ihm möchte und streckt ihm nur den Fahrzeugausweis und das kleine abgestempelte Zettelchen entgegen. Der Uniformierte fragt, ob Fabern denn kein Übersetzer auf dem Handy habe. Oder ob er jemanden anrufen könne, der Russisch verstehe. Zuletzt zeigt er pantomimisch vor, wie er Kiste um Kiste aus dem Panda räumt. Fabian begreift leider immer noch überhaupt nicht und erklärt dem Beamten auf Berndeutsch von wo der Cay-Kocher auf dem Dach sei und wie dieser am Besten bedient wird. Genervt lässt der Beamte Faben stehen, kehrt kurze Zeit mit einem Hund zurück, welcher um und halb in den Panda geführt wird. Da dieser ziemlich unbeeindruckt wirkt, seufzt der Beamte, nimmt die Zettel, fragt was denn die Autonummer solle, worauf Faben nur „bliertsch“ sagt. Der Beamte schaut Fabern müde und emotionslos in die Augen, Stempelt die Zettel, ohne den Blick abzuwenden und meint dann „welcome to Kazakhstan“

In der Zwischenzeit füllen Mettel und Mondi einen Zettel aus, welcher Ihnen von einem Baba mit grossem Hut überreicht wurde. Die beiden stellen sich in die Schlange vor der Passkontrolle an und warten geduldig. Plötzlich fängt ein Mutti an hinten zu drücken und Mätteli weist sie höflich auf Berndeutsch hin, dass es nur so schnell geht wie es geht. Das Mutti wirkt empört und beschwert sich bei einem Co-Mutti. Mettel streckt der Passkontrolle den Pass entgegen, macht ein Foto und huscht mit dem „White – Privilege“ gekonnt durch die Kontrolle. Bei Mondi dauert das Ganze etwas länger. Der Grenzbeamte vergleicht Momo mit dem Bild auf dem Pass und blickt immer wieder auf den Computer. Nach ca. 5 Minuten öffnet ein anderer telefonierender Beamter die Kabinentüre und gesellt sich zu ihm und und schaut ebenfalls auf den Computer. Als würden nicht zwei Beamte ausreichen, um Memory zu spielen und zwei Bilder miteinander zu vergleichen, stösst eine Militärfrau dazu und schafft es endlich Mondi auf Englisch anzusprechen. Die erste Frage betrifft die Nationalität. Mondi weist sie auf den Pass hin und gibt ihr zu verstehen, dass die Nationalität üblicherweise der des Passes entspricht. Die drei strengen sich nochmals an und vergleichen die Bilder auf dem Computer mit dem Pass und dem wartenden Mondi.

Schliesslich traut sich die Militärfrau zu fragen, ob Mondi nicht türkischer oder sonstiger asiatischer (pakistanischer) Abstammung sei. Dieser verneint die Frage und verweist sie auf Nordafrika. Nachdem sie sich nach dem Einreisegrund erkundigt und Momo ihr versichert, dass dieser rein touristisch sei, atmeten die Beamten erleichtert auf und setzten den Stempel im Pass und Mondi kann sich wieder Mettel anschliessen, welcher bereits den Geldwechsler nach der Grenze ausgemacht hat.

Kilometer 11’014

Kurz nach der Grenze wird in der Nacht und im hellen Mondschein ein geeigneter Zeltplatz gesucht. Auf einem abgeernteten Getreidefeld findet sich bald ein guter Platz. Routiniert werden die Zelte aufgestellt und erschöpft legen sich Momo, Mätteli und Febern in die Federn. Am nächsten Morgen wird das obligate halbe Kilo Haferflocken reingedrückt, die gebrochene Blattfeder mit Schnur geflickt und der letzte Rest Wasser gefiltert.

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Bett im Kornfeld.

Daraufhin wird die Stadt Almaty mit dem Ziel Bargeld abzuheben angepeilt. Das Verkehrschaos wird mit dem kleinen Panda souverän für unsere Zwecke benutzt, indem wagemutig in jede Lücke gesprungen wird. Bald ist das Zentrum und die erste Bank erreicht. Nach längerem Warten kommt unser Zettel endlich an die Reihe. Die Frau am Schalter kann leider kein Wort Englisch und somit verstehen wir nichts ausser der Kreuz-Geste und dass wir zum nächsten Schalter sollen. Auch dort werden wir nicht gerade nett begrüsst. Nach langen Disskusionen schmeisst reicht sie den drei mühsamen Touris die Karte zurück und die die nächste Bank wird angepeilt. Immer wieder wird erklärt, dass Geld abheben nicht möglich sei. Der Grund kann jedoch niemand nennen. Ein Sicherheitsbeamter schickt den Panda mit seinen Insassen schliesslich in die Filliale im Einkaufszentrum. Dort begrüsst ein Einkaufs- uns Konsumtempel wie er überall auf der Welt stehen könnte die drei Genervten. Es hat tatsächlich eine Bank, bei der ein Zettel gezogen werden muss. Wartezeit: eine Stunde. Schliesslich wird Mätteli zu einem anderen Schalter geschickt, wo die Dame auf Englisch erklärt, dass sie kein Geld geben könne, da auf der TravelCash-Karte kein Name steht. Geld wechseln können man ohne kasachische Identifikationsnummer nicht mehr als 900 $. Aber Geld abheben funktioniere momentan sowieso nicht, da der Bankomat gerade leer sei. Frustriert verlassen Faben, Mondi und Mettel die Filliale, stopfen sich Mall-Fastfood rein und machen sich auf die Suche weiterer Bankomaten. Beim ersten Versuch wird die Karte willkürlich gesperrt, was Mätteli mit einem Telefonat in die Schweiz wieder rückgängig machen kann. Weitere Automaten spucken kein Geld aus, bis schliesslich ein funktionierender wie eine Oase in der Wüste vor den Dreien steht, dessen Bezugslimit ausgereizt wird und das Team als Dengue-Millionäre die Mall verlassen lässt.

Mitten im Feierabendverkehr verlassen wir Almaty um die restlichen Kilometer abzuspulen. Um unser Ziel, die Russische Grenze am 1. September zu überfahren, erreichen zu können, haben wir noch viele und lange Autofahrten vor uns. Im nachmittags-Stop-and-Go winken wir freundlich allen uns zurufenden Kasachen zu, beantworten die „adkuda“-Frage wie immer mit „Schwizaria“ und verteilen fleissig Visitenkarten aus den geöffneten Seitenfenstern hinaus. Als wir die Stadt hinter uns gelassen haben, werden die Strassen wieder schlechter und die 300 km Fahrt zieht sich bis tief in die Nacht hinein. Als endlich die 500 km auf dem Tageskilometertzähler stehen suchen wir uns im dunkeln einen Zeltplatz, was wir auf einem Feldweg zwischen Thymian und Hanf finden und uns erschöpft in die Zelte zurückziehen.

Kilometer 11’536

Der Tag beginnt mit Haferflocken, wenigen Worten über die Verdauung und schon geht die Fahrt weiter. Fäbeler setzt sich ans Steuer und bald holpern, rattern und hüpfen die drei mit dem Pandino durch die kasachische Weite. Nach einigen Stunden geradeaus fahren wirft ein plötzlich auftretender Kreisel Fabern aus dem Konzept. Mätteli schaut auf die Karte, dann auf die Ortsschilder und meint „jaja hier links“. Fabern fährt dann auch links durch den Kreisel hindurch, was den weiter hinten wartenden Polizisten auch auffällt. Genüsslich schlendert der eine Polizist von seinem Wagen zu unserer Strasse und winkt uns lässig raus. Die „documents“ sind nach einigem wühlen im Aktenkoffer gefunden und dem Herrn in blau überreicht. Dieser fordert Fabern auf, ihm zu folgen und sich zu ihnen ins Auto zu setzen. Dort wartet sein Kollege auf dem Fahrersitz und hat bereits ein Blatt weiter ausgefüllt, als es in dieser kurzen Zeitspanne seit unserem Vergehen möglich wäre. Es sieht auf jedenfall sehr offiziell und beeindruckend aus, wie er immer wieder russische Wörter ins russische Formular einfügt und dabei Fabern immer wieder einen vieldeutigen, angestrengten Blick zuwirft. Auf dem Rücksitz hat unterdessen der erste Polizist platz genommen, der mit dem Fahrzeug- und Führerausweis hantiert. Nachdem Faben auf Berndeutsch erklärt hat, dass er kein Russisch verstehe, lädt der Kollege auf dem Rücksitz ein Übersetzungs-App auf sein Smartphone herunter und tippt mit ernstem Gesicht darauf rum. Die beiden reden aufgeregt auf Faben ein, erwähnen mehrere Male „problem“ und „protocol“ und deuten auf den falsch durchfahrenen Kreisel. Der Beamte auf dem Rücksitz streckt Faben schlusendlich sein Handy hin, wo der Übersetzer „you are deprived of your rights“ ausspuckt. Faben macht ein fragendes Gesicht und tippt seinerseits ins Handy, dass die Übersetzung keinen Sinn ergebe. Daraufhin tippt der Polizist wieder, was als „you are deprived of your rights for one year after what we will do“ auf seinem Smartphone resultiert. Wieder gibt sich Fabern unwissend und der Polizist auf dem Vordersitz berührt Fabern am Oberarm, schaut ihm tief in die Augen und macht mit Daumen und Zeigefingern das Geld-Zeichen. Febeler begreift leider immer noch nicht was die lieben Ordnungshüter von ihm möchten und bleibt brav auf dem Beifahrersitz sitzen. Zwischendurch kommentiert er auf Berndeutsch die vorbeifahrenden Fahrzeuge und zählt einige Fakten zu den jeweiligen Automarken auf. Nach insgesamt genau 32 Minuten wirft der Polizist auf dem Fahrersitz Fabern die Ausweise zu und wedelt ihn mit einer genervten Handbewegung aus dem Polizeiauto. Das Wartespiel funktioniert also soweit. Die Fahrt geht weiter und die Strassen werden noch schlechter. Es ist asphaltiert aber immer wieder klaffen tiefe Löcher oder noch schlimmer, ragen fiese Knubbel aus der Strasse an denen der Unterfahrschutz des Panda mehrmals geräuschvoll begegnet. Teilweise kann durch die Bodenwellen und die garantiert nicht mehr funktionierenden Stossdmpfern nur ungefähr 20 km/h gefahren werden. Als die Sonne langsam schwindet macht sich dafür Regen breit. Bald fahren wir mitten durch ein Gewitter und wir sind froh, in dieser weiten Ebene das Auto nicht verlassen zu müssen. Mit einer heftigen Böe verabschiedet sich unser çay-Kocher vom Dach des Panda und prallt scheppernd hinter uns auf die Strasse. Mätteli stürzt sich todesmutig hinaus in den strömenden Regen und sammelt die Blechteile ein, während links und rechts von ihm die Blitze krachend in den Boden schiessen. Zumindest werden wir dies so später zu Hause erzählen. Wir fahren durch das beängstigende Gewitter weiter und erreichen eine Häuseransammlung, wo eines mit „Kafe“ beschriftet ist. Dort ist es trocken, warm und ruhig, also alles was wir während über 10 Stunden in unserer Schrottbüchse langsam vermisst haben. Wir zeigen auf der russischen Karte auf etwas und bald essen wir einen Teller dampfende Nudeln mit irgendwas. Das Tages-Soll von 500 km ist noch nicht ganz erreicht, also fahren wir später noch etwas aus dem Dorf raus um unsere Zelte aufzuschlagen. Schnell finden wir ein ebenes Stück Land, stellen die Zelte auf und verkriechen uns darin, während uns ein leichter Nieselregen auf dem Zeltdach schnell in tiefen Schlaf wiegt.

Kilometer 12’026

Am Morgen ist alles feucht. Das Zelt, der Schlafsack, das Mätteli (höhöhö) und das Aufstehen fällt schwerer als auch schon. Wir raffen uns schlussendlich in einer kurzen, trockenen Phase auf und bereiten das Frühstück vor. Kurz darauf setzt wieder ein leichter Regen ein, weshalb die Kochstelle ins Vorzelt von Mondi und Mätteli verlegt wird. Während wir den Hafer löffelweise runterwürgen rechnet uns Mätteli vor, dass wir pro Person jeden Morgen 800 g Porridge essen würden, wobei diese Information beim Aufteilen der letzten Reste in der Pfanne nicht nur hilfreich gewesen ist.

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Mätteli mit den ersten 400g Porridge.

Mit vollen Bäuchen packen wir die nassen Zelte auf den Panda und können knapp einem anschliessenden Wolkenbruch entkommen, indem wir uns in den Panda setzen und losfahren. Heutiges Ziel: Die Grenze zu Russland. Der Strassenzustand wechselt von schlechtem Asphalt mit vielen Schlaglöchern und Knubbel zu Schlamstrassen, welche die schlechten Asphaltstrassen umfahren. Der Panda wechselt sein Kleid von grün zu braun. Auch die Windschutzscheibe ist kaum mehr als solche zu erkennen. An der nächsten Tankstelle greift Mätteli beherzt zum Fensterschaber und putzt die ganze Scheibe kratzt ein Rechteck von 20×30 cm frei. Rallystyle wie immer. Die Strassen setzten auch unserem geliebten Pandino zu: Mittlerweile muss für die Geradeausfahrt das Lenkrad um 30° im Gegenuhrzeigersinn gedreht werden. Febern meint etwas von Lenkgeometrie und schlechten Vibes Vibrationen, Mätteli und Mondi fragen, ob man nicht einfach das Lenkrad abschrauben und entsprechend gedreht wieder draufschrauben kann.

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Schräges Lenkrad und gerades Sichtfenster.

Wir lassen alles beim Alten und fahren munter weiter Richtung Russland. Nach einem kurzen Tee-Halt in Ösgemen fahren wir in der Abendstimmung an einen Kochplatz. Fündig werden wir direkt am Bahndamm, sehr zu Mättelis Freude. Fäbel beglückt sein Gemüt mit Drohne und Kamera, währenddessen Mondi uns die langersehnte Pasta (Marke Fabianelli) mit Tomatensauce und Käse zubereitet. Im Abendglühen schlingen wir das Mahl begierig runter.

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So stellte sich Fabern die Rally im Januar vor.
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So stellte sich Mätteli die Rally im Januar vor.
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Mondi ist sehr wählerisch bei der Auswahl der Saucenkräuter.

Nun liegen noch 100 Kilometer zwischen uns und der russischen Grenze. Fabern setzt sich ans Steuer und ihn beschleicht sogleich ein ungutes Gefühl. Die Feder hinten links liegt mittlerweile wieder quasi flach und lässt somit keinen Spielraum mehr für Bodenwellen und Schlaglöchern. Zudem kommt er noch einmal auf die Vibrationen zu sprechen. Mondi und Mättel nehmen es mit einem müden Lächeln zur Kenntnis. Als Fäbu in der dunklen Nacht einen unserer Zusatzscheinwerfer einschalten will, bricht die Spannung des kleinen Italieners zusammen. Unser Mann für den Strom – Mätteli – schtüttelt ungläubig den Kopf. Die Verkabelung des Pandas lässt auf das Können eines Maschinenbauers mit 2 Jahren Berufserfahrung in der Elektrotechnik eines Laien schliessen: Der Kabelbaum hängt irgendwo zwischen Beifahrertür und Windschutzscheibe, halbstabil verbunden mittels Lüsterklemmen. Mätteli löst davon ein Kabel und schraubt es wieder an. Der Panda erledigt wieder seinen Dienst. Nur gerade 10 Minuten später kommt der Geistesblitz von Fäbu bezüglich der Vibrationen: Gemäss seinen Erzählungen habe vor langer Zeit ihm einmal in der Schweiz die Radschrauben angelöst und dies habe sich dann etwa so angefühlt wie jetzt. Sofort wird angehalten und siehe da: Vorne Links sind sämtliche vier Radschrauben locker. Also Werkzeugkiste hervor nehmen (die unpraktischerweise nicht zuoberst liegt) und Schrauben nachziehen. Dies mitten in der Nacht an einer kasachischen Hauptstrasse. Bei jedem sich nähernden Auto weichen Fäbu und Mondi sicherheitshalber etwas zurück. Mätteli lauscht unterdessen in der Pandalounge dem rhythmischen Klicken des Pannenblinkers. Wir können nicht ganz glauben, dass die lockeren Radschrauben auf mangelndes Anziehen beim Radwechsel im Pamir zurückzuführen ist. Wir diskutieren über mögliche Gründe und nähern uns unterdessen der russischen Grenze immer mehr. Wir sind gut in der Zeit: Das russische Visum ist erst ab dem 1. September gültig und wir wollen möglichst um Mitternacht einreisen.

Kilometer 12’455

Wir erreichen die kasachisch-russische Grenze um 23:20 und holen uns diverse Stempel ab, damit wir Kasachstan offiziell verlassen dürfen. Wie immer sprechen die Beamten Russisch und wir Berndeutsch. Wir verstehen uns bestens und lachen über den Panda. Fabian verlässt das Land um 23:59, Mättel und Mondi nach Mitternacht und somit offiziell einen Tag nach Fabian.

Uns bleiben nicht all zu viele Eindrücke von Kirgistan und Kasachstan, da sie vor allem im Zeichen einer pannenbedingten Aufholjagd gestanden sind. Wir haben wieder mehr (mühsame) Erfahrungen mit der Polizei gemacht und sind auf weniger interessierte Leute als in anderen Ländern gestossen. Jedoch sind wir sehr angetan von der Natur Kirgistans und Kasachstans mit ihrer Vielfältigkeit – Allein deswegen würde sich wohl ein Besuch in einem anderen Rahmen lohnen. Somit enden die Abenteuer der Stan-Länder. (Mätteli verweist darauf, dass „Stan-Länder“ ein Pleonasums sei und wie der „weisse Schimmel“ so nicht zu gebrauchen sei. Halt die Fresse Mätteli.)

Pleite mit Pannen-Panda im Pamir: 8’642 km – 10’050 km

Kilometer 8’654

Kurz nach der Grenze biegen wir kurz vor Sonnenuntergang in eine Schotterstrasse ein: Wir haben auf der Karte einen Fluss hinter einem Dorf gesehen, bei welchem wir gerne campen würden. Sofort bekommen wir einen guten ersten Eindruck vom ärmsten Land Zentralasiens. Wir werden langsamer, um einem Bauer auszuweichen, welcher Aprikosen verschüttet hat. Er winkt uns jedoch wieder zu sich und drückt uns ein paar der Früchte in die Hände. Erfreut fahren wir zum Flüsschen weiter und sind kurz ab dem riesigen Mückenschwarm erschrocken, bis wir merken, dass es sich bei dem Insekten nicht um garstige Blutsauger sondern um abertausende Libellen handelt. Noch bevor der erste Hering eingeschlagen ist, sind wir bereits von unzähligen neugierigen Tajiken umringt. Nach allgemeinem Händeschütteln und Salam Alaikums beobachten die Dorfbewohner interessiert unsere Schrottbüchsen und wie wir die Zelte aufstellen. Bevor die Sonne untergeht, dribbeln Momo, Mätteli und Moris noch ein bisschen mit den Kindern und ihrem luftleeren Fussball. Die unzähligen zirpenden und summenden Insekten in den Reisfeldern neben uns lassen uns sachte ins Reich der Träume gleiten.

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Schillernd blaues Fluggerät visiert grüne Landestation an.

Am nächsten Morgen sind wir wieder immer noch die Hauptattraktion des Dorfes. Von Jung bis Alt besuchen uns die Tajiken, lächeln uns an und posieren mit uns für Fotos. Ihr Held ist Momo, welcher seine Polaroid-Kamera auspackt und ihnen einige der Sofortbilder schenkt. Im Gegenzug versorgen uns ein paar Mammis mit frischen Äpfeln, Pflaumen und Brot.

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Unsere Autos verstellen den Trampelpfad zur Wassertränke.
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Momo und der Vättu diskutieren squattend auf Augenhöhe.

Bevor wir unsere Zelte abbrechen, müssen alle Rallymänner auf dem Stuhl der Verschandelung Platz nehmen und ihnen wird unter dem schadenfrohen Grinsen der anderen eine möglichst verstörende Bartfrisur getrimmt. Selbstverständlich haben die armen Kerle keine Ahnung, ob sie die nächsten Wochen mit einem Hitlerschnauz oder doch eher einem flotten Neckbeard unterwegs sein werden.

Wir machen uns auf den Weg nach der Hauptstadt Dushanbe. Bereits nach wenigen Kilometern zeigt uns die Landschaft ein neues Gesicht: Die braungrünen, buschigen Ebenen werden durch karges Gebirge ersetzt. Fasziniert betrachten wir den Wandel, der sich vor unseren Augen abspielt, und ein heimeliges Gefühl kommt auf. Während unsere zwei Italiener mit Müh und Not im ersten Gang die Serpentinen heraufstöhnen, betrachten wir die Nadelbäume und schäumenden Bergbäche.

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Unsere Autos posieren auf einer Brücke über der Rhone dem Warsob.

Wären wir hier ausgesetzt worden und müssten raten wo wir sind, hätten wir wohl auf den Furka- oder Grimselpass getippt. Halb erwarten wir hinter jeder Kurve eine Bergbeiz mit einem pfeifferauchenden Ätti und einem gutmütigen Grosi, welches gerade Älplermakkaronen mit Apfelmus zubereitet. Nach langer Zeit begegnen uns auch wieder Tunnel. Hier macht sich jedoch wieder bemerkbar, dass wir 5’000 Kilometer von der Schweiz entfernt sind. Die Tunnel ähneln grossen, dunklen Schlündern mit knapper bis gar keiner Beleuchtung. In unregelmässigen Abständen tauchen plötzlich orange Männchen am Strassenrand auf, denen wir schlingernd elegant ausweichen. Einzig Mätteli ist nicht angespannt, er lauscht fröhlich dem Echo seines permanenten Hupens.

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Manchmal hatten entgegenkommende Lastwagen sogar Licht.

Auf der Passhöhe bietet sich uns eine wunderschöne Aussicht:

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Unsere fünf schönsten Füdlis.

Kilometer 8’719

Im schattigen Tal suchen wir eine Unterkunft für die Nacht. Mangels Alternativen biegen wir zu einem grossen Anwesen neben der Strasse, vielleicht lässt uns der Besitzer ja in seinem Vorgarten unsere Zelte aufstellen. Direkt am Fluss gelegen befindet sich ein grosses, ebenes Stück Land, das mit schlanken Bäumen überzogen ist. Dazwischen sind einige Häuser und verstreute Pavillons auszumachen. Wir fahren zum Eingang und sehen einen älteren Mann, den wir lächelnd ansteuern. Mätteli fragt für uns mit Gesten und „blocha blocha ruski“ ob ein Übernachten möglich ist. Der Mann erklärt, dass das Anwesen ihm gehöre, dass wir aber gerne hier zelten dürfen. Wir verstreuen uns auf dem Grundstück um geeignete Schlafplätze zu finden. Überall finden wir halb zerfallene Zeugnisse vergangener, besserer Zeiten. Einstöckige Häuser in verschiedenen Stadien des Zerfalls stehen verstreut zwischen den Bäumen. Stillgelegte Springbrunnen liegen entlang der Flanierwege, die durch die Anlage verlaufen. Wir entdecken auch einen grossen Pool, der tatsächlich mit Wasser gefüllt ist und einigermassen gepflegt aussieht.

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Moris springt wagemutig ins kühle Ungewisse.

Bevor wir freudig ins eisige Nass hüpfen können, fährt ein Auto zu uns. Eine Familie steigt aus und der Mann erklärt, dass das Anwesen ihm gehöre, dass wir aber gerne seine Gäste sein können. Im Verlaufe des Abends begegnen uns noch weitere Männer, die das Grundstück als ihren Besitz erklären, uns aber immer nett willkommen heissen. Nachdem wir ein super Znacht genossen haben, wird es schnell dunkel und der tosende Bergbach lässt uns sofort einschlafen.

Nach einer ungewohnt kühlen Nacht springen die mutigsten unter uns in das Bassin, welches die besten Zeiten längst hinter sich hat. Dennoch oder gerade deshalb ist es wunderschön und das glasklare eisige Wasser erfüllt unsere Anforderungen an Körperhygiene bei weitem.

Anschliessend breiten wir unsere Karte in einem der Pavillons aus und besprechen bei frisch gebrühtem Kaffe und Porridge unsere Route – schliesslich wartet der berühmt-berüchtigte Pamir Highway auf uns.

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Wir sind voll analog: Mätteli zeigt und alle schauen.

Bevor wir uns auf dieses Abenteuer einlassen, fahren wir nach Dushanbe, der Hauptstadt Tajikistans. Freundlicherweise werden wir hier vom Schweizer Konsulat zu Kuchen und einem security briefing eingeladen. Dies sei nicht nur uneigennützig, erzählt uns der Sicherheitschef, denn im Falle, dass etwas schief gehen würde, wären sie die Verantwortlichen, die uns aus der misslichen Lage befreien müssten. Ihre Sorgen sind nicht ganz unbegründet, wenn man an das Attentat vor drei Wochen denkt. Dennoch sei der Pamir Highway nach wie vor eine relativ sichere Reiseroute und die allermeisten Menschen freuen sich über Touristen. Wir sollten uns am ehesten Sorgen um den Zustand unserer Autos machen, be(un)ruhigen uns die Sicherheitsbeauftragten. Bevor wir das Konsulat verlassen, erwähnt die Bernerin Corinne freundlich, dass sie hier also auch Duschen hätten. Einfach falls wir Lust hätten. Irgendwie hören wir das nicht zum ersten Mal.

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Corinne bereitet uns auf den Pamir Highway vor.

Nach dem lehrreichen Gespräch beschliessen wir, unserem Doblo-Baby etwas mehr Bodenfreiheit zu schenken und lassen Ihn in der nächstbesten Werkstatt mit dem vertrauensvoll klingenden Namen „Great mechanic“ höherlegen.

In der Zwischenzeit schauen wir uns etwas Dushanbe an. In keinem Land bisher sahen wir das Konterfeit des Präsidenten häufiger als hier. Auffällig ist auch die Liebe der Tajiken für Blumen – nicht nur sind viele Strassen mit ausladenden Rosen- oder Tulpenbeeten gesäumt, sonder hängen an jeder zweiten Strassenecke riesige, kitschige farbenfrohe Hochglanzblumenbilder. Apropos gross: Im zentralen Part von Dushanbe steht der grösste Fahnenmast der Welt mit einer Höhe von 165 m. Er ist genau drei Meter höher als der zuvor grösste Mast in Aserbaidschan. Der Penisvergleich der zentralasiatischen Staaten findet in dem Fall wohl mittels Flaggen statt. Wir entschuldigen allfällige vorherige Behauptungen, Turkmenistan habe den Grössten. Game on.

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165 m hoch und doch schlapp am Hängen.

In der Nacht steht ein trauriges Ereignis bevor: Joyce wird um zwei Uhr morgens bereits wieder nach Hause fliegen. Da der Doblo laut dem Great Mechanic um zehn Uhr Abends fertig sei, planten wir, uns alle in den Panda zu quetschen, zur Werkstatt zu fahren und die Hälfte von uns in den Doblitto umladen und dann mit Tschoiss ihren Abschied feiern. Nun, wir wären nicht auf der Mongol-Rally, wenn wir diesen Plan tatsächlich so umgesetzt hätten. Alles beginnt mit einer Magenverstimmung von Kevin. Wir drücken uns deshalb nur zu siebt in den Panda und und fühlen uns trotzdem wie Ölsardinen. So düsen wir zum Mechaniker und dieser meint, der Doblo sei erst am nächsten Mittag fertig – tajikisches Mechanikerehrenwort. Notgedrungen quetschen wir uns wieder in den kleinen Italiener. Die Fahrt ist recht unterhaltsam: Wenn im Panda der Rückwärtsgang eingelegt wird, kitzelt der Schalthebel jeweils dezent die Rosette einer der Personen auf dem Vordersitz. Vom Kofferraum ertönt derweil in regelmässigen Abständen die gedämpfte Stimme Mättelis mit Routevorschlägen. Körperliche Hemmungen haben wir zum Glück seit dem statistischen Erfassen der individuellen Stuhlkonsistenz nach Bristol schon lange nicht mehr. So fahren wir jedenfalls eng an eng zur Stadtmitte zurück während uns vorbeifahrende Polizisten freundlich zulächeln. Wir trinken Bier und lokalen Vodka in einer Bar, falten uns zurück in den Panda und holpern angesäuselt zum Flughafen. Dort merken wir, dass Tschoisses Flug Verspätung hat – er ist nun auf sechs Uhr früh angesetzt. Juhuu, vier Stunden länger mit Joyce! Fröhlich drücken wir uns zurück ins Auto und halten vor einem noch offenen Laden an. Joyce, Kevin und Moris erhalten vom Mättuvättu 50 Geld (ca. CHF 5.-) und die Anweisung, Proviant einzukaufen. Als der Kassierer Schnaps, Bier, Saft, Bounty und Schokolade scannt, merken sie, dass sie durch ihre limitierten Fähigkeiten in kyrillisch Waren für 60 Geld auf das Band gelegt haben. Der junge Kassierer lächelt die Mädels drei kurz an, scannt die Schokolade separat und schenkt sie ihnen dann. In einem nahen Park verdrücken wir die erbeuteten Leckereien und bringen Joyce nun endgültig zum Flughafen. Nach einem emotionalen Abschied inklusive Gruppenknuddel gehen wir unter den verstörten Blicken der Einheimischen zum Panda zurück, lassen uns ein letztes Mal die Rosette kitzeln und legen uns dann sehr erschöpft auf’s Ohr.

Kilometer 8’836

Nach einem reichhaltigen Zmorgen im Hostel (gab es für einen Aufpreis von 32 Rappen pro Person) fahren Febeler und Mätteli um 12 Uhr zum great mechanic, um den Doblo abzuholen. Dieser ist jedoch gerade noch nicht fertig. Der Chef der Garage sei eine passende Feder am suchen, meint ein Typ, den wir schlafend unter dem Auto antreffen. Neben dem demontierten Hinterrad liegen mehrere aufgeschnittene Federn als stumme Zeugen missglückter Versuche. Wir telefonieren mit dem Chef und dieser versichert uns, dass wir in einer Stunde losfahren können. Ganz sicher. Mettel und Feppel verdrehen kurz die Augen und benachrichtigen die anderen. Wir haben mit dem französischen und dem kanadischen Team abgemacht, den Pamir Highway zusammen zu fahren.

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Ist unser grüner Flitzer bereit für den Pamir?
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Das weisse Mutterschiff mit Bodenfreiheit wie ein Land Cruiser.

Um drei Uhr geht’s schliesslich los. Elegant schwebt der Doblo über die ersten Schlaglöcher – wir sind frohen Mutes für den Gebirgspass. Für die erste Hälfte der etwa viertägigen Etappe erwarten wir jedoch noch keine grossen Steigungen. Die Gegend ist gewohnt heiss, karg und hügelig. Gegen Abend suchen wir einen Campingort in der Einöde. Etwas skeptisch schauen wir auf das auftauchende „Zeltplatz“ Symbol unserer Offline-Karte in etwa einem Kilometer. Dort angekommen, entdecken wir wie erwartet keinen offiziellen Zeltplatz – dafür einen Schotterweg, welcher etwas abseits durch Hügel führt. Genau was wir gesucht haben! Als Bonus schlängelt sich sogar ein nicht auf der Karte markiertes Schlammflüsschen durch die Gegend. Während wir alle kurz innehalten und den schönen Ort bestaunen, springen Febeler und Moris sofort zu Drohne resp. Spiegelreflexkamera und bebildern, was es zu bebildern gibt bevor die Sonne untergeht. Wir gehen früh zu Bett, da uns Mätteli für sechs Uhr morgens unseren mittlerweile verhassten Panflöten-Weckruf „Loy Loy Loy“ angekündigt hat. Mit „wir“ sind übrigens alle zwölf Ralliers gemeint – die Kanadier und Franzosen haben sich von Anfang an kommentarlos an unseren Rhythmus angepasst und geben von sich aus keine Inputs und Ansprüche zu Pausen, Essen oder Schlafstellen.

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Zeltplatz in der Sandwüste.
Zeltaufbau Tajikistan
Alte Campingregel: Immer zuerst die Zelte aufstellen.

Kilometer 9’096

Nach einem müden Porridge und Bialetti-Kaffee holpern wir weiter den Hügeln entlang. Wir sind etwas hinter dem Zeitplan, deswegen möchten wir heute eine möglichst grosse Strecke hinter uns bringen. Die Gegend bleibt hügelig und karg, die Häuser um uns herum sind als lockere Verbunde zusammengewürfelt und immer einfacher aufgebaut. Die wenigsten haben Fenster eingebaut. Über weite Strecken sind ausser Feldern und einzelnen Verkaufsständen für Äpfel nichts zu sehen. Die spielenden Kinder tragen schlichte Kleider und die Erwachsenen winken uns immer freundlich zu und rufen „We welcome you to Tajikistan! We accept foreign people!“. Die Strassen werden immer steiler und die Italiener schnaufen sich die ersten Berge hinauf. Bald macht der Panda schlapp. Der Motor stirbt ohne jegliches Zutun mit einem leisen Husten ab. Dies ist genau das, was uns in Samarkand passiert ist – dort ist der Panda jedoch nach dem Abschleppen zum Mechaniker plötzlich wieder gelaufen. Nun ist keine Garage weit und breit. Also packen wir unsere Iffwiler Werkzeugkiste aus und beginnen mit der Reparatur. Wir gehen dabei äusserst routiniert vor. Nach und nach bauen wir Teile des Ansaugtrakts aus, befreien es von Wüstensand, pusten etwas darauf und bauen es wieder ein. Nach 1.5 h schrauben in der brennenden Sonne läuft der Panda wieder. Wegen uns? Wir haben keine Ahnung.

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Unter Aufsicht von Destiny schräubeln unsere Ingenieure am Panda herum.

Weiter geht die Fahrt den Berg hinauf. Am höchsten Punkt angekommen genehmigen wir uns mangels Schnaps einen lauwarmen Schluck aus einer mit Portwein angeschriebenen Flasche. Bald erreichen wir die Grenze zu Afghanistan. Während unsere Eltern zuhause beim Tracking wohl immer nervöser werden, geniessen wir die atemberaubende Landschaft. Eine holprige Strasse schlängelt sich um die Bergflanke zu unserer Linken. Rechts von uns fliesst der schlammige Grenzfluss in unterschiedlichen Gestalten. Manchmal ruhig und breit, oft auch schmal, wild und beidseitig von steilen Felsen gesäumt. Rechts vom Fluss liegt Afghanistan, wo wir vereinzelte Dörfer und manchmal badende Kinder entdecken können. Wir fahren auf der Tajikischen Seite weiter und durchqueren immer wieder kleine Dörfer, wo alle Kinder begeistert aus den Häusern auf die Strasse rennen um uns mit „Hello hello“ zuzuwinken und schmerzhafte Handschläge abholen. Dreimal werden wir vom Militär, der Polizei und paar Typen mit Gewehren an Strassensperren angehalten und unsere Passinformationen werden in ein Schulheft übertragen.

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Streng bewacht überreicht Momo unsere Pässe.

Als wir uns später bei einem Wasserhahn neben der Strasse waschen und Jennys Kanister auffüllen, teilt uns Kanadier Justin komplett unerwartet und überhastet mit, dass sie nun ohne uns weiterfahren werden, da ihr Visum für Russland früher als unseres beginnt und sie deshalb etwas schneller unterwegs sein müssen. Seine Kollegen Alex und Brandon sind auch überrascht ab diesem Entscheid – Alex sitzt bei uns im Auto und erfährt es gleichzeitig wie wir, während Brandon den Entschluss von Kevin mitgeteilt bekommt. Wie bereits bei unseren Entscheiden fügen sich die beiden achselzuckend ihrem Schicksal. Nach den teils innigen Verabschiedungen setzen sie sich zu Justin ins Auto und düsen ab. Böse Zungen behaupten nun, dass unser Schutzpatron San Mauro diesen Gedanken in Justins Gehirn gepflanzt hat, um sicherzustellen, dass er das einzige Rallybaby bleibt.

Weiter geht’s zu neunt. Nach einem Schlagloch und einer zackigen Kurve reisst ein Spannseil auf dem Dach des Pandas und ein Ersatzrad fällt krachend vorne auf die Windschutzscheibe. Wie ein Spinnennetz breiten sich die Risse im Glas aus. Von nun an fahren wir beim Panda also mit einer zersplitterten Frontscheibe. Das Rad wird mit unserem letzten Spannset erneut befestigt und weiter geht die Fahrt. Für den Doblo. Der Panda hustet kurz und zeigt uns die nun bereits wohlbekannten Symptome erneut. Ein Blick auf die Karte zeigt uns eine Garage in einigen Kilometern Entfernung. Wir knoten den Panda hinter den Doblo (die Abschlepphaken sind beide kurz nacheinender abgerissen) und schleppen den Kleinen zur Werkstatt ab. Diese entpuppt sich als verlassener Inspektionsgraben. Kurz darauf hält ein Auto und ein Tajike stellt sich als Mechaniker vor. Wir führen das Hüsteln des Pandas vor und Mätteli packt sein Russisch aus. Der Mechaniker meint darauf, dass wir die Benzinpumpe ersetzen sollen. Um diese Hypothese zu testen, vergleichen wir den Treibstoff-Fluss unseres Pandas mit dem des mitfahrenden Franzosen-Teams und stellen eine identische Pumpleistung fest. Als wir unseren Panda erneut starten wollen, macht jedoch die Batterie schlapp. Sofort baut der Tajike die Batterie aus seinem Auto aus und in unseres ein und siehe da: Der Panda läuft wieder. War es immer nur ein Batterieproblem? Wir wissen es immer noch nicht.

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Etwas ratlose Gesichter um den abgeschleppten Panda.

Wir fragen den Mechaniker, wie viel er denn für seine alte Batterie haben möchte. Nach kurzem Diskutieren mit seinen Kollegen schaut er uns in die Augen und fordert 120 $. Diesen Fantasiepreis sind wir natürlich nicht bereit zu bezahlen und versuchen, den Preis runterzuhandeln. Die Tajiken erklären uns, dass wir hier nirgends eine Batterie finden werden und dass sie unser einziger Ausweg aus der Misere seinen. Sowieso sei heute Sonntag und überhaupt. Wir gehen auf sein letztes Angebot von 80 $ nicht ein und bauen seine Batterie wieder aus. Danach schleppen wir den Panda weiter ab und fragen überall nach einer Batterie. Jedoch ohne Erfolg. Nach langem Suchen und Fragen begegnen wir plötzlich wieder einem der Männer, die uns die Batterie ursprünglich verkaufen wollten. Diesmal hat er einen anderen willigen Batteriespender im Schlepptau. Auch dieser will 80 $ für seine alte Bleigrütze und wir handeln mitten im Dorf lautstark und mit vielen zuschauenden und mitredenden Einheimischen und Männern in Militäruniformen. Schliesslich einigen wir uns auf 60 $. Wir bezahlen, bauen die Batterie ein und der Panda läuft vorläufig wieder. Mittlerweile ist es dunkel geworden und wir finden ein Restaurant, wo wir für 2.5 $ pro Person ein leckeres Znacht spachteln und im Innenhof auf dem Boden übernachten können.

Kilometer 9’186

Da wir am Tag zuvor nur die Hälfte der geplanten Tagesetappe geschafft haben, müssen wir bei Sonnenaufgang aufstehen und sofort losfahren, um möglichst viel der Strecke aufzuholen. Bereits einige Minuten nach dem Start bemerken wir jedoch Flüssigkeit, welche aus dem Boden des Pandas rinnt. Die Ingenieure reissen wieder soviel aus dem Motorraum heraus, bis sie das Leck gefunden haben. Der Kühlkreislauf der Innenraumheizung tropft. Das diesen ja eh niemand auf einer Rally braucht, beschliessen wir kurzerhand, diesen zu überbrücken. Dazu benötigen wir jedoch ein Rohr, um die  beiden Schlauchenden zu verbinden. Mätteli und der Franzmann Scherom gehen mit ihrem Panda zur nahegelegenen Mülldeponie auf Schatzsuche. Kurz darauf kehren sie mit einigen Stücken Rohr zurück. Wir versuchen unser Glück mit verschiedenen Durchmessern und am besten passt eine gebrauchte 10 ml Spritze, die wir also sofort in den Kühlkreislauf des Pandas einbauen. Wissend, dass wir nur einen Steinwurf von Afghanistan entfernt sind, hoffen wir, dass Rückstände gewisser Mohngewächse unser Pändeli den Pamir Highway hochhüpfen lassen.

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Überbrückung der Innenraumheizung: Rallystyle.

Weiter geht die Fahrt auf der Strasse neben dem Grenzfluss. Riesige Lastwagen kurven zusammen mit uns zwischen Felswand und Abgrund den Weg hoch.

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Der Panda holpert die staubige Piste entlang.

Kurz darauf stoppt der Panda wieder. Blattfeder hinten links gebrochen. Waren es die letzten beiden Male nur eines der zwei Blätter, so hat es diesmal beide erwischt. Die rostige Achse des Pandas liegt also nur noch mit dem Gummipuffer auf der Karosserie auf. Mangels Alternativen entschliessen wir uns für die Weiterfahrt. Im Schritttempo versuchen wir die immer noch über 200 km entfernte nächste Stadt Chorugh zu erreichen. Während wir die Schotterpiste entlangholpern und die wunderschöne Berglandschaft bestaunen, überholt uns hie und da ein Schmetterling. Keine zwei Stunden später macht unsere grüne Diva erneut schlapp. Es scheint dasselbe ominöse Motorenproblem zu sein, welches wir scheinbar mit dem Batteriewechsel gelöst haben. Im Verlaufe dieses Tages hatte der Panda nun drei voneinander unabhängige Pannen: Leck im Kühlkreislauf, Blattfedern futsch und nun irgendetwas mit dem Motor.

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Vor einer atemberaubenden Landschaft hat Mätteli nur Augen für den Motorraum des Pändelis.

Um unseren Seuchentag zu vervollständigen, liegt nun auch Febeler mit grippalen Symptomen flach. Die verbliebenen Ingenieure und der fähige Scherom, welcher als Techniker beim Cern arbeitet, nehmen den halben Motor auseinander und setzen ihn wieder zusammen. Ohne Ergebnis. Ein paar Tajiken schlagen uns vor, zu einer nahen Werkstatt zu gehen, was wir schliesslich auch machen.

Kilometer 9’221

Dort angekommen, werden die beiden Patienten versorgt: Fäbeler wird auf eines der klassischen zentralasiatischen Bettgestelle mit Polster im Garten eines Restaurants getragen geführt und der Panda rollt in die Werkstatt nebenan. Dem einen werden Tee, Kompott und Medikamente eingeflösst, dem anderen Getriebeöl und sonstige Leckereien. Bis spät in die Nacht schrauben Scherom, Mätteli und Momo gemeinsam mit dem Mechaniker vor Ort am Italiener herum.

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Mittlerweile kennen wir den Panda besser mit offener als mit geschlossener Motorhaube.

Derweil wird Febler liebevoll von den Männer im Restaurant und vom übrigen Team versorgt. Am nächsten, sehr frühen Morgen, ist der Panda startklar, Fabern wird mit Imodium gestopft und auf den Beifahrersitz vom Doblo gelegt, doch dann meldet Mätteli ein erstes sieben auf der BSC Unwohlsein. Er habe wohl gestern etwas lange an der Sonne gestanden und weder Wasser noch Brot Essen zu sich genommen und gemäss seiner Selbstdiagnose ist dies ein Sonnenstich.

Wir fahren alle los und hoffen endlich die verlorene Zeit wieder gut zu machen und möglichst viele Kilometer abzurattern. Nach einiger Zeit und vielen Schlaglöchern stottert der Panda wieder und der Motor würgt sich nach einigem Rumpeln und Husten von selbst ab. SCHON WIEDER. Es ist kurz vor Mittag. Es ist heiss. Wir sind immer noch dort, wo wir vor etwa einer Woche hätten sein wollen. Und der Panda läuft SCHON WIEDER nicht mehr.

Scherom und Momo stehen rätselnd vor der offenen Motorhaube und gehen die üblichen Verdächtigen durch: Ansaugtrakt, Zündkerzen, Benzinpumpe. Derweil liegen Mätteli und Fäblern wie tote Fliegen fiebrig im Doblo.

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Scherom und Momo basteln, Destiny reinigt derweil Wasser auf.
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Der Doblo wird zum fahrenden Lazarett.

Zu guter Letzt haben wir bemerkt, dass uns das Geld schon fast ausgegangen ist. Wir haben noch etwa 80 Sumoringerli (ca. CHF 8.50) und 111 $.

Wir beschliessen, den halbtoten Panda bis zur nächsten grossen Stadt, Chorugh abzuschleppen. Wir fahren los und kurz darauf reisst das Abschleppseil. Wir knoten es wieder fest und versuchen es erneut. Wieder reisst das Seil und wir wollen in den Tiefen des Doblo-Kofferraums das Ersatzseil ausgraben. Der Kofferraum lässt sich plötzlich nicht mehr von aussen öffnen. Wir müssen also vom Fahrgastraum durch unser gebasteltes Gestell durchhangeln um die Türe von Innen zu öffnen. Was haben wir dir nur getan, San Mauro? Nachdem das Ersatzseil befestigt ist und wir wieder losfahren, bemerken wir, dass im Dorf hinter uns ebenfalls eine Werkstatt in der Karte eingezeichnet ist. Da wir es realistisch betrachtet mit dem Doblo-Panda-Gespann eh nicht 40 km bis nach Chorugh schaffen würden, beschliessen wir, die 9 km zurück zu fahren um unser Glück dort zu versuchen.

Bei dieser Gelegenheit verabschiedet sich auch das bis anhin sehr geduldige Franzosen-Team. Sie seien halt etwas im Verzug und sollten schon viel weiter sein und müssen etwas aufholen und so. Fast wie wir.

Zurück im kleinen Dorf fahren wir zur Werkstatt. Ein älterer Herr macht mit beiden Händen die Kreuz-Geste und meint „Njet service“. Momo steigt aus und beginnt zu diskutieren. Derweil fährt Destiny und Moris mit den beiden Halb-Leichen im Auto durch das Dorf und klappert Bankomaten ab. Kein einziger funktioniert und wir haben immer noch unser knappes Budget.

Zurück beim Panda beschliessen wir, alle ausser Momo in den Doblo zu quetschen und nach Chorugh zu fahren um dort ein Seuchenhaus Hostel zu suchen. Momo bleibt im Dorf, versucht etwas am Panda zaubern zu lassen und wird uns später aufholen.

Der Doblo schafft die Fahrt in die Stadt dann endlich, die Suche nach einer Unterkunft erweist sich als schwierig. Entweder treffen wir auf ausgebuchte Hostels, könnten in der Stadt verteilt in vier verschiedenen Guesthouses schlafen oder nehmen ein Hotel für 80 $. Pro Person. Wir finden dann einen, der einen kennt, der dann einem telefoniert, welcher dann auftaucht, zu uns ins Auto steigt und uns den Weg zu seiner Unterkunft zeigt. Diese hat zwei Dreierzimmer ohne Strom und Licht und ein Plumpsklo im Hühnerstall. 5 $ pro Person. Auf unserer Pamir-Strecke werden wir an keiner grösseren Stadt als Chorugh mehr vorbeikommen. Trotzdem finden wir hier keinen einzigen funktionierenden Geldautomaten, geschweige denn eine Bank. Mittlerweile ist unser Bargeldbestand auf 57 $ und 360 Sumoringerli geschrumpft. Bis zum nächsten potentiellen Geldautomaten geht es noch 700 holprige Kilometer aber immerhin haben wir die Rega-Notrufnummer. Und die von Corinne.  Aus Geldnot kaufen wir kein Wasser mehr sondern filtern Leitungswasser und essen wie immer nur noch Brot.

Später am Abend erscheint ein müder, aber glücklicher Momo. Der Panda sei nun „repariert“ – sprich die Benzinpumpe wurde überbrückt und muss nun vor dem Losfahren manuell angelassen werden. Rallystlyle halt.

Mit 20 Sumoringerli, einer 50 $ Note und einer halbgefüllten Wasserflasche wartete Momo auf den Master-Mechaniker. Da kaum jemand etwas Englisch sprach, wurde Arif, ein UN Mitarbeiter, von der Eid-Feier abdelegiert, um Übersetzer zu spielen. Sobald der Mechaniker / Taxifahrer auftauchte, konnte das Problem beschrieben werden. Arif meinte, der Panda sei beim Master in guten Händen und zog den stinkenden und dreckigen Momo mit zur Eid-Feier. Dort wurde er verköstigt und gewann etwas an Farbe. Parallel zur Eid-Feier, zelebrierten die Nachbaren eine Hochzeit. Die Frauen spielten mit Trommeln und eine Menge von Verwandten und Schaulustigen sammelte sich an.

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Trommelwirbel auf der Hochzeit

Die Braut und der Bräutigam traten aus dem Haus und wurden unter Jubel und Musik in die Limousine begleitet. Nachdem einige Bilder von der Hochzeit geschossen wurden und der Magen gefüllt war, ging Momo nochmals zum Panda, um dessen Zustand zu begutachten. Der Master meinte, dass die Pumpe einwandfrei Funktioniere und die „Elektrik“ das Problem wäre. Er kniete sich nieder neben dem Fahrersitz und begann Kabel auseinander zu nehmen und mit einem Zwischenstück zu verbinden. Der Master nahm eine Sicherung raus und klemmte das zusätzlich hinzugefügte Kabelstück mit der selben Sicherung wieder an den Stecker. Freude herrschte bei den sieben Schaulustigen als ein Schwall Benzin aus dem offenen Schlauch spritzte. Der Master meinte, dass dies die Tajik-Art wäre. Nachdem der Ganze Überbrückungsprozess erklärt wurde, meinte ein Schaulustiger, dass Momo noch kurz drei Minuten warten solle. Nach einigen Minuten kam er zurück mit einem traditionellen Hut. Dessen Grossmutter hatte diesen Hut mit Ihren eigenen Händen gefertigt und er müsse ihn nun an Momo vermachen, da Sie Brüder wären. Sprachlos und die Welt nicht mehr verstehend, ging Momo zum Mechaniker und fragte Ihn was nun die Reparatur koste. Momo streckte ihm die 20 Sumoringerli und die 50 $ Note entgegen. Der Mechaniker entschied sich für die 20 Sumoringerli. Der Tag war ziemlich fortgeschritten und Momo musste noch 64 km nach Chorug zurücklegen. Nachdem sich alle verabschiedet hatten, stieg Momo in den Panda ein, überbrückte die Benzinpumpe und fuhr los, um sich wider mit den anderen zu treffen.

Kilometer 9’331

Nach einer erholsamen Nacht in unserer Unterkunft gibt es sowohl positive als auch negative Nachrichten: Mätteli und Fabern sind wieder einigermassen fit, aber dafür hat sich ihr Spritzdurchfall auf Mondi und Kevin ausgebreitet, Destiny klagt über Bauchweh. Das Imodium ist nun auch alle. Immerhin schaffen wir es, Geld zu besorgen – wir können Nachschub an Imodium und Wasser kaufen und sogar kurz zu einem Mechaniker, um Pandas Blattfedern neu schweissen zu lassen. Frisch motiviert machen wir uns gegen Mittag auf ins Gebirge. Als es steil wird, beginnt Moris ein scherzhaftes Wettraten, wie lange das Panda Baby wohl diesmal durchhält. Natürlich wissen wir alle, dass der Italiener nach den unzähligen Reparaturen und dem konstanten Chüderlen nun topfit ist, deshalb verdrehen alle die Augen ab den von ihm vorgeschlagenen 18 Minuten. Nun ja. Tatsächlich werden es nur zehn Minuten, bis der Panda erneut abliegt.

Wie immer hält sofort ein „Mechaniker“ neben uns an und drei Tajiken steigen aus. Der Eine setzt sich direkt ans Steuer, versucht das Auto zu starten, springt wie ein junges Reh wieder aus dem Panda heraus, steckt den Kopf in den Motorraum und nach zweimal Blinzeln, liegt er unter dem Tank. Sein Urteil: die Benzinpumpe. Diesmal entscheiden wir uns, eine neue einzubauen. Der Ernergiegeladene der drei erklärt uns mit Händen und Füssen, dass Momo und Febeler zu seinen zwei Kollegen ins Auto steigen soll, um die neue Pumpe zu besorgen. Er werde hier beim Team bleiben und irgendwas machen. Momo steigt vorne ein, Fabern nimmt ganz Hinten im dreireihigen Hyundai-Minibus Platz. Während dieser nicht wie erwartet zurück nach Chorug, sondern weiter den Berg hinauf tuckert, dreht sich der Tajike auf dem mittleren Sitz selbstverständlich einen Joint, welchen die beiden Schweizerlis höflich ablehnen. Als das Tajik-Taxi im nächsten, grösseren Dorf ankommt, steigen alle aus und gehen zu einem sehr alten Mann mit einem noch älteren Ersatzteilshop in einem Schiffscontainer.

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Autoersatzteile im Schiffscontainer.

Als wir unser Anliegen, eine „Nassus“ für einen Panda anbringen, dreht sich der Mann langsam um und greift zielstrebig in das Gewühl von Kartonschachteln hinter ihm und zieht eine hervor. Diese ist leider leer und der mitleidige Blick des alten Herrn lässt uns erahnen, dass dies wohl die einzige Nassus in seinem Laden war. Unsere zwei Tajikischen Freunde telefonieren zweimal, stecken dem Herrn eine Note zu und deuten uns zurück zum Kleinbus. Wieder holpern wir weiter den Berg hoch, bis wir nach etwa dreissig Minuten über eine abenteuerliche Brücke ein kleines Dorf erreichen. Über Trampelpfade erreichen wir im Schneckentempo mehrere Sackgassen, wo wir immer wieder umkehren. Schlussendlich fahren wir zur Brücke, wo die beiden Tajiken erneut kurz telefonieren und anschliessend den Bus verlassen, um etwas Abseits, am Ufer des Flusses für gut zehn Minuten in der Squat-Hocke zu verweilen. Anschliessend kommen diese wieder zurück zu den wartenden Mondi und Feblern und die Fahrt geht wieder Bergab. Unterwegs steigen noch weitere Passagiere in den Bus ein, so dass dieser nun komplett gefüllt ist. Wieder beim Container-Opa angekommen, wartet dort ein zusätzlicher Mann auf uns, der uns stolz die Nassus präsentiert. Wir bezahlen 120 Sumoringerli und kehren zurück zum Bus. Dort hat der Fahrer bereits Snacks und Getränke organisiert, die wir gerne entgegennehmen. Als wir beim Schrottpanda wartenden Team ankommen, machen sich Momo und Feblern sofort daran, mitten auf dem Kiesweg den Tank des Panda zu demontieren um an die defekte Pumpe z kommen. Dabei wird der Wagenheber Tajik-Style auf wackligen Steinen etwas höher gesetzt, damit einige Zentimeter mehr Platz zum Arbeiten vorhanden sind. Routiniert werden Schrauben gelöst, Schläuche gelöst, Kabel demontiert, die Benzinpumpe ersetzt, Schläuche montiert, Kabel montiert, Schläuche neu montiert weil sie falsch rum angebracht wurden, nochmal neu montiert, weil in der Hitze des Pamirs Gefechts zweimal falsch montiert wurde, und siehe da: Der Panda springt an, wir hoffen, dass wir das Problem mit der Benzinpumpe wenigstens für den Pamir-Highway gelöst haben. Der Tag ist nun fast vorbei, und wir verabschieden uns von unseren Tajikischen Rettern und ihren Taxi-Gästen, die den Nachmittag mit uns verbracht haben. Als wir fragen, ob wir für diesen Service etwas bezahlen sollen, lachen diese nur, steigen in den Minibus und fahren fröhlich winkend weg.

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Benzinpumpe wechseln Rallystyle.

Neu motiviert machen wir uns bereit für eine Nachtfahrt, um doch noch unsere Tagesetappe zu erreichen. Da die Strasse mehrheitlich asphaltiert und in einem verhältnismässig guten Zustand ist, kommen wir mit durchschnittlich etwa 50 km/h relativ schnell vorwärts. Wir gewinnen sehr rasch an Höhe: Nach etwa einer Stunde ist die 3’000 m Marke geknackt, nicht viel später folgt der Aufstieg auf 4’000 m Höhe. Vorsichtige Euphorie macht sich breit – die wenigsten von uns waren je so hoch in den Bergen und der Panda kurvt immer noch munter die Serpentinen hoch. Mittlerweile haben wir unsere warmen Kleider aus den Untiefen unserer Gepäckablage hervorgekramt und die Fenster der Autos geschlossen. Zum ersten Mal seit langem wird es empfindlich kühl. Ganz anders sieht dies offenbar im Motorraum des Pandas aus. Gegen elf Uhr überhitzt dieser und er muss stoppen. Die notdürftig in den Kühlkreislauf eingebaute 10 mL Spritze war anscheinend nicht stabil genug. Der vorausfahrende Doblo kehrt um, um Hilfestellung zu leisten – und fährt beim Wenden prompt in einen Felsbrocken hinein. Mit einem grossen WUMMS kommt unser zuverlässiges Mutterschiff ratternd zum Stehen. Ein Blick unter das Auto zeigt, dass der Öltank stark eingedellt ist.

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Ölwanne mit kleiner Delle.

Wider Erwarten leckt kein Öl, die Kontrolleuchte für das Motoröl leuchtet aber, also scheint ein noch schwerwiegenderes Problem zu bestehen. Der Motor springt zwar noch an und der erste Gang lässt sich einlegen, losfahren geht aber leider nicht. Die Räder drehen sich nicht, stattdessen ist ein sehr unschönes metallisches Knattern zu vernehmen und der Doblo ruckelt am ganzen Körper. Wir entscheiden uns etwas ratlos in absoluter Dunkelheit, geschätzten fünf Grad Aussentemperatur und sehr starkem Wind, ein Vorderrad zu demontieren um besser unter das Auto sehen zu können. Die tapfersten von uns bewaffnen sich mit Pullovern, Windjacken und unserem Werkzeug und schieben den Wagenheber unter den Doblo. Der weisse Riese hebt sich ächzend in die Nacht. Oder ist es unser Wagenheber, welcher die stöhnenden Geräusche von sich gibt? Kurz nachdem das Rad abmontiert wurde und gerade in dem Moment, als der dick eingepackte Fabern „dä Wageheber gseht aber nid so guet us“ murmelt, hallt ein erneutes Krachen die Bergwände entlang. Wagenheber futsch. Mitten auf dem Pamir. Mitten in der Nacht. Auf 4’200 Metern Höhe. Bei eisigem Wind. Wir haben ja bis jetzt viele Rückschläge weggesteckt, aber das toppt alles. Frustriert und hilflos beschliessen wir, die Nacht hier zu verbringen. Nach einer gefühlten Ewigkeit gewinnen wir den Kampf gegen den Wind und die Zelte stehen. Kurz darauf kuscheln wir uns zusammen und versuchen, etwas zu schlafen. Nicht ganz einfach beim drückenden Spritzdurchfall, welcher sich epidemieartig auf die meisten Teammitglieder ausgebreitet hat. Zudem macht die Höhe den Meisten etwas zu schaffen und sorgt für fieberartige Symptome und raubt somit die letzte verbleibende Energie.

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Das Ergebnis des verzweifelten Reparaturversuches in der Nacht.

Die beiden verschonten, Mätteli und Moris, konnten sich gut genug erholen, um am nächsten Morgen früh aufzustehen. In Lauerstellung sitzen sie im Panda und laufen winkend jedem heranholpernden Auto oder Lastwagen entgegen und fragen um Hilfe. Tatsächlich befolgt jedes Fahrzeug den ungeschriebenen Pamir-Kodex und hält zumindest an, um die beiden anzuhören. Zuerst hält ein chinesischer Lastwagen (wir sind keine 200 km Luftlinie von der roten Supermacht entfernt) und die aussteigenden Tajiken helfen mit ihrem Wagenheber, das Vorderrad wieder zu montieren. Als sie jedoch in den Motorraum schauen, verwerfen sie nur die Hände und meinen „granat, granat“, worauf sie weiterfahren. Mehrere andere Autos halten, aber auch dort heisst es immer wieder „granat“. Mätteli und Moris finden das Wort nicht in ihrem offline Übersetzer und haben keine Ahnung, was damit gemeint ist. Offensichtlich kennt sich aber jeder, der über den Pamir fährt, mit Autos aus. Und ebenso offensichtlich ist ein Defekt am Granat nichts Gutes. Mitleidig schenken mehrere der vorbeifahrenden Autos Mätteli und Moris Äpfel. Obwohl ihnen bis jetzt niemand helfen konnte, sind dennoch alle ausgesprochen freundlich. Einmal hält beispielsweise ein weisser Lada Niva und zwei von Kopf bis Fuss in Tarnfarben gekleidete Gestalten steigen aus. Einer der Tajiken stellt sich als Raul vor und schüttelt sich gleich ein grünes Pulver von einem Plastiktütchen in den Mund. Sein Kollege streckt sich in der Morgensonne und offenbart eine mächtige Pistole in seinem Lederhalfter. Unwillkürlich denken wir an Corinnes Bemerkung, es werden viele Drogen über den Pamir transportiert. Raul ist jedenfalls sehr freundlich, nennt Mätteli und Moris immer wieder „dear friends“ und erklärt ihnen, dass der Doblo abgeschleppt werden muss. Ihr Lada Niva sei leider zu schwach dafür, das sehen die beiden auch so. Er gibt den Jungs aber seine Telefonnummer und erklärt, er fahre nach Murghab, der nächsten Stadt. Falls wir dort seien, sollen wir ihn unbedingt anrufen und er helfe bei der Reparatur. Die beiden Tajiken verabschieden sich herzlich und Mätteli und Moris trotten wieder zum Panda zurück. Gerade als die beiden am knapp werdenden Trinkwasser aufbereiten sind, fährt ein verheissungsvoll kräftiger Nissan Patrol an ihnen vorbei, jedoch leider in die falsche Richtung. Die beiden senken die Köpfe und widmen sich wieder dem Wasserfilter, als der Nissan stoppt und ein Mann in überraschend gutem Englisch fragt, ob wir ein Problem hätten. Anhand der Sticker auf dem Auto erkennen die beiden in ihm einen Touristenguide und sie schildern das Problem: Granat sei nicht gut. Der Tajike und sein Kollege steigen aus und inspizieren den Motor, meinen aber, es sei nicht Granat. Hoffnung flammt auf – aber nur kurz. Ein Totalschaden sei es allemal, so das Verdikt der Tajiken. Das Getriebe und die Ölpumpe seien hin. Geschätzte Reparaturkosten: 1’500 Dollar, von der Beschaffung der Teile in einem der am wenigsten dicht besiedelten Gebiete der Welt ganz zu schweigen. Der nächste Mechaniker sei erst im über 100 Pamirkilometer entfernten Murghab.

Nach kurzem Beratschlagen ist klar, dass die Weiterfahrt für den Doblo endgültig vorbei ist.

Wir haben dein neutrales Grau für die Fotobearbeitung dich geliebt, Doblito.

Kevin, Destiny, Fistel und Moris werden sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihrem Flughafen in Almaty durchschlagen müssen, während Momo, Fabern und Mätteli die Reise im Panda fortsetzen.

Während sich allgemeine Konsternation breitmacht, verhandelt Mätteli mit dem tajikischen Guide. Dieser zeigt nämlich Interesse am Doblo-Wrack und bietet uns an, ihn zu kaufen und obendrein uns in das nächste Dorf abzuschleppen. Nach einstündigen zähen Verhandlungen und nachdem die beiden Tajiken drei Mal auf die Hupe vom Doblo gedrückt haben den Doblo auf Herz und Nieren überprüft haben, einigen wir uns schweren Herzens auf einen Verkaufspreis von 500 Dollar. 100 $ in bar, 400 $ als Banküberweisung ins übernächste Dorf, wo Mätteli nie im Leben mit seinem Pass ausgerüstet das Geld abheben kann. Der Verkauf ist also definitiv. Sehr emotional räumen wir unser geliebtes Mutterschiff aus.

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Maruf und Mätteli besiegeln den Vertrag erst einmal mündlich.
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So sieht der Vertrag dann in schriftlicher Form aus.

Der Käufer stapelt soviel Gepäck wie Möglich in seinen Kofferraum und setzt alle ausser Fabern, Momo und Meleiner ins nächste Dorf, was ungefähr 40 km entfernt liegt. Die drei beim Panda räumen die Zelte zusammen, was sich bei dieser Höhe und mit diesem eisigen, trockenen Wind als riesige Herausforderung herausstellt. Am Ende ihrer Kräfte, mit Gliederschmerzen, stechenden Kopfschmerzen und schmerzhaft ausgetrockneten Gesichtern setzen sich Melini und Fabern zu Momo, der diese Höhenkur deutlich besser wegsteckt. Als die drei den Panda starten wollen, erreicht sie ein weit verdrängter Gedanke: Spritze im Wasserkreislauf. Also steigen die beiden Ingenieure wieder aus, räumen die Werkzeugkiste aus dem übervollen Panda und beginnen zu improvisieren. Da die Überbrückung der Innenraumheizung nun defekt ist, beschliessen sich die beiden für ein Abklemmen der Schläuche. Dafür haben sie aber nur eine Schlauch-Bride zur Verfügung, alle anderen sind viel zu gross. Also wird etwas gebastelt, die drei steigen in den Panda ein und die Batterie dafür aus. Unser 60 $ Occasion-Säurepaket mag wohl die Kälte so wenig wie wir.

Kurz bevor alle in Tränen ausbrechen rumpelt schon ein riesiger Lastwagen aus der Ferne heran. Der Tajike sieht den Panda mit offener Motorhaube und hält an um zu helfen. Er überbrückt das Auto mit seiner 24 V Batterie, einem Draht und einer Eisenstange, die von Mondi zwischen den Achsen der Fahrzeuge festgeklemmt wird. Tajik-Style. Die Beiden hüpfen zu Melini ins Auto, fahren begeistert los und müssen kurz darauf wieder anhalten. Kühlwasser rinnt aus dem Motorraum. Wieder flicken Momo und Feble die Schläuche mit einer anderen kühnen, improvisierten Variante. Immer wieder fahren die drei los und müssen bereits nach 4 km wieder warten, bis der überkochende Kühler abgekühlt ist. Die Pamir-Mondlandschaft, der fiese Wind und die Höhe machen diesen Ablauf unendlich zermürbender. Als der Schlauch schlussendlich tatsächlich abgedichtet wurde, ist noch der Kühlerlüfter ausgestiegen, weil sich ein loses Kabel aus dem Motorraum in den Rotor gewickelt hatte. Auch dies konnte behoben werden, die durchgebrannte Sicherung wurde mit einer zufälligen, anderen ersetzt und die drei halbtoten konnten die Fahrt zum Dorf mit den wartenden Doblolosen endlich abschliessen.

Dort angekommen, wird der grosse Gepäckhaufen sortiert, vieles wird den Kindern vom Dorf geschenkt, und ebensoviel wird auf einen Müllhaufen geworfen. Moris kocht uns endlich wieder einmal ein warmes und nichtbrotiges Essen und alle ausser Fabern geniessen eine Schale voller Couscous mit Pfeffer. Febeler liegt wieder halbtot im Zelt und würgt mit Müh und Not ein paar Löffel runter.

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Nur das Nötigste Beste wird mitgenommen.

Kilometer 9’631

Am morgen wird alles verbleibende Gepäck auf und in den Panda verstaut. Die drei Ingenieure werden von nun an offiziell zu dritt unterwegs sein und die Verabschiedung steht an. Die Stimmung im Team ist dementsprechend gedrückt und die Unsicherheit der nächsten Stunden und Tagen drückt deutlich auf die Gemüter. Destiny, Kevin, Boris und Melini müssen sich irgendwie einen Transport zum nächsten Ort organisieren. Dort werden die drei im Auto idealerweise auf der Bank die 400 fehlenden Doblo-Dollar abgeholt haben und können das Geld im Team aufteilen. Das Almaty-Team muss also versuchen, möglichst ohne Geld in dieses Dorf mit Bank zu kommen. Niemand weiss ob das klappt, und wie das klappen soll und so wird der Abschied sehr emotional und tränenreich.

Der Panda holpert vollgestopft los und schafft die hundert Kilometer auch fast ohne Panne. Nur einmal muss unfreiwillig gestoppt werden, als der linke Vorderpneu platt ist. Da unser Wagenheber vom Doblo zerquetscht ist, müssen die drei warten, bis ein vorbeifahrendes Auto anhält. Dieser Wagenheber hebt unseren Panda jedoch nicht an, stanzt nur Löcher von unten durch die rostige Karrosserie. Der Wagenheber des zweiten angehaltenen Tajiken hat eine grössere Auflagefläche und der Radwechsel erfolgt fix. Nach zwei weiteren holprigen Stunden durch die unwirkliche Landschaft erreichen die drei die Stadt der Bank.

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Der Pamir wäre ja eigentlich schon schön.

Nach einem tränenreichen Abschied sitzen wir nun hier am Strassenrand und warten auf eine Mitfahrgelegenheit nach Murghob. Vier schlecht riechende, verschmutzte Wesen mit einem Haufen unglaublich unhandlichem Gepäck. Denn wer denkt an einen Rucksack oder eine Tasche, wenn doch alles in Kisten im Doblo verstaut ist. An der Hauptstrasse kauernd realisieren wir, dass wir nicht so schnell von hier fortkommen wie wir uns das vorgestellt haben. Unser strahlendstes Lächeln und die Daumen kommen kaum zum Einsatz. Und die wenigen vorbeikommenden Autos sind voll oder Europäer, die ihr „100 $ a day“ Land Cruiser nicht mit vier schmutzigen Kreaturen teilen wollen. Taxis kommen auch nicht in Frage, da die verfügbaren zu teuer für unser spärliches Budget und die shared taxis leider schon am frühen Morgen abgefahren sind.

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Strassenrandromantik mit modischem Gepäck.

Unsere Wartezeit wird von einem sprachtalentierten Pamir überbrückt. Ja, er spricht tatsächlich Deutsch neben sechs weiteren Sprachen. Perfekte Voraussetzungen für sein Studium in Internationalen Beziehungen – oder Tourismus, zu dem er wechseln will. Aber auch er kann uns nicht weiterhelfen und trabt irgendwann Richtung eines der kleinen schmutzfarbenen Quader  weissen Häuser davon. Während Boris und Destiny ihr Glück in einem Kaffee nebenan versuchen, lächeln Kevin und Fisti sich einen Mann an, welcher aus einem türkisblauen Schaftransporter aussteigt. Er erklärt sich bereit, uns nach Murghob mit zu nehmen. Seine Ladefläche bietet sonst unzähligen Schafen Platz – das reicht auch locker für uns. Mittels ausgestrecketem Zeige- und Mittelfinger symbolisiert er uns, dass es erst in oder am 2 losgehe – nachfragen in 2 was ist hoffnungslos und so haften wir uns an seine Fersen und trinken erstmal neben ihm einen Çay. Schneller als gedacht geht es weiter, wir stürzen hastig die angetrunkene Tasse hinunter und richten uns hinten auf einigen alten Reifen ein. Glücklich über diese Wendung sind uns kleine Umwege zu Häusern egal. An einem der Halte strecken wir unsere Köpfe wie immer über die Ränder der Ladefläche hinaus, erhalten vom Transporterfahrer einige lokale superbequeme Sitzdecken und sind erstaunt, einen weiteren Rallier zu entdecken. Wie sich später herausstellte, war der Engländer um einiges erstaunter als wir, vier Schweizer auf der Ladefläche seines (für unglaubliche 100 $) gemieteten Wagens zu entdecken. Wir kennen ihn bereits von der Fähre über das Kaspische Meer und das Auto seines Teams wurde von Mätteli am Tag zuvor hier gesichtet: Ein Einheimischer sass drin und behauptete, er habe das Gefährt gekauft. Der Rallier gesellt sich jedenfalls zu uns und nicht wie von ihm geplant in die Fahrerkabine und wir erfahren die ganze Geschichte. Ihr Auto war dem Pamir auch nicht gewachsen und sie versuchten schon seit einigen Tagen, ihren Micra beim Doktor wieder fit zu machen. Ein letzter Versuch war, ihn nach Murghob zu bringen, doch ihm wurde vom Mechaniker versichert, das bringe nichts mehr, das Auto sei unrettbar. Unsere Begegnung mit ihrem Kleinen verunsichert ihn etwas, aber genug Kraft um da nachzuhaken hat er wohl nicht mehr und so steht ihr neuer, improvisierter Plan: Sie werden Ulan-Ude per Autostopp erreichen. Schnell bestätigt uns unser Schaftransporterkollege Aaron auch, dass das  legendäre Rallyteam Columbus tatsächlich hier in der Nähe ist. Sie seien in Murghob und werden wahrscheinlich gerade von seinen restlichen drei Teammitgliedern um Obdach gebeten. Genau unser Plan, wenn wir auf sie treffen würden. Voller Hoffnung, sie würden auf Aaron und somit auch auf uns warten, rumpeln wir im Schaftransporter weiter bergab. Teilweise lassen uns die Schlaglöcher unvermittelt mehrer dutzend Zentimeter in die Höhe schnellen und wir haben es nur den uns als Sitz dienenden Gummipneus und den bequemen Decken zu verdanken, dass wir die Fahrt ohne Steissbeinbrüche überstehen. Während der Fahrt stellte sich übrigens heraus, dass „unsere“ Sitzpolster eigentlich Aaron gehören und er ganz Gentlemen-like  schweigend mit einem Schlafsack als Schlagdämpfer vorlieb genommen hat.

Um 12:00 soll das Geld gegen Vorweisen von Mättelis Pass abholbereit sein. Als Mätteli die Bank betritt ist es 14:00. Sofort kommt ein eifriger Pamiri mit passablen Englischkenntnissen entgegen und fragt nach seinem Wunsch. Er wirkt etwas verdutzt, so etwas habe er noch nie gemacht. Ob er diesen ominösen Autokäufer einmal anrufen könne, fragt er. Der Autokäufer nimmt ab, wechselt mit dem Bankangestellten ein paar Worte, danach mit Mätteli. Es gehe noch 20 Minuten. Der Bankangestellte grinst, da aus seinem Gespräch mit dem Autokäufer die Wartezeit auf 60 Minuten festgelegt wurde.

Mehr als eine Stunde später: Der Bankangestellte kommt grinsend aus dem ersten Stock herunter (er muss zu den Wichtigen in der Bank gehören) und zuckt mit den Schultern. Nichts ist passiert. Noch einmal anrufen. Diesmal die übereinstimmende Information von 20 Minuten.

Eine halbe Stunde später: Der Bankangestellte kommt grinsend aus dem ersten Stock herunter und fragt ob ich nicht 400 Dollar erwarte. Der Autokäufer habe 300 geschickt, die könne ich jetzt haben, aber ich soll ihm doch einmal anrufen. Mätteli verliert die Geduld und wird lauter am Telefon, den Bankangestellten freut’s, da jetzt endlich einmal etwas läuft in seiner Filiale. Er feuert Mätteli regelrecht an: „Tell him Police, Police!“. Der Bankangestellt darf auch noch mal ans Telefon und gibt ihm dem Tonfall an auch noch Saures.

Zehn Minuten später: Der Bankangestellte kommt grinsend aus dem ersten Stock herunter und wedelt freudig mit einem Zettel in der Luft. Die restlichen 100 Dollar wandern ins Teamportmonnaie.

Plötzlich erstreckt sich in der Ferne Murghob. Als wir nur noch einen Checkpoint vom Stadteingang entfernt sind, steigt auf der anderen Seite ein Teammitglied von Aaron aus einem Jeep aus und kommt aufgeregt zu uns rüber. Team Columbus will weiter, sie warten in der Stadtmitte auf uns. Schnell wird ihnen telefoniert – Aaron sei gefunden und mit ihm vier weitere autolose Ralliers. Prompt bekommen wir eine Zeitlimite von zehn Minuten. Länger können sie nicht auf uns warten. Sobald wir unsere Pässe haben und wieder alle vier auf der Ladefläche sind, feuern wir unseren Fahrer an, denn die Zeit läuft schliesslich. Sitzen bleiben können wir vor Aufregung auch nicht mehr und so stehen wir immer wieder auf und hoffen, den roten Londonerbus zu erspähen. Und plötzlich sehen wir das britische Wahrzeichen und neben ihm – was unsere Freudenjubel noch lauter macht – unseren geliebten Panda mit seinen drei noch geliebteren Fahrer. Nach einer kurzen Besprechung entscheidet sich Team Columbus, uns mit nach Sary-Tash zu nehmen und damit beginnt ein weiterer Teil unserer unglaublichen Reise. Schnell haben wir uns auf dem Deck eingerichtet und geniessen die atemberaubende Aussicht auf dem Pamir Highway. Aufgrund unseres finanziellen Engpasses und wegen des hastigen Umsteigens haben wir kaum Essen und Trinken dabei. Für unsere ausgedörrten Kehlen ist schnell gesorgt, denn es gibt kaum frischeres Wasser als aus einer Quelle auf der Passhöhe. Während der Fahrt erfahren wir mehr über Team Columbus. Morgan und Cameron, die Besitzer des roten Busses und Teil des Teams, wandern nach Sydney aus und können sich als zukünftiges Zuhause nichts schöneres als den roten Bus aus ihrer alten Heimat vorstellen. 

Sobald die Mätteler mit dem Doblo in Form von 3744 Sumoringerli wieder ins Auto gestiegen ist, entdecken die drei Pändeler eine Kurve weiter den grossen, roten London-Doppeldeckerbus des Team Columbus. Alle begrüssen einander, manche kennen die drei bereits seit der Startparty oder der Turkmenistan-Fähre. Gerade als die Geschichte vom Doblo in die Runde der mitleidigen Gesichter geworfen wird, kommt hupend ein klappriger, russischer Lastwagen angefahren. Die Ladung: Unsere restlichen Teammitglieder!

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*Zeitlupe und kitschige Musik hier einfügen*

Freudig fallen alle einander in die Arme und die netten Menschen des Team Columbus bieten an, die vier bis nach Saritasch mitzunehmen, was unserer Routenplanung perfekt entspricht. Schnell sind alle im Bus verstaut und die drei Pändeler winken glücklich und immer noch etwas überrumpelt von der guten Wendung und der rote Kolloss verschwindet in einer Staubwolke. Mätteli schaut die beiden anderen an und meint „Aha, das Geld vom Doblo“. In der Euphorie wurde vergessen, warum überhaubt in der Stadt der Bank abgemacht wurde. Aber die vier sind nun ja gut versorgt und die drei Ingenieure machen sich auf den Weg zu einem herzigen Hostel.

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Team Columbus (Panda als Grössenvergleich im Schatten).

Kilometer 9’735

Frisch gestärkt, mit Seife geduscht, aber leider wieder in den alten Kleidern, machen sich die drei Buben mit dem Panda von Murghab aus auf den Weg über den höchsten Punkt des Pamir-Highways in Richtung Kirgistan. Der Panda zieht frisch fröhlich die stetig ansteigenden Strassen hoch. Einzig die Scheibenheber sind im Moment nicht nutzbar, da die Sicherung für einen anderen Zweck gebraucht wird. Wir können lediglich im Stand jede Scheibe einzeln auf die gewünschte Position stellen. Wir entscheiden uns für offen, da uns sonst der Benzingestank erdrücken würde.

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Massnahmen bei offenem Fenster.

Plötzlich, 60 km nach der Abfahrt und auf über 4400 m.ü.M., geht der Motor wieder aus. Wieder wird der Ansaugtrakt demontiert und rätselnd auf die Schläuche und Kabel gestarrt. Im Standgas läuft der Motor meist, sobald das Gaspedal betätigt wird, stirbt er jedoch ab. Irgendwie scheint die Einspritzdüse zu wenig oder zu viel Benzin zu liefern, aber eigentlich haben wir keine Ahnung. Zwei Stunden lang basteln die drei am Panda herum, putzen hie und da etwas und bauen alles wieder zusammen. Bei dieser Gelegenheit hat Mätteli die überbrückte Benzinpumpe an einen freien Schalter am Armaturenbrett gelegt. Also Benzinpumpe an, Zündung starten, Panda fährt. Für 50 Meter. Und wieder stirbt der Motor ab, dazu erscheint auch noch eine Warnleuchte, die irgendetwas mit einer Düse symbolisiert.

Bald kommt uns ein Auto voller Pamiri entgegen, die sofort aussteigen und ums Auto schwirren, an Kabel ziehen, in Schläuche pusten und wieder ist nicht ganz klar, ob die alle Mechaniker sind, oder einfach nett sein möchten und dann irgendetwas sagen. Nach erneutem demontieren und montieren wird klar, dass die Pamiri nicht weiterhelfen können. Sie bieten dem Pandateam an, sie wieder zurück nach Murghab zu ziehen. Dort würde sich sicher ein „master“ finden, der sich um das Pandababy kümmern kann. Die Buben nehmen das Angebot an aber bemerken schnell, dass kein Abschleppseil vorhanden ist, da dies zusammen mit dem Doblo verkauft wurde. Der eine Pamiri schnappt sich die Kombizange aus dem offenen Werkzeugkasten, sagt „don’t look“ und eilt zu den Telefonleitungen, die parallel zur Strasse verlaufen. Blitzschnell klettert er einen Mast hoch und kappt deutlich hörbar die unterste Leitung. Zurück am Boden schneidet er die passende Länge zum Abchsleppen ab und knotet das Drahtstück zwischen die beiden Autos. Pamir-Style.

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Panda in Pannenstimmung im Pamir.
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Der Netzelektriker bei Reparaturarbeiten.
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Abschleppen mit Telefondraht, so wird’s gemacht.

Nach 60 langen Abschleppkilometern erreicht das Gespann schliesslich wieder Mughab. Dort angekommen, beginnt die Suche nach einem Mechaniker oder zumindest jemandem, der sich etwas besser mit Motoren auskennt als die drei Ingenieure. Den gesamten Nachmittag werden Einheimische befragt und mit dem Panda von Haus zu Haus gefahren. Ja, natürlich fährt der Panda wieder, wie immer wenn er abgeschleppt wurde. Gegen Abend findet das Trio tatsächlich einen alten Brummbär, der sich mit Motoren auskennt. Leider läuft der Panda momentan wieder und mit Mättelis neun Rusischwörtern ist es sehr schwierig, den Sachverhalt zu erklären. Der Master schraubt den Ansaugtrakt auseinander, findet eine defekte Dichtung, schneidet eine neue aus einer çay-Packung aus, putzt alles mit Benzin und Pinsel und sieht sich die Einspritzdüse an. Diese sei noch super und er baut auch die wieder ein.

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Der Master flötet den Panda flott.

Nach einer stärkenden Pfanne Teigwaren mit Tomatensauce wird ein neuer Versuch gestartet. Motto: Fahren bis der Motor ausgeht, warten, weiterfahren. Falls gar nichts mehr ginge: Zelte aufschlagen. Also wieder los aus Murghab. Wir können diese Stadt und dieses Land nicht mehr sehen, wir wollen endlich zumindest Kirgistan erreichen.

Nach 60 Kilometern stottert der Motor und stirbt ab. Ja, genau dort wo eine Telefonleitung fehlt. Wir warten 20 Minuten und versuchen es erneut – ohne Erfolg. Nach weiteren 20 Minuten brechen wir die Übung ab und legen uns in die Zelte. Es ist sehr kalt, doch die Schlafsäcke spenden wenigstens uns genug Wärme.

Die Fahrt im Doppeldeckerbus werden wir wohl ein Leben lang nicht mehr vergessen. Wir sassen auf der offenen Fläche im oberen hinteren Teil, wo wir unsere Umgebung hautnah miterlebten: Wir hatten perfekte Sicht auf die Landschaft und spürten jedes Schlagloch wegen der vielfach verstärkten Vibration. Beeindruckt nehmen wir zur Kenntniss, wie der Londoner Bus relativ problemlos zum höchsten Punkt auf 4’600 m heraufrumpelt. Nur für das Herunterfahren ist er nicht gebaut. Seeehr langsam und nur auf eine kleine Vorderbremse vertrauend rollen wir das Gebirge hinunter und immer wieder ruft uns der Fahrer zu „Schwerpunkt verlagern! Alle runterkommen“ oder „Alle aussteigen, diese Passage wird heikel!“.

Am Abend halten wir auf etwas über 4’000 m Höhe. Da es bitterkalt ist, beschliessen wir, uns zu viert in ein bereits knapp bemessenes Dreierzelt zu kuscheln. Das stellt sich in der Nacht trotz den – 4 °C als Fehler hinaus. Obwohl wir notgedrungen Kopf an Fuss und Fuss an Kopf schlafen, müssen wir meist seitwärts im Zelt liegen. Nach einer hungrigen, wenig erholsamen Nacht dann der nächste Dämpfer beim Frühstück: Wir haben nur noch ein einziges angeknabbertes Fladenbrot. Für den ganzen Tag. Doch da wir eh (schon einmal fasten wollten) DURCHGSTR am Nachmittag an unserem Zielort ankommen sollten und wir die Freundlichkeit von Team Columbus nicht noch mehr strapazieren wollen, fahren wir mit leeren Mägen weiter. Etwas neidisch betrachten wir all die herumhopsenden Murmeltiere, welche sich fleissig Winterspeck am anfressen sind. Nach einigen Problemen mit Motor und Strasse und einem langen Grenzübergang nach Kirgistan erreichen wir das auf 3’000 m gelegene Saray-Tash etwas verspätet erst am Abend.

Kilometer 9’945

Höhenbedingte Katerstimmung macht sich beim Aufstehen breit. Vor allem Feberns Kopf scheint nach wie vor keine Freude an der dünnen Luft zu haben. Wir setzen uns in den Panda und fahren 50 Meter, danach ist auch schon wieder Schluss. Ein neuer Plan muss her: Alles was uns in Richtung Norden bringt, ist uns dienlich – wir sind auch bereit etwas Geld dafür in die Hand zu nehmen. Wir halten das erste vorbeifahrende Fahrzeug an: Ein Lieferwagen voller Kirgisen und Kirgisinnen. Für das Abschleppen ins nächste Dorf verlangen sie 100$. Wir bieten 100$ für bis an die Grenze, 50$ für das nächste Dorf. Sie willigen auf letzteres ein und nehmen ein massives Drahtseil hervor, das mittels Telefondraht mit dem Panda verknotet wird. Mätteli steigt in den Lieferwagen. Faben und Momo bleiben im Panda. Ziemlich zügig fährt das Gespann auf den nur wenige Kilometer entfernten Pass, der auf über 4600 m.ü.M liegt – Der höchste Punkt unserer ganzen Rally ist erreicht! Der Lieferwagenfahrer hält an, löst den Panda von seinem Gefährt und meint, zumindest bergab werde er es wohl alleine schaffen. Der Panda fährt – wie immer nach dem Abschleppen – glückselig los und meistert die nächsten 70 Kilometer wieder aus eigener Kraft. Mätteli und der Lieferwagen versuchen derweil mit dem Panda Schritt zu halten.

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Bei diesen Steigungen rattert der Panda ohne aufzumucken.

Bei der ersten längeren Steigung wieder das altbekannte Problem: Motorstottern, Leistungsschwund. Der Lieferwagen nimmt den Panda für einen Kilometer in seinen Schlepptau, danach geht es wieder bergab. Der Lieferwagenfahrer hat mittlerweile bemerkt, dass dies einfach verdientes Geld ist und bietet an, uns bis nach Osch zu folgen, damit er uns im Falle eines Falles den Hügel hochziehen kann. Der Panda fährt wieder aus eigener Kraft, sogar bis zur Tajikisch-Kirgisischen Grenze, die auf einem Pass liegt. Dort wird der Lieferwagenfahrer ungeduldig und fordert nun 70$ ein: 50$ für ins Dorf, 20$ an die Grenze. Da wir beim ursprünglichen Deal von Dauerabschleppen ausgegangen sind, weigern wir uns, einen derart hohen Betrag für ein Begleitfahrzeug zu zahlen, das erst noch hinterherhinkt. Wir geben ihm widerwillig 20$, er trottet händeverwerfend davon. Wir sammeln ein letztes Mal unsere Kräfte, um endlich aus Tajikistan raus zu kommen. Zuerst folgt eine „registration“, die 80 Sumoringerli verschlingt. Mätteli, der ja von sich Behauptet, mittlerweile sämtliche Nervosität bei Grenzübergängen abgelegt zu haben, ist uhueren nervös angespannt, da er mit Doblo selig eingereist ist und nun ohne Fahrzeug ausreist. Alles verläuft rund, wir erhalten die Ausreisestempel. Nur noch ein Hinderniss liegt zwischen uns und dem Verlassen Tajikistans: 60 Höhenmeter bis zur Passhöhe und natürlichen Grenze zu Kirgistan. Auf der Strecke dorthin muss Fäberlen den Pandino drei Mal neu starten (ein anspruchsvolles und durchdachtes Prozedere mit einer genau definierten Reihenfolge von Aus- und wieder Einschalten von verschiedenen Fahrzeugkomponenten). Irgendjemand oder irgendetwas will uns in diesem Land behalten. Mit Müh und Not erreichen wir unser Ziel. Wir haben es geschafft!

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Momo klettert mit seiner Grenzeuphorie wie ein Steinbock.

Tajikistan hat uns viele Eindrücke und Emotionen beschert, aber auch viele Nerven gekostet. Wir sind froh, nach 12 Tagen ein Land abhaken zu können.

Den Ranzen voller Bettwanzen: 7’593 km – 8’642 km

Kilometer 7’593

In der orangeroten Abendsonne fahren wir euphorisiert in Usbekistan ein. Der Grenzübergang verlief unerwartet reibungslos, die karge Wüste wurde durch eine saftiggrüne Buschlandschaft ersetzt und Kinder winken uns vom Strassenrand zu und wollen Fotos mit uns machen. Wir fahren Konvoi mit den beiden Teams, welche mit uns die Grenze übertreten haben: the cozy beavers, drei Typen aus Kanada und LHC Accelerating Panda, eine Frau und ein Mann aus Frankreich. Gemeinsam fahren wir bis nach Khiva, wo wir total ausgehungert Essen gehen und uns anschliessend ein Hostel gönnen. Ursprünglich wollten wir zwar campen, aber nach einer praktisch schlaflosen Nacht sind wir alle übermüdet und können uns nicht mehr motivieren, im Dunkeln einen Zeltplatz zu suchen. Mittlerweile lieben selbst die Camping-Neueinsteiger wie Momo oder Febeler das Schlafen in der Natur. Unser Bedürfnis nach einer Nacht im Freien können wir dennoch befriedigen – die Schlafplätze im Hostel bestehen aus Decken auf einem grossen, überdachten Balkon. Unsere Naturherzen freuen sich ebenso wie unser Budget. Sieben Franken pro Person inklusive reichhaltigem usbekischen Frühstück scheint uns ein fairer Preis.

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Open-air Hostel in Khiva.

Kilometer 7’809

Am nächsten Tag bummeln wir ein bisschen durch die schöne Altstadt von Khiva. Als wir langsam hungrig werden, steuern wir ein lokal aussehendes Gastaus mit grosser Terrasse an und werden sofort überschwänglich begrüsst und uns wird ein Platz zugewiesen. Etwas überfordert setzen wir uns hin und uns wird Pilaw, die lokale Reisspezialität, aus einem riesigen Topf geschöpft. Als wir zögernd fragen, was denn der ganze Spass koste, winkt die Gastwirtin ab. Es sei gratis. Wieso genau, ist uns nicht ganz klar – so weit wir verstehen, feiern die Usbeken gerade irgendeinen Nationalfeiertag. Der ältere Mann dort hinten rechts bezahle alles, wird uns erzählt. Auf jedem Fall schlagen wir uns die Bäuche voll und das Pilaw schmeckt einfach herrlich.

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Pilaw mit Baba Cool (weisse Mütze, blaues Shirt, ganz rechts).

Pappsatt verlassen wir das Gasthaus, um gerade in die nächste (oder die gleiche?) Festivität zu kommen: ein Melonenfest mit riesigen Bergen der süssen Früchte, Musik und traditionellen Tänzen. Wir sind fasziniert vom bunten Treiben, degustieren verschiedene Melonensorten und tanzen mit den Einheimischen. Denn die Faszination beruht auf Gegenseitigkeit – ständig muss Grüselschnauz Faben müssen wir für Fotos posieren und werden unter grossem Juhee in die Festivitäten integriert. Als wir uns entschliessen, einige Melonen für unterwegs zu kaufen und uns hinter den Einheimischen einreihen, winken uns die Marktleute nach vorne und schenken uns einige der Früchte. Entrüstet lehnen sie jegliche Bezahlung ab.

In der Nachmittagssonne setzen wir unsere Reise, immer noch zu dreizehnt im Konvoi, Richtung Südosten fort. Mitten in der usbekischen Wüste schlagen wir wenige hundert Meter von einem See entfernt unser Lager auf. Endlich wieder einmal campen! Voller Freude rammen wir die eingerosteten Heringe in den Sand und sammeln Reisig, um den türkischen Teekocher anzufeuern. Momo und Destiny kochen das wohl leckerste Gericht bis jetzt – eine bunte Mischung aus Reis, Linsen, Pelati, Erbsen und Oliven, ganz nach dem Motto „mehr ist mehr“. Nachdem Moris eine gefühlte Ewigkeit Zweige zurechtgebrochen hat, um das Feuer im kleinen Ofen zu machen, geniessen wir ein Glas Çay zum Dessert. Je dunkler die Nacht wird, desto schöner wird der Sternenhimmel. Dieses Prinzip gelte übrigens auch für den Çay, wirft Momo ein: je dunkler, desto stärker und besser. Weit weg von der städtischen Lichtverschmutzung erleben die meisten von uns den schönsten Nachhimmel, den sie je gesehen haben. Wie ein nebliges Band zieht sich die Milchstrasse über das gesamte Firmament. Es ist kein Zufall, dass wir genau in dieser Nacht in die Mitte der Wüste gefahren sind: Wir wussten, dass vom 12. auf den 13. August die Perseiden erwartet werden, der spektakulärste Meteorschauer des Jahres. Wir liegen alle auf die Picknickdecken oder Motorhauben und die ersten Sternschnuppen lassen nicht lange auf sich warten. Andächtig bewundern wir die Sternbilder und in regelmässigen Abständen murmeln wir ein langgezogenes „woooow“ wenn wieder ein besonders grosser Meteor in der Erdatmosphäre verglüht. Eine romantischere Stimmung ist kaum vorstellbar. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass am nächsten Morgen nicht alle Teammitglieder in ihren eigenen Zelten aufwachen. Es war ein vollkommener Abend, welcher uns eindrücklich vor Augen geführt hat, wie schön und abenteuerlich diese Reise doch ist.

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Der Çaykocher flammt in den Sternenhimmel.

Kilometer 8’103

Von der brennenden Wüstensonne früh geweckt nehmen die hygienebewussten meisten von uns am nächsten Morgen ein Bad im nahen See. Bei unserer obligaten Schüssel Porridge trabt gemütlich ein Usbeke auf seinem Eselchen an uns vorbei.

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Die Wüstensonne scheucht ein paar verpennte Gestalten aus ihren Zelten.
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Ein Usbeke mit seinem Esel und Hund besucht unser Lager.

Wir machen uns auf den Weg nach Buchara. Während der fünfstündigen Fahrzeit bei Bruthitze fallen wir nach und nach in den uns mittlerweile wohlbekannten Stand-by-Modus: Alle Körperfunktionen werden auf ein Minimum heruntergefahren und wir vergessen, wie sich Hunger, Durst oder eine volle Blase anfühlen. Trotzdem nehmen wir in unserem Dämmerzustand immer noch wahr, dass mittlerweile alles mit einer feinen, hellbraunen Sandschicht überzogen ist, von unseren Haaren bis zum Handy-Display. Wer ein elektronisches Gerät benutzt, hört das ständige sandige Knirschen gar nicht mehr. Das Dahinvegetieren wird kurz unterbrochen, als unsere Ingenieure müde einen platten Reifen reparieren. Einige andere Teammitglieder rollen sich derweil Melonen kauend eine Böschung hinab, wo sie ein kühles Rinnsal entdeckt haben.

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San Mauro (zweiter v.l.) beaufsichtigt die Reparatur des eingedellten Felgen.
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Mondi geniesst saftige Melonen.

Wir fahren durch die Provinz Buchara, welche sehr reich an Erdgas ist. Fabern erklärt, dass deshalb viele Autos hier mit dem billigen Methan oder Propan fahren, gut erkennbar an den roten, an den Fahrzeugen angemachten Druckbehältern. Eine weitere Kuriosität sind die Polizeiautos aus Karton, welche in regelmässigen Abständen an der Strasse stehen. Der 1.2 m hohe Papp-Polizist sollte wahrscheinlich ein einschüchternder Mahnfinger sein, uns erscheint er eher niedlich.

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13 rasende Rallier und ein Karton-Cop.

Kilometer 8’252

Gegen Abend erreichen wir die Grossstadt Buchara, wo wir in einem Hostel übernachten – die Hälfte drinnen, die andere Hälfte auf der Veranda. Am nächsten Morgen eine grosse Aufregung: Einige Teamohneglieder sind übersät von roten Pusteln. Sind es Bettwanzen? Wüstenflöhe von der letzten Nacht? Oder doch nur Mückenstiche oder eine Unverträglichkeit mit den Duvets? Differenzialdiagnostisch alles im Bereich des Möglichen. Inmitten des Chaos schleichen sich Mätteli, Febeler und Destiny davon, um zum Autodoktor zu gehen. Dem Doblo geht es nämlich auch nicht so gut: Seit Baku rumpelt der weisse Riese immer bei gewissen Drehzahlen. Zu Beginn haben wir uns gedacht, dass ein mechanisches Teil etwas locker sein könnte, das uns bei bestimmten Vibrationen sein Lied der Eigenfrequenzen vorsingt. Das Rumpeln wurde nach einigen Kilometern zu einem lauten Rattern und wir drehen die Musik etwas auf. Der Panda hat teilweise mehrmals pro Tag plötzlich starke Leistungsverluste. Beim Treten des Gaspedals röhrt dieser laut aber bremst eher als dass er beschleunigt. Abhilfe schafft jeweils Ausschalten und erneutes Starten des Motors. Das geht mittlerweile auch routiniert während der Fahrt auf der Autobahn. Nach den Offroad-Trips des Pandas beim Tor zur Hölle haben wir sehr wahrscheinlich alles Mögliche im Motorraum mit Sand aufgefüllt. Die Kupplung und das Getriebe funktionieren nach einigen holprigen Autobahnkilometern wieder einwandfrei. Der Doblo hingegen schwächelt immer mehr. Aus dem Rumpeln wurde ein Stottern beim Beschleunigen und im Standgas ist der Motor sehr unruhig, so dass wir konstant etwas Gas geben müssen, damit dieser nicht abwürgt. Mittels schwarzen Rauchzeichen versucht er uns verzweifelt zu signalisieren, dass er wieder einmal zum Autodoktor möchte. Seit der Ankunft in Usbekistan leuchtet zudem permanent die Motorwarnleuchte.

Berichten anderer Mongol Rally-Teilnehmern zufolge befindet sich ca. zwei Kilometer ausserhalb des Zentrums von Buchara eine regelrechte Garagenmeile, wo sich Mechaniker an Mechaniker reihen und gierig auf Aufträge warten. Dort angekommen entpuppen sich diese Erzählungen als Untertreibung. Wir fahren mit Doblito vor eines der unzähligen Garagentore mit dahinterliegendem Inspektionsgraben. Ungeduldig werden wir eingewunken. Sofort wird die Motorhaube geöffnet und die flinken Finger des Mechanikers im mittleren Alter lösen den Luftfilter, währenddem wir uns nur kurz umgedreht haben. Der Blick auf den Motor offenbart Interessantes: Er rüttelt wie ein Rasenmähermotor, die Schwingungen breiten sich auf die ganze Aufhängung aus und ein sporadisches Husten mischt sich in das schon kränkelnde Motorengeräusch. Ein kurzer Check durch das Lösen einzelner Zündkerzenanschlüsse lässt den Fehler schnell ermitteln. Wir sind die letzten 300 paar Kilometer mit zwei statt vier Zylindern gefahren. Die Zündspule für diese zwei Zündkerzen hat ihren Dienst quittiert. Irgendwo in einem Haufen voller Ersatzteilen kramt der Mechaniker eine noch funktionsfähige Spule hervor, lötet aufgrund der Inkompatibilität der Anschlüsse einen Adapter und murkst baut das Teil fachmännisch wieder ein. Wir drehen den Schlüssel und der Doblito schenkt uns ein zufriedenes Schnurren. Noch nie haben sich vier Zylinder so gut angefühlt. Wir sind erleichtert bis uns der Mechaniker den Preis für seine Dienste nennt: 120 US-Dollar möchte der feine Herr haben. Wir verwerfen die Hände und fragen ihn mangels Usbekisch-Kenntnissen auf Berndeutsch, ob es ihm eigentlich in den Weizen geschneit habe (Mätteli konnte auf die Schnelle keine Kombination aus Brot, Bruder und Bier auf Russisch hervorstammeln). Nach ewigem Gestürm und gegenseitigem Auslachen ab den Preisvorstellungen einigen wir uns schlussendlich auf 12 US-Dollar –  anhand der zufriedenen Reaktion nach dem Geldwechsel wohl immer noch zu viel, aber wir können damit leben.

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Stube Werkstatt in Buchara.

Während der Doblito auf Vordermann gebracht wird, haben sich die restlichen Teammit- und ohneglieder aufgeteilt und erkunden etwas die Stadt oder befassen sich mit dem Blogschreiben. Das gesamte Team und unser Plus eins (the cozy beavers) treffen sich nach der Reparatur in einem Restaurant und entscheiden sich, nach einer überteuerten Nacht im Hostel zu den Wurzeln der Mongolrally zurückzukehren und im Freien zu übernachten. Das französische Team hat unterdessen wieder eigene Wege eingeschlagen. Wir fahren, nach dem wir uns für 180’000 Sumoringer mit Limonade und Bier erfrischt haben, in Richtung Samarkand los. Das Bezahlen dieser grossen Beträge ist jeweils wie ein Jahrestreffen von sehr erfolgreichen Drogenbossen und wir werfen bündelweise Beträge auf den Tisch, zu denen wir jegliche Relationen verloren haben. Die üblichste Banknote ist 1’000 Sumoringer, sprich 12 Rappen schwer und somit sorgen bereits Rechnungen für ein normales Essen für ein langes und mühsames Abzählen und Scheine sortieren.

Nachdem wir unterwegs die Zutaten für unser Gourmetmahl eingekauft haben, fahren wir an einem Mongol Rally-Team vorbei, welches am Strassenrand hält und von helfenden Usbeken umgeben ist. Weit ist dieses Team nicht gekommen, denn unsere Doblo-Reparatur-Equipe hat sie in der Garagenmeile angetroffen, wo sie irgendetwas von einem utopischen Tagesziel gefaselt haben. Wir fahren auf der holprigen Hauptstrasse (oder Autobahn?) durch eine Landschaft, welche immer wieder von braun zu grün wechselt. An einem Punkt wo die Natur eher braun ist als grün ist, biegt Mätteli nach rechts ab und fährt auf einer Kiesstrasse in die Richtung einer Gebirgskette.

Kilometer 8’450

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Panda fährt dem Sonnenuntergang entgegen.

Die Landschaft verspricht eine sehr angenehme Campingatmosphäre. Wir fahren mit den drei Autos auf einen Berg/Hügel hoch und beschliessen, die Nacht dort zu verbringen. Momo kriegt das Verlangen, den Panda über die Schotterstrassen zu jagen und schnappt sich mit Destiny zusammen den Wassertank unserer Dusche Jenny, um diesen an einem Brunnen zu füllen, den er bei der Hinfahrt gesichtet hatte. Die Wasserexpedition entpuppte sich jedoch als Fehlschlag, da der Brunnen keine Pumpe hatte, um da Wasser hoch zu fördern. Momo kommt trotzdem grinsend zurück: Ihn schien die fehlende Pumpe nicht im Geringsten zu stören, Hauptsache er konnte in der untergehenden Sonne den Benzinverbrauch hochjagen etwas Staub aufwirbeln.

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Momo prügelt den Panda den Hügel hoch.

Unterdessen kriegen wir Besuch von Einheimischen, welche zwischen den Hügeln wohnen. Mit ihren knatterigen russischen Motorrädern und Autos kommen sie lachend auf uns zu, schauen sich unsere zwei Italiener sehr interessiert an und laden uns wild gestikulierend zum Essen ein. Nach einem anstrengenden Tag möchten wir jedoch nur etwas Kleines kochen und dann ins Bett, und so lehnen wir dankend ab. Doch die Usbeken geben nicht auf, überlegen kurz und verkünden dann strahlend, sie werden uns das Essen einfach zu uns hoch bringen. Auch hier schaffen wir es irgendwie, das Angebot auszuschlagen und sind etwas erleichtert, als sie unter grossem Getöse und Staubaufwirbeln von unserem Lager wegholpern.

Vom Hunger motiviert fangen wir an zu kochen. Bei einer simplen und doch vollkommenen Mahlzeit um elf hungrige Mäuler zu stopfen kann nur von Makronen die Rede sein. Die Sauce beinhaltet Linsen, Erbsen, Tomatenmark und eine komplexe Würzmischung (Bouillon). Mitten in der Mahlzeit werden wir abermals von Besuch überrascht: Die fünf Usbeken haben unser Kopfschütteln, „Njet“ sagen und Arme zu einem Kreuz formen als „Ja, gerne“ aufgefasst und jagen mit vollen Händen zu unserem Hügel hoch. Sie haben einen Fleischspiess dabei, sowie fetttriefende Suppe und Tabaka, ein fein zubereitetes Huhn, welches auf einem Brot liegt, das als Schüssel verwendet wird. Zudem legen sie mehrere Melonen, Schokolade und Snacks auf unsere Picknickdecken. Selbstverständlich sind auch alkoholische Mitbringsel dabei, um den Durst zu löschen. Manche stärker als andere. Mamur schliesst sein altes Handy an die Boxen an und spielt seine usbekische Playlist ab, zu der wir fleissig tanzen, essen und trinken.

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Unter dem Schein der Mondsichel und unserer Girlande geniessen wir den Abend.
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Fleisch, Brot, Melonen und Schnaps mit neuen Freunden.
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Erkenntnis der Rally: Nirgends pfuust man besser als unter Wüstenhimmel.

Kilometer 8’596

Am nächsten Morgen spachteln wir ein paar übriggebliebene Melonenreste und fahren in das altehrwürdige Samarkand. Unmittelbar nachdem wir die Stadtmauern passiert haben, kriegt unser armer Panda ab all den prunkvollen Moscheen und Mausoleen einen Kulturschock und fällt überwältigt in Ohnmacht. Da der Motor partout nicht mehr angeht, schleppen ihn Momo, Febeler und Mätteli zu einem Mechaniker ab, welcher ihn mit etwas Riechsalz und gut Zureden wieder aufpäppelt. Da die in Baku angeschweisste Blattfeder vor Kurzem wieder brach, lassen wir diese erneut zusammenbrutzeln und denken mit einem unguten Gefühl im Bauch an den berüchtigten Pamir-Highway. Das Lächeln, welches wir ab der Rechnung über CHF 2.- bekommen, entspannt uns immerhin wieder ein bisschen.

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Je mehr Funken, desto besser hält’s, oder?

Die anderen Teammitglieder flanieren derweil durch Samarkand. Als sie bei der wohl sehenswürdigsten Sehenswürdigkeit, dem Registon, angelangt sind, laufen ihnen prompt die Ingenieure in die Arme und berichten von der geglückten Reparatur. Wieder vereint machen wir noch ein bisschen Sightseeing und posieren wie immer geduldig mit unseren Fans. Ob sie unsere Schnäuze, Hautfarbe oder unser Auftreten so begeistert, wissen wir immer noch nicht.

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Schnauz Fabian lädt zum Gruppenfoto ein.
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Auch der Panda ist je zentralasiatischer desto beliebter.

Seit Wochen erzählt uns Mätteli, er habe in Samarkand „imfall das beste Brot seines Lebens“ gegessen. Also kaufen wir uns vor der Weiterfahrt ein paar Laibe davon, die Erwartungen an das magische Gebäck sind unterdessen riesig. Auf der Fahrt Richtung Tajikistan kauen wir auf dem Weissbrot herum. Fazit: Es zieht viel Speichel (Destiny), wird schnell hart (Kevin), LOL (alle), aber ist ansonsten ganz gut.

Kurz vor Betriebsschluss erreichen wir die Grenze zu Tajikistan. Irgendwie mögen wir mittlerweile das Zettelausfüllen und Stempelabholen an den Zollhäuschen. Die Beamten haben alle Freude an uns und an den Fiats. Anstatt diese zu durchsuchen fragen sie nach einem Stift und unterschreiben auf der Motorhaube. Bei der Passkontrolle winkt man uns an allen wartenden Einheimischen vorbei nach ganz vorne. Etwas unsicher blicken wir auf die Runde und alle deuten uns mit freundlichem Gesicht auffordernd zum Schalter. Pass auf, Stempel rein, mach’s gut Uzbekistan und guten Abend Tajikistan.

Kein Wlan in Turkmenistan: 6’122 km – 7’593 km

Kilometer 6’122

Seit heute sind wir in einer neuen Team-Konstellation unterwegs. Meeri musste leider abreisen und hat wie geplant den Flug von Baku nach Frankfurt erwischt. Zuhause wird sie die Rechtschreibung dieses Blogs korrigieren *hust* und ausserdem wieder zurück in den Stollen wandern. Joyce ist ebenfalls wie geplant gelandet und hat trotz vergessenem Visum den aserischen Boden betreten.

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Gruppe mir J
Finde den Unterschied

Warum steht im Titel Turkmenistan, wenn wir doch immer noch in Baku verweilen? Nun, dieses Land benötigt einige Erklärungen und vorgängige Informationen:

Geplant ist, dass wir mit den Autos auf einer Fähre über das Kaspische Meer von Baku (Aserbaidschan) nach Türkmenbaşy (Turkmenistan) reisen. Anschliessend fahren wir quer durchs Land und werden im Norden die Grenze nach Usbekistan überqueren.

Was ist also daran speziell? Eigentlich alles:

Die Fähre

Zur Fähre gibt es nur sehr spärliche Informationen im Internet. Die vorhandenen Daten sind auch eher Mythen und Gerüchte als handfeste Hinweise. Hier ein Muster einer Beschreibung aus dem Internet:

„[…]There is a park with a series of fountians, around the back of there is the entrance to the port where the ferry leaves from. We left our cars there, some of us even camped there. You want to go to the office thats roughly in the middle of the carpark where you will leave your cars. There will be a large (overweight) official looking guy who we nick named „big tony“ as he did remind of us of tony soprano. You want to talk to him about getting tickets. As far as costs go i think it was just over $500US for 3 of us and a car. There is also no real timetable of when the ferry will arrive, we waited 3days for the ferry to arrive.[…]“

Da wir laut offiziellem Mongolrally-Tracking den meisten Teams hinterherfahren, können wir ausserdem auf aktuelle Informationen dieser TeilnehmerInnen zurückgreifen. Momenten ist es hier sehr windig, weshalb die beiden verfügbaren Fähren anscheinend beide im Hafen von Baku stehen. Alle, die bereits auf der Fähre sind, können aber nicht mehr zurück und warten zurzeit in der Eisenbüchse im Hafen. Da niemand weiss, ob oder wann die nächste Verbindung stehen wird, werden wir heute im Verlaufe des Tages zum Hafen gehen und unser Glück probieren. Dort werden wir uns wahrscheinlich in die Reihe der Wartenden einordnen und mit den Mätteli (lol nicht mit Mätteli lol) neben den Autos schlafen. Vielleicht geht es zwei Stunden, eventuell auch drei Tage, bis wir auf der Fähre sind – wir stellen uns auf alles Mögliche ein.

Wenn wir dann tatsächlich eingeschifft(?) aufgebootet(?) angefähret(?) auf dem Ding drauf sind, ist unklar, wie lange die Reise dauern wird. Manche Teams haben 16 Stunden genannt. Andere mussten bei Wasserknappheit fünf Tag in Türkmenbaşy im Schiff am Hafen warten, bis sie aussteigen konnten. Auch hier: Wir sind gespannt.

Gibt es Kabinen? Werden wir auf dem Deck am Boden sitzen? Gibt es Essen und Trinken? Alles wahrscheinlich keine wichtigen Fragen, denn auch hierzu gibt es nicht wirklich verlässliche Informationen.

Turkmenistan

Nach der Ankunft am Endpunkt der transkaspischen Eisenbahn in Türkmenbaşy, haben wir exakt fünf Tage Zeit, um das Land im Norden wieder zu verlassen. Das Land ist Touristen gegenüber „eher abweisend“. Grund dafür ist die Politik des aktuellen Staatsoberhauptes, Staatschef und Regierungschef zugleich, Gurbanguly Berdimuhamedow. Dies war der Leibzahnarzt des früheren, bereits sehr autoritären Machthabers und ist nun demokratisch gewählter Präsident bei einer offiziellen Wahlbeteiligung von 99%. Der frühere Präsident gab sich übrigens den Namen Türkmenbaşy, zu Deutsch „Führer der Turkmenen“. Auch die Hafenstadt Krasnowodsk,(wo wir andocken werden) sowie den Monat Januar nannte er kurzerhand zu Türkmenbaşy, also nach ihm selbst, um. Wie dem auch sei. Der aktuelle Machthaber Gurbanguly jedenfalls regiert über ein Land, das etwa zehnmal so gross wie die Schweiz ist und ca. 5.8 Mio EinwohnerInnen hat, von welchen offiziell 99.9% mindestens eine sekundäre Ausbildung genossen haben. Das Staatsgebiet besteht hauptsächlich aus Wüste und zwei Strassen quer durchs Land. Turkmenistan besitzt die grössten Gasfelder der Welt und mehrere europäische Öl- und Gas-Multis haben Niederlassungen im Land. Die Bevölkerung ist jedoch sehr arm und der Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung ist stark eingeschränkt. Oppositionsparteien sind seit einiger Zeit wieder erlaubt, es hat sich jedoch bisher erst eine einzige und eher unbedeutende Partei gebildet. Hmm. Schwarze Autos sind verboten, da der Chef lieber weiss mag. Als Touristen bekommen wir laut Gerüchten „zu unserer Sicherheit“ einen GPS-Tracker des Geheimdienstes ins Auto. In der Hauptstadt steht seit neustem anscheinend der weltgrösste Fahnenmast. Satellitenschüsseln sind verboten, da diese „die Fassaden verschandeln“. Ausländische Medien gibt es nicht.

So weit so wirr – was bedeutet dies alles aber für uns?

Wir werden uns nach der Abfahrt in Baku für einige Tage nicht mehr melden und wahrscheinlich den Blog nicht aktualisieren können. Handy-Empfang wird voraussichtlich im Land nirgends möglich sein. Unseren GPS-Tracker werden wir aber bei uns haben und die OK-Nachrichten werden weiterhin per Mail verschickt. Falls etwas schief laufen würde, haben wir diesen Kommunikationskanal ebenfalls immer zur Verfügung. Grundsätzlich machen wir uns keine Sorgen, da die Regierung schön dezent dafür sorgen wird, dass wir spätestens fünf Tage nach Ankunft das Land wieder verlassen werden.

Wir sind gespannt auf dieses weitere Kapitel der „-stan-Länder“ und freuen uns, bald im Blog darüber zu berichten.

Projekt Einschiffung

Tag 1

Laut anderen Rally-Teams wird heute Nachmittag eine Fähre beladen. Sofort packen wir in der Unterkunft alles zusammen und fahren zum Hafen. Natürlich gibt es keine Informationen, wo genau der Eingang zum Hafengelände ist. Das haben wir auch nicht erwartet und fahren deshalb frohen Mutes ans Meer um diesen zu suchen. Auf der Karte sind drei verschiedene Hafengelände eingezeichnet, welche wir systematisch abklappern. Beim ersten ist ausser einem grossen Hotel nichts zu sehen. Beim zweiten werden wir zum dritten geschickt, wo wir wieder zum vorherigen zurück gewinkt werden. Beim mittleren Hafen steht nun ein Typ, der mit relativ solidem Englisch erklärt, dass wir doch morgen um 10 Uhr wieder vorbeikommen sollen. Unsere Nachfragen nach weiteren Infos zur Fähre bleiben unbeantwortet. Immer wieder sagt er „no information, no information“. Wir sind nicht sicher, ob er nichts weiss, oder ob er nichts sagen darf. Ändert an der Situation auch nicht viel, weshalb wir uns zurück zur Unterkunft begeben, welche wir vor kurzem verlassen haben.

Nach dem deftigen Abendessen widerstehen nur Mätteli und Febeler dem Drang, das Nachtleben von Baku zu erkunden. Die beiden verzichten auf den Genuss einer Shisha, denn sie haben ihr eigenes Projekt und schleichen sich so mit einer fadenscheinigen Ausrede zurück ins Hostel. Dort angekommen, verschwinden sie mit einem schelmischen Grinsen zusammen im Badezimmer und kommen eine halbe Stunde später stolz wieder hinaus. Beide haben dem jeweils anderen den hässlichsten Schnauzer rasiert, der mit dem vorhandenen Gesichtsbewuchs möglich war.

Romano und Julia

Romano und Julia

Tag 2

Am Morgen machen wir eine Einkaufstour und kaufen etwa 130 Liter Wasser, zehn Brote und etliche Bananen. Die vielen Gerüchte um die langen Wartezeiten auf der Fähre und das Knappwerden von Trinkwasser verleiten uns zu wahren Hamsterkäufen.

Nach typisch Schweizerischer Art bricht bei uns bereits leicht kalter Schweiss aus, als wir mit einer Verspätung von zehn Minuten um 10:10 Uhr wir beim Hafeneingang aufkreuzen. Unsere Nervosität ist natürlich völlig unbegründet und der Beamte 1 vom Tag zuvor erklärt uns, dass wir heute aufs Schiff fahren können. Zuerst müssen wir jedoch beim Schalter 1 die Pässe abgeben.

Kurze Zeit später bekommen wir diese nach einer Zahlung von 40 $ pro Fahrzeug wieder zurück. Sofort kommt der Beamte 2 und schickt uns zum Schalter 2. Dort kontrolliert eine mürrische ältere Frau die Dokumente und gibt diese sofort auch wieder zurück und schickt uns zum Beamten 2. Dieser meint, wir sollen die Autos nun im Hafengelände abstellen, da die Schiffe erst am Abend beladen werden. Nachdem wir im Geländeinneren parkiert haben, erscheint der Beamte 3, welcher uns mitteilt, dass am Sonntag prinzipiell nichts läuft, schon gar nicht eine Fähre beladen oder entladen wird. Wir sollen doch morgen wieder kommen um zu schauen wie es weiter geht. Anhand seines imposanten Hutes erkennen wir in ihm schnell den Alphabeamten. Die Aussagen der Beamten 1 und 2 werden somit offensichtlich hinfällig. Da er während unserem Gespräch lässig an einer Winston Blue gezogen hat, haben wir uns bei der nächsten Gelegenheit sofort damit eingedeckt (CHF 1.40). Wir erhoffen uns beim morgigen, nächsten Versuch, dass wir auf denselben Beamten treffen werden. San Mauro wird hoffentlich dafür sorgen, dass nicht plötzlich einer mit einem noch grösserem Hut daherkommen wird, der dann zum Beispiel Marlboro raucht und unsere Winston Blue nur mitleidig belächelt.

Nacht 1 am Hafen
Hafenstimmung in Baku

Unterdessen haben wir unseren nächsten Eintrag auf der Krankenliste: Destiny verbringt den Tag mit Gliederschmerzen und einem eiternden Auge in Embryostellung in einem Café, gegen Abend kriegt sie notfallmässig eine Kochsalzinfusion und Antibiotika. Damit sie nicht in der windigen Hafenluft schlafen muss, verbringen fünf von uns die Nacht in einem nahen Hostel während Momo, Febeler und Mätteli bei den Autos bleiben, bereit, jederzeit aufbooten zu können. Der Hostelpapa Arash, ein überaus quirliger Iraner, wird sofort noch lebhafter, als er von unserer Herkunft und Destinys Leiden hört – er eröffnet uns, dass er eigentlich selbst Arzt sei, einige Zeit in der Schweiz gearbeitet und sogar eine Schweizer Freundin habe. Er vermisse seinen Beruf und werde sich heute Nacht um Destiny kümmern ob sie dies nun will oder nicht, sie solle ihn wie einen Onkel betrachten. Sofort und mit leuchtenden Augen packt Arash seine Arzneikiste aus und nur Kevins beherztes Eingreifen verhindert, dass unsere Patientin einen zweiten Medikamentencocktail innerhalb weniger Stunden erhält.

Gaumenschmaus auf dem Balkon des Hostels: Später gab es allerdings auch einen kleinen, konservierten Aufsteller. Wir haben die aserische Alnaturastreichpaste „Kürüsü“ entdeckt, die uns so manches Brot in Zukunft in ein Festmahl verwandeln wird und uns trotz allem ein leckeres Znacht auf dem Hostelbalkon ermöglicht hat.

Tag 3

Der nächste Morgen: Leider geht es unserer Destiny mit ihrer destiny, dem sie hier in Baku die Stirn bieten muss, nicht viel besser. Auch der Hostelpapa Arash ist besorgt und unterstützt uns abermals als unversiegbare Teequelle. Wir sind immer wieder aufs Neue erstaunt: Man könnte mit nichts als den Kleidern, die man am Körper trägt, reisen und trotzdem sorgten die Menschen hier mit ihrer unerschöpflichen Gastfreundschaft für Wohlstand in Form von Betten, Duschen, Nahrung und Liebe.

Am Hafen erwachen die drei Schnäuzer zwischen Panda und Doblo. Das Tagesprogramm beginnt mit einem Besuch der Hauptpostfiliale in Baku. Dort muss irgendeine Gebühr bezahlt werden, bevor der Prozess des Einschiffens weiter gehen kann. Im Verlauf des Morgens haben wir bereits wieder verschiedene Informationen bezüglich der Fähre erhalten. Ein Turkmene, der uns angesprochen hat, meinte etwas von fünf bis sechs Stunden, bis irgend etwas passieren wird. Mätteli hat bei seinem Morgenspaziergang zum Pier entdeckt, dass nun eine Fähre vor dem Hafen ankert. Der Beamte 1 am Tor hat etwas von heute Abend 8 Uhr erzählt. Oder Morgen. Wir werden sehen.

Nach dem Besuch der Post und dem bezahlen von einer Strassengebühr (oder was war das nochmal?) von 15 $ pro Fahrzeug, machen wir uns mit dem Zahlungsbeleg wieder auf zum Hafen. Der Beamte 1 am Tor winkt uns freundlich zu einer nicht angeschriebenen Türe weiter. Dort scannt der Beamte 4 die Zettel ein und auf unsere Frage nach der Fähre meint dieser:

„today: maybe. tomorrow, yes“ Beamter 4. Mittelmässige Hutgrösse.

In der brennenden Sonne liegen wir wie trocknende Waschlappen herum. Wir lesen Bücher oder dösen und warten auf Neuigkeiten. Aus dem Hostel kommt eine gute Nachricht: Destiny scheint es nun etwas besser zu gehen.

Mätteli und Febern laufen zum Pier um nach der Fähre Ausschau zu halten. Dort wo am Morgen noch ein Schiff im Wasser stand, sind nun nichts anderes als ein paar ölige Flecken auf dem Wasser zu sehen. Also today maybe eher nicht.

Nach und nach treffen andere Mongolrally-Teams auf dem Parkplatz ein. In den kühleren Abendstunden werden die bisher erlebten Räubergeschichten ausgetauscht, zusammen Kreuzworträtsel gelöst und Selfies mit den Beamten 1 und seinen Kollegen vom Tor gemacht.

Joyces reunited
the Tschöschels are reunited
Grüsel mit Bub
Teamgrüsel mit beeindrucktem Bub

Zwischen Doblo und Panda legen wir die Mätteli (höhöhö immer noch lustig) aus und machen es uns gemütlich.

Nacht 2 am Hafen
Gemütlicher Schlafplatz am Hafen

Tag 4

Mit der Sonne erwachen auch wir auf dem Parkplatz. Fast alle anderen Teams übernachteten in ihren Mietwohnungen oder Hostels. Da sind wir wohl mit dem Rally-Spirit schon etwas weiter als die Anderen.

Nach dem Aufstehen schlendern wir zum Tor (Beamter 1) und fragen ob es Neuigkeiten gibt. Er meint etwas gelangweilt: „oh yes, boarding in 20 minutes“ Wir sind überrascht aber auch etwas skeptisch, da der Beamte 1 mit seinem schlichten Käppi in der Huthierarchie relativ weit unten steht. Nichtsdestotrotz kontaktieren wir unsere Freunde im Hostel und bestellen diese zum Hafen runter.

180 Minuten später ist der Beamte 1 nicht mehr auffindbar. Ein anderer (kleiner Hut) meinte mit ernstem Gesicht, dass um 13:00 Uhr das Boarding starten wird. Der vorhandene Hut gibt uns Hoffnung, die grösse der Kopfbedeckung dämpft die Euphorie jedoch.

Um 13:00 Uhr ist immer noch nichts los. Mätteli geht auf einen neuerlichen Erkundungstrip und trifft einen imposanten Hut. Dieser meint nun, dass um 14:00 Uhr etwas passieren wird. Wir warten weiterhin. Es ist 35 °C. Wir haben Brot und Wasser. Und eine Ukulele. Wir sind glücklich. Unsere Gehirne schmelzen. Ein wenig.

16:00 Uhr, es geht los! Alle Passagiere müssen zu Bussen und nur die FahrerInnen dürfen in den Autos bleiben. Alle laufen durcheinander, suchen Essen was wir vor paar Tagen eingekauft haben, haben alle die Pässe und die Visas? Alle reden durcheinander, die Zollbeamten schreien rum – Hektik pur!

Das Warten auf die Fähre war gleichzeitig ein mühsamer und erholsamer Prozess. Mühsam, weil wir vier Tage in Folge auf Abruf bereit waren aufzuschiffen und die letzten zwei Nächte am Hafen übernachteten. Erholsam, weil alle Gruppenmitglieder genug Schlaf fanden und Destiny wieder gesund wurde. Am 7. August war es dann endlich soweit – zusammen mit sieben anderen Mongol Rally Teams durften wir den langwierigen Prozess der Pass- und Gepäckkontrolle über uns ergehen lassen. Schmunzelnd beobachteten die Einheimischen, wie wir anschliessend ächzend unsere riesigen Wasserflaschen auf Deck schleppten. Unsere Hamsterkäufe stellten sich als unnötig heraus – die Fähre übertraf unsere Erwartungen bei weitem! Sie hatte alles, was unser Herz begehrte: Ein klimatisierter Innenraum, leidlich gutes Essen und sogar Steckdosen (nur das Wlan für Kevin fehlte).

Die Abfahrt verzögerte sich um einige Stunden, da zuerst alle Passagiere manuell erfasst werden mussten. Beim Einsteigen mussten alle ihre Pässe abgeben. Anschliessend machten sich fünf Turkmenen daran, alle Passinformation von Hand auf mehrere Listen einzutragen. Danach musste jede Person einzeln bei ihnen mehrere Zettel unterschreiben und den sehr hohen Preis für die Tickets bezahlen. 1200 $ für unser Team. Die Pässe haben wir nach dem Bezahlen nicht zurückbekommen, die fünf fleissigen Schreiberlinge versicherten uns, dass das dann später in Turkmenistan geschehen würde.

Die Fahrt verlief dann relativ gemütlich, wir vertrieben uns die Zeit mit lesen, Karten spielen und mit anderen Teams quatschen. Als wir nach 31 Stunden zeitgleich mit dem Überlaufen der Bordtoiletten Turkmenbasy erreichten, bot sich uns ein Szenario wie aus einem James Bond Film: Eine schneeweisse, futuristisch anmutende Hafenanlage inmitten von sandbraunen Hügeln mit dutzenden heruntergekommenen, rostroten Frachtschiffen davor. Mittendrin wir, die Exoten, dreissig junge weisse Abenteurer mit ihren aufgemotzten Schrottkarren.

Andächtiges Posieren
Familienfoto mit Baba Berdimuhamedow.

Um 16:00 dockt die Fähre am Pier von Turkmenbasy an. Dann passiert erst einmal nichts. Die TurkmenInnen auf der Fähre, die mit uns auf das Aussteigen warten, liegen noch alle gemütlich rum und signalisieren uns damit, dass nun sicher noch etwas Wartezeit auf uns zukommt. Gut zwei Stunden steht das Schiff reglos im Hafen bis plötzlich Unruhe aufkommt. Die Passagiere räumen ihre Schlafplätze auf und tatsächlich: Die wichtigsten ersten Turkmenen verlassen die Fähre. Wir blicken immer wieder fragend zum Bootsmann am Ausgang, doch der winkt jedesmal energisch ab. Wir müssen anscheinend noch warten. Nach einer weiteren Stunde ist das Schiff bis auf die Rally-Truppe komplett leer. Dann taucht ein Uniformierter auf und deutet uns an, dass wir das Schiff verlassen sollen. Wir fragen nach unseren Pässen und er antwortet genervt mit Händen und Füssen, dass wir diese dann später schon wieder bekommen würden.

Unser Team trennt sich von nun an, da die Passagiere und die Fahrer getrennte Ausgänge haben. Mätteli und Fabern machen sich auf in den Bauch des Schiffes um die Autos zu wecken, die anderen schleppen das überflüssige Wasser und das restliche Gepäck von Bord.

Einreise Turkmenistan


Dieser Blogabschnitt widmet sich den Kuriositäten und dem bürokratischen Wahnsinn, der auf Individualreisende mit einem Auto diejenigen erwartet, die es wagen, die Grenze zu Turkmenistan zu passieren.

Nach dem Verlassen des Schiffes fahren wir in einer Kolonne über das imposante Hafengelände. Alles ist brandneu, die Gebäude strahlen in unnatürlichem Weiss und glänzend goldene Verzierungen und Beschriftungen setzten der skurrilen Szene sprichwörtlich die Krone auf. Uns fällt wieder ein, was wir in einem Reisebericht über Turkmenistan gelesen haben: dass die absolute Lieblingsfarbe des Diktators Präsidenten weiss ist.

Hafen von Turkmenbasy
Einfahrt zum Hauptquartier von Spectre Turkmenistan.

Wir werden von uniformierten und auffallend jungen Männern neben ein Zollgebäude gelotst. Dort steigen wir aus den Autos aus und bekommen zu verstehen, dass wir gefälligst zuerst warten sollen. Nach vielen verstrichenen Minuten wagt es jemand den Beamten zu fragen wann es denn weiter gehen würde. „Ok, go go!“ lautet die Antwort und unsere Jagd nach Zettel und Stempel beginnt.

Wir werden in das Zollgebäude geführt. Dies besteht aus einem langen Gang mit vielen verschiedenen Schaltern und Büros zur Linken und einer Fensterfront zu den dort parkierten Lastwagen zur Rechten. Der Gang ist denn auch bereits gut gefüllt mit Männern mit Schnäuzen, die sich alle energisch mit Formularen, Zetteln und US-Dollar-Noten fuchtelnd an die besagten Schalter drängen. Wir werden zur ersten Türe geführt.

Kontrolle 1

Der Beamte scheint von unserer Gruppe von neun Fahrern etwas überrumpelt zu sein und will, dass wir uns der Reihe nach einordnen. Sein Job ist es, die Informationen unserer Fahrausweise fein säuberlich und selbstredend von Hand auf eine Liste einzutragen. Nachdem alles erfasst wurde, will er unsere Pässe sehen. Wir erklären, dass wir diese auf der Fähre nicht zurück bekommen haben und dass wir die eigentlich von ihnen erwarten würden. Natürlich versteht der Beamte kein Wort Englisch und wiederholt immer wieder „passport, passport“. Sofort schicken wir Mätteli, unseren Sprachkenner, in den Ring. Doch keine Kombination seiner neun Wörter Russisch (Brot, Bruder, mein Name ist Mätteli, Bier, Kartoffel, danke) führt zu einem zufriedenen Beamten. Etwas resigniert schickt er uns zu einem anderen Büro.

Kontrolle 2

Ein Herr im Alter unserer Grossväter sitzt darin und füllt mit sehr überlegten und bedächtigen Bewegungen Formulare aus. Sofort fühlt er sich von unserem Ansturm genervt und macht uns deutlich, dass wir draussen warten sollen und dann nur zu zweit sein Büro betreten sollen. Viele Lastwagenfahrer haben dasselbe vor, weshalb wir zuerst wieder längere Zeit warten müssen. Als dann endlich der Platz für die ersten zwei unserer Gruppe frei wurde, betreten wir voller Vorfreude sein fensterloses und ausser dem überdimensionierten Bild des Präsidenten eher karg eingerichtetes Büro. Lange bleiben wir nicht darin. Die erste Frage betrifft unsere Pässe. Nein, die haben wir nicht. Wieder Mätteli, wieder Unverständnis. Genervt zieht er uns am Arm aus seinem Büro, den Gang hinunter, in einen anderen Raum. Dort wieder Erklärungen, Pantomimen und tatsächlich: Sie scheinen verstanden zu haben. Ein junger Uniformierter führt uns aus dem Zollgebäude hinaus, über das Hafengelände zum Passagierterminal, wo unsere TeamkollegInnen bereits Schlange stehen.

Kontrolle 3

An einem Schalter müssen alle einen kleinen weissen Zettel mit Stempel kaufen. Mit diesem kleinen Zettel kann am nächsten Schalter das Visum abeholt werden. Die Visa kosten 65 $ pro Person, was wir vor Ort bezahlen müssen. Wieder 520 $ unseres Reisebudgets weg. Natürlich werden die Passinformationen alle von Hand auf Listen eingetragen. Zettel werden durchgepaust, abgerissen, teilweise gestempelt und auf verschiedene Stapel verteilt. Wir werden zum nächsten Schalter geschickt.

Kontrolle 4

Hier bekommen wir das Visum in den Pass geklebt. Dies hat der Veranstalter der Mongolrally glücklicherweise für uns im Vorfeld organisiert und uns einen LOI besorgt, damit das Visum am Tag der Einreise gültig wird und nicht an einem fixen, vorbestimmten Tag. Auch an diesem Schalter werden vor dem Zetteleinkleben die Passinformationen auf Zettel und Listen aufgeschrieben. Ja, von Hand.

Kontrolle 5

Klassische Passkontrolle wie an Flughäfen oder sonstigen nicht-EU-Ländern üblich. Ein Mann in einem Glaskasten fragt unzählige Dinge, die wir brav alle mit „Yes“ beantworten und lächeln. Sobald alle neun Fahrer diese Prozedur abgeschlossen haben, sollten wir als Gruppe wieder zum Zollgebäude geführt werden. Als wir einem Uninformierten Uniformierten dafür aus dem Gebäude hinaus folgen, werden wir von einem anderen wieder zurückgerufen. Dieser hat keine Tarnfarben-Uniform und ausserdem schmückt ein äusserst imposanter Hut sein Haupt. Sofort folgen wir dem Ruf der Macht und kehren zum Passagierterminal zurück.

Kontrolle 6

Nachdem man uns einige Minuten warten liess, zaubert der schicke Hut ein weisses Blatt Papier hervor und notiert sich darauf in wackliger Schnürchenschrift alle unsere Passinformationen. Anschliessend warten wir wieder lange Minuten und können danach, und diesmal wirklich, zum Zollgebäude geführt werden.

Kontrolle 7

Dort angekommen, geht das Spiel wieder von vorne los: Besuch des Büros mit den Fahrzeugausweisen und diesmal unseren Pässen. Passinformationen auf Listen.

Zettelausfüllen in Turkmenbasy
Sogar Berdimuhamedow liebt Papier und Stift.

Kontrolle 8

Der Opa im hintersten Büro strahlt, als wir mit unseren Pässen winkend ankommen. Leider sind immer noch einige Lastwagenfahrer am Anstehen und die „Nur zwei Personen in meinem Büro“-Politik wird von ihm streng durchgezogen. Wieder verstreichen lange Minuten, die wir stehend im Gang des Zollgebäudes verbringen. Als wir an der Reihe sind, bittet er uns auf den Stuhl neben ihm, reicht seine furchige, kräftige Hand zum Gruss und stellt sich mit Namen vor. Er erklärt auf Russisch oder Turkmenisch was er nun machen wird, wir verstehen natürlich nichts, aber siehe da – unsere Passinformationen werden zuerst einmal auf eine Liste eingetragen und einige Zettel werden abgestempelt. Anschliessend bekommen wir einen grossen, von ihm in seiner bedächtigen Art ausgefüllten, Zettel ausgehändigt, mit welchem wir dann zu einem anderen Büro geschickt werden.

Kontrolle 9

Veterinary irgendwas steht am Türschild, was der beim Eintreten entgegenschwallende beissende Uringeruch auch bestätigt. „Hello Mister Schweiz“ begrüsst der nette Herr Fabian (dem Mann zuvor ist beim Abschreiben der Passinformationen eine Zeile verrutscht, weshalb auf dem offiziellen Zollformular als Name nun Fabian Schweiz steht). Er fragt etwas, wir lächeln, Stempel aufs Blatt, ein Büro weiter.

Kontrolle 10

Niemand weiss, was im nächsten Büro kontrolliert wird. Der Beamte darin verwendet jedoch als einziger im gesamten Zoll-Zirkus seinen Computer. Abwesend dreht er seinen Bürostuhl vom offenen Solitaire auf dem Bildschirm weg, wirft einen kurzen Blick auf unser Blatt und schenkt uns ebenfalls einen Stempel. Auf zur Bank.

Kontrolle 11

Zum Glück ist die Bank einer der Schalter im Gang des Zollgebäudes. Wir reichen unser ausgefülltes und abgestempeltes Blatt stolz der hinter dem Panzerglas sitzenden Dame. Nicht überraschend will diese unsere Pässe sehen und die Informationen darauf auf Listen abschreiben. Ausserdem wird eine weitere Rechnung fällig: 144 $ pro Fahrer. Wir bezahlen zähneknirschend und erhalten als Dank einige Zettel und Belege zurück. Die Einzelsitzung im Zollbüro steht an.

Kontrolle 12

Darin setzen wir uns auf ein bequemes Sofa und warten, bis ein Beamter, man glaubt es kaum, unsere Passinformationen auf eine Liste überträgt. Ausserdem blättert er mit wichtiger Miene in bestehenden Listen rum. Zu guter Letzt werden einige Zettel durchgepaust und abgestempelt. Wir können es nicht mehr sehen.

Kontrolle 13

Endlich geht’s raus zum Auto. Dort will einer das Gepäck sehen. Die Kontrolle dessen verläuft äusserst nachlässig. Der Beamte fragt, während er die grosse Medikamentenkiste anhebt um in die Kiste darunter zu schauen, ob wir „medicine“ dabei haben. Fabern lässt den Grüselschnauz wackeln und sagt „no, no, just food“, worauf der Beamte das Auto weiter zum Tor winkt. Zum Tor! Die letzte Hürde vor dem Betreten Turkmenistans! Unter den Fahrern kommt Euphorie auf, wir tanzen zu lauter Musik um die geöffneten Autotüren. Es ist mittlerweile 00.30 Uhr.

Kontrolle 14

Der Mann am Ausgangstor sammelt nochmal alle unsere Pässe ein. Wir müssen eine „registration“ durchführen. Der Beamte führt uns ans andere Ende des Zollgebäudes und übergibt die Pässe einem Kollegen. Dieser überträgt die Informationen von Hand auf eine vorbereitete Liste. An dieser Stelle fragen wir uns, ob den Beamten die Lächerlichkeit dieser Abläufe eigentlich bewusst ist. Zurück bei unseren Autos kommt ein Typ in Tarnfarben und, leider, grossem Hut angelaufen, der vor der Ausfahrt von uns einen blauen Zettel sehen will. Selbstbewusst ziehen wir unsere Stapel an abgestempelten Zetteln und Formularen hervor. Aber kein einziger ist blau. Grün, rot, weiss, aber der kleine blaue Zettel ist nicht zu finden. Wir fragen, wo wir diesen denn bekommen würden. Der Hut zeigt auf ein Gebäude, das ausserhalb des Hafengeländes und somit bereits auf turkmenischem Boden steht. Wie wir denn dorthin gelangen mögen, wenn wir für das Verlassen des Geländes jenen blauen Zettel benötigen? Der Beamte überlegt einen Moment und deutet dann an, dass wir zu Fuss rüberlaufen sollen.

Kontrolle 15

Im Gebäude angekommen, betreten wir zuerst die falsche Türe. Wir stehen an der Rezeption eines Luxushotels, wo der verdutzte Portier unsere verzweifelten Fragen nach einem blauen Zettel nicht versteht. Nach kurzer Suche finden wir den richtigen Eingang und stehen an einem neuen Schalter. Die drei dort Sitzenden schauen uns mit grossen Fragezeichen im Gesicht an als wir unser Anliegen erklären. Plötzlich öffnet sich eine Tür etwas weiter den Gang runter und ein Mann deutet wortlos auf ein nicht angeschriebenes Büro, welches wir sofort alle stürmen. Der etwas überrumpelte Mann versteht aber sofort worum es geht. Auf seinem Pult liegen bereits Kopien von den handgeschriebenen Zetteln, die seine Kollegen auf dem Hafengelände früher ausgefüllt haben. Wir verstehen das nicht, geben nur wortlos unsere Pässe, die er natürlich in eine Liste überträgt. Wir bekommen einen weissen Zettel.

Kontrolle 16

Damit müssen wir zu einem Schalter, um pro Person vier Manat zu bezahlen. Weisser Zettel. Sofort flehen wir die Dame an, uns doch einen blauen zu geben. Sie gibt sich unwissend und wir gehen mit dem weissen zurück zum Auto. Der Hut schüttelt den darunterliegenden Kopf und führt uns zurück zum Zollgebäude, wo er uns beim Bankschalter absetzt und wieder verschwindet.

Kontrolle 17

Die Frau am Schalter verzweifelt fast an unserer scheinbar absurden Bitte. Wir wollen doch nichts anderes als den blauen Zettel um das Land endlich befahren zu können. Seelenruhig nimmt sie die Pässe entgegen und füllt einige Zettel aus, die wir unterschreiben müssen. Stempelt diese ab und verlangt nochmal 14 $. Wir fragen warum, verstehen die Antwort nicht, erhalten einen weissen Zettel.

Kontrolle 18

Wieder zurück zum Auto. Der Hut ist verschwunden, der anwesende Beamte meint, dass wir mit diesem Zettel nun wieder zum Gebäude ausserhalb des Hafengeländes gehen sollen. Natürlich machen wir dies sofort, wo die Frau von vorhin ohne Worte die weissen Zettel entgegen nimmt, einige Formulare ausfüllt und Quittungen abstempelt, um uns dann endlich den lang ersehnten kleinen blauen Zettel zu überreichen. Wir schicken einige Kussmunde durch das Gitter zur irritierten Dame und eilen zurück zu unseren Autos.

Und tatsächlich. Wir haben es geschafft! Mit quietschenden Reifen durchqueren wir die Grenze zu Turkmenistan!


 

Ein weiteres Kuriosum ist die turkmenische Währung. Die inoffizielle Zahlungsmethode sind Zigaretten, da deren Import sowie Konsum vom Staatspräsidenten für illegal erklärt wurde. Offiziell bezahlt man mit turkmenischen Manat, welche man entweder für einen Kurs von 1:3.5 $ (von der Bank) oder 1:16 $ (vom irgend einem Typen direkt am Hafen) beziehen kann. Für letzteres haben auch wir uns entschieden. Fabern beobachtet, wie die Lastwagenfahrer halb verdeckt Dollarnoten gegen Manat umtauschen und spricht diese an, wo er denn auch wechseln könnte. Ein türkischer Chauffeur nimmt Faben am Arm und zieht ihn im Zollhäuschen in einen dunklen Bereich. „Dollar and cameras, not good!“ meint er und schielt auf die Überwachungskameras an der Decke. Der Lastwagenfahrer hat aber das Geld nicht selbst, sondern bestellt per Telefon den richtigen Typen. Dieser erscheint nach kurzer Zeit aus einem offiziellen Büro. Abseits der Kamera wechseln nun 50 $ und 780 Mamis den Besitzer, was einem Wechselkurs von 1:15.6 $ entspricht.

Posieren in Turkmenistan
Grüselschnauz hat Fame.
Turkmenen lieben Unterschriften
TurkmenInnen schreiben Sachen.

Kilometer 6’200

Da unser Visum für Turkmenistan nur für fünf Tage gültig ist und der Landeseintritt kurz vor Mitternacht erfolgte, haben wir praktisch einen Tag verloren, den es nun aufzuholen gilt. Wir erinnern uns kurz an die Reiseempfehlungen der EDA für Turkmenistan: Nicht mit dem Auto unterwegs sein, immer einen lokalen Guide dabeihaben und auf keinen Fall in der Nacht reisen. Ähem, ja. Wir steigen also um 2:00 Uhr am Morgen in unsere Fiats und düsen schlaftrunken putzmunter Richtung Ashgabat, der Hauptstadt. Wie bereits in den zwei vorherigen Ländern machen wir auch hier kurz nach der Grenze tierische Bekanntschaften auf der Hauptstrasse. Im Gegensatz zu den georgischen Rindern und den aserischen Gänsen trotten uns hier jedoch Dromedare entgegen.

Achtung Kamel oder sind das Dromedare
Wir mögen dieses Schild. Sehr.

Im Morgengrauen fahren wir zu unserer ersten Turkmenischen Tankstelle. Der Liter Benzin kostet hier gerade Mal 10 Rappen – hier ist definitiv der richtige Ort, um unsere beiden Kanister aufzufüllen. Wäre es. Kanister auffüllen ist in Turkmenistan verboten. Cool.

Schönes Bild vom Präsidenten
Berdimuhamedow weist uns den Weg in die Hauptstadt.

Allen Widrigkeiten zum Trotz und dank intensiven Fahrerrochaden erreichen wir am selben Nachmittag bei brütender Hitze das 570 km entfernte Ashgabat. Obwohl wir bereits einiges über die Hauptstadt gelesen haben, drücken wir uns ungläubig die Nasen an den Autofenstern platt. Ja, wir wissen, dass die Turkmenen ordentlich Kohle mit Erdgas scheffeln. Und ja, wir wissen auch, dass die Lieblingsfarbe des Diktators Präsidenten Turkmenbasy weiss ist. Dennoch fühlen wir uns wie in einer futuristischen, SimCity-artigen Fantasiewelt, als wir die unzähligen weissen Prunkbauten bestaunen, alle im exakt gleichen Stil und bis ins Detail aufeinander abgestimmt. Als wäre die ganze Stadt über Nacht in die Wüste gezaubert worden. Der bizarre Eindruck wird noch verstärkt durch die Autos, welche mit wenigen Ausnahmen alle geschleckt weiss oder strahlend silbern sind. Zum ersten Mal fühlen wir uns mit unserem staubig-grünen Panda eindeutig fehl am Platz. Nichtsdestotrotz hupen und winken uns die Turkmenen aus ihren glänzenden Karossen strahlend an und wollen von uns wissen, woher wir kommen.

Jeder Kreises in Asgabat
Jeder Kreisel ein Kunstwerk.
Asgabat
Fahrt durch weisses Legoland.

Mitten im Zentrum der Stadt parkieren wir in der Mittagshitze von über 40 °C die Autos neben einem Einkaufszentrum und stärken uns in einem Restaurant.  Wir sind alle sehr müde und hungrig, haben die meisten in der Fähre doch nur ein paar unbequeme Stunden lang die Augen geschlossen und sind nun seit fast 40 Stunden wach. Nach dem Essen wünschen wir uns also nichts lieber als einen Ort zum gemütlich Rumliegen und Schlafen. Da Touristen in Turkmenistan eine Seltenheit sind und die Einheimischen anscheinend keine Ferien machen (können? dürfen?), gibt es entsprechend wenig Hostels oder andere günstige Unterkünfte. In der Stadt haben wir nur einige grosse, prunkvolle und natürlich weisse Fünfsternhotels gesehen. Als wir im Schatten eines einsamen Baumes neben unseren parkierten Autos im Rasen liegen und aufgrund unserer Müdigkeit etwas genervt und destruktiv den weiteren Verlauf diskutieren, spricht uns ein Einheimischer mit passablem Englisch an. Wir erzählen woher wir sind wohin wir wollen und äussern unseren Wunsch nach einem gemütlichen Ort zum Ausruhen. Er schlägt den nahen See vor und sagt, dass es kein Problem sei dort zu schwimmen und einen ruhigen Nachmittag zu verbringen. Wir raffen uns dankbar auf, sitzen in die superheissen Autos und fahren über den glühenden Asphalt wieder aus der Stadt heraus.

Der Schweiss läuft uns in Strömen runter und wir transpirieren die Kleider, die wir schon einige Tage tragen, erneut komplett voll. Wasser haben wir dank unserem Hamstereinkauf in Baku immer noch ausreichend und schütten es dann auch literweise in uns hinein. Nach einer einstündigen Autofahrt erreichen sehen wir den See. Von weitem. Die Strasse, die zum Ufer führt, ist durch einen grossen und unpassierbaren Graben unterbrochen. Links und rechts der Strasse ist ebenfalls sandiger Untergrund, der unsere beiden Fiatlis liebend gerne aufessen möchte. Also fahren wir ein Stück zurück und versuchen den anderen Weg einer vorigen Abzweigung. Dieser führt uns holprig zwischen Feldern hindurch und ebenfalls in eine Sackgasse. Wir versuchen es noch einige weitere Male und geben schliesslich frustriert auf. Der See ist nicht erreichbar.

Seesuche in Turkmenistan
Mätteli wird zum fünften Mal der Weg zum See erklärt.

Die Stimmung im Team verschlechtert sich und wir wissen nicht mehr so richtig weiter. Auf der Karte haben wir auch noch einen anderes, in Stadtnähe liegendes, aber viel kleineres Gewässer gesehen. Wir diskutieren, ob wir nun ein Hotel suchen oder beim anderen See unser Glück probieren sollen. Wir zählen unseren Bargeldbestand und entscheiden uns einstimmig, doch noch einen passenden Zeltplatz an einem Gewässer zu suchen.

Kilometer 6’968

Die Sonne steht schon tief am Horizont und wir fahren zurück in die Richtung der Hauptstadt. Wir fahren auf dem einzigen auf der Karte eingezeichneten Weg zum See. Nach kurzer Zeit erreichen wir einen grossen Zaun, der die Strasse beendet. Es ist mittlerweile dunkel geworden. Ein grosser Geländewagen erreicht uns und ein Mann steigt aus. Mätteli fragt diesen, ob hier der See sei und wo wir baden können („Mein Bruder ist Bier“) und der Mann fragt, ob wir denn auch schlafen wollen. Wir bejahen die Frage alle mit einem müden Nicken. Der Mann zuckt mit den Schultern, deutet dass wir ihm folgen sollen und steigt wieder in sein Auto ein. Er fährt den Weg ein kurzes Stück zurück, biegt dann ab und erreicht ein anderes, grosses Eisentor. Wir steigen aus und der Unbekannte erklärt uns, dass dies sein Haus sei und wir doch reinkommen sollen. Auf der anderen Seite des Tores macht sich ein zweiter Mann daran, dieses für uns zu öffnen und nickt uns freundlich hinein. Hinter dem Tor ist ein grosser Vorplatz und ein weiteres Tor zu sehen. Der zweite Mann eilt uns voraus und öffnet auch dieses, was den Weg zum Haus und dessen Vorplatz für uns öffnet.

Staunend erreichen wir den Hausplatz und der erste Mann deutet zu seiner Linken, wo am Vorplatz direkt ein kleiner Pier ins Gewässer führt. Bevor wir irgendetwas sagen können meint der Mann, dass er sicher kein Geld von uns haben wolle und dass wir alle hier schlafen können. Ungläubig stammeln wir nur ein paarmal „thank you, thank you“, der Mann winkt ab und deutet zum Gewässer. Wir scheinen mittlerweile wieder etwas streng zu riechen (einige von uns haben seit fünf Tagen keine Dusche mehr gesehen). Der zweite Mann hat unterdessen bereite seine Badehose angezogen und lässt sich vor uns ins Wasser fallen um zu demonstrieren, dass wir hier gut schwimmen können. Begeistert springen wir sofort alle in den See und können unser Glück kaum fassen. Noch vor 20 Minuten sind wir verzweifelt, verschwitzt, stinkend, müde und im Dunkeln umhergeirrt und plötzlich plantschen wir hier im kühlen Nass. Noch selten hat sich Wasser so erlösend und energiespendend angefühlt. Das Gefühl der Frische auf der Haut, das sanfte Einhüllen des ganzen Körpers, der eingetrocknete Schweiss, der sich endlich ablöst: Wir sind definitiv im Paradies gelandet. Nachdem unsere Lebensgeister wieder zurückgekehrt sind, lassen wir uns ans Ufer zurücktreiben, wo uns der zweite Mann mittlerweile eine Dusche eingerichtet hat. Als einige von uns ihre Kleider darunter waschen wollen, eilt er sofort mit einem Eimer und einer Packung Waschmittel an. Anschliessend verschwindet der zweite Mann wieder und taucht kurze Zeit später mit einer aufgeschnittenen Melone wieder auf. Der erste Mann sitzt unterdessen rauchend auf einem gemütlichen Bett auf der Terrasse.

aslan-serviert-rachim-kontrolliert.jpg
Aslan serviert, Baba Rachim kontrolliert.

Uns ist das Verhältnis zwischen diesen beiden nicht ganz klar. Der erste Mann führt sich als Gastgeber auf, sitzt aber ansonsten eher untätig auf dem Bett oder ruft einige kurze Sätze zum Mann Nummer zwei. Dieser eilt unterdessen ständig zwischen Küche und Terrasse hin und her und bringt uns Essen und kocht Tee, während wir uns nach dem erlösenden Bad abtrocknen und die letzten frischen Kleider anziehen. Falls wir irgendetwas bräuchten, sollen wir nur laut pfeifen und dann käme er, signalisiert er uns. Beschämt und wohl wissend, dass wir dies nie tun würden, nicken wir bestätigend und nehmen einen weiteren Schluck des uns servierten Tee, gesüsst mit Aprikosenkonfitüre. Mann Nummer eins verabschiedet sich derweil und fährt nach Ashgabat zurück. Wir können so lange bleiben wie wir mögen, meint er. Gerade als wir uns fragen, ob wir wohl eine Nacht unter freiem Himmel riskieren sollen, winkt uns Mann Nummer zwei ins Haus und zeigt und das extra für uns eingerichtete Zimmer. Deckchen an Deckchen gereiht. Klimatisiert. Todmüde und unendlich dankbar mummeln wir uns nebeneinander ein und fühlen uns wie gut umsorgte Kleinkinder.

Teamburritos
Glückliche Burritos.

Nach einer wunderbar erholsamen Nacht stehen wir zwischen 7:00 (Tschoiss und Moris für Sunrise-Yoga) und 12:00 Uhr (die völlig übermüdeten Nachtfahrer Febeler und Mättu) auf. Da die brennende Nachmittagssonne nicht gerade zur Weiterfahrt einlädt, nehmen wir die turkmenische Gastfreundschaft noch etwas länger in Anspruch. Mann Nummer zwei heisst mittlerweile Aslan und hat sich als jüngerer Bruder von Mann Nummer eins, Rachim, entpuppt. Der Aufenthalt bei ihm steht im krassen Gegensatz zu vielen Dingen, welche wir im Vorfeld über dieses Land gelesen haben. So besitzen die beiden eine riesige Satellitenschüssel, was unseres Wissens in Turkmenistan verboten ist. Weiter erklärt uns Aslan, dass er nicht studiert habe. Offiziell haben aber 99.9% aller Turkmenen eine höhere Ausbildung genossen. Hmm. Doch damit noch nicht genug. Trotz dem Verbot rauchen beide Brüder fleissig Zigaretten. Unser Tabak ist dem älteren, Rachim, jedoch zu Beginn etwas suspekt und er glaubt uns partout nicht, dass keine „Chemie“ in den getrockneten Blättern ist. Trotzdem lässt er sich das Selberdrehen zeigen und ist schnell davon fasziniert. Aslan hält sich im Hintergrund. Sobald Rachim jedoch weggefahren ist, erscheint Aslan und dreht sich mit flinken Fingern eine Zigarette mit unserem Tabak. Wir verstehen ihre Beziehung immer noch nicht.

Gruppe mit Aslan
Aslan posiert mit Gruppe und Hündin.

 

Nachdem sich die drückendste Nachmittagshitze etwas gelegt hat, machen wir uns auf den Weg zurück nach Asgabat, um die anderen Mongolrally-Teams zu treffen, die mit uns die Grenze übertreten haben. Gestern Nacht, als wir in Turkmenistan angekommen sind, hat ein kanadisches Team (the cozy beavers) vorgeschlagen, dass wir uns „tomorrow at 9 pm“ am zentralen Platz in Asgabat treffen, um gemeinsam zum Tor zur Hölle zu fahren, das ungefähr 270 km von der Hauptstadt entfernt liegt.

Kilometer 7’030

Was meint ihr: Wenn jemand am Morgen um 2 Uhr von „Morgen“ spricht, ist da der gleiche Tag gemeint oder ist das am Tag darauf? Und ist der zentrale Platz in Asgabat der „first park“ oder das Asgabat-Monument, der Lenin-Park *hust*,  das „great patriotic war memorial“ oder die Taras Shevchenko Statue? Wir haben entschieden, dass mit tomorrow einmal Schlafen und dem Zentrum wohl das Asgabat-Monument gemeint ist. Nun stehen wir hier vor der Statue und warten.

Zentrumsdab in Asgabat
Asgadab.

Um Viertel nach neun ist immer noch niemand von den anderen Teams aufgetaucht und wir machen uns alleine auf den Weg. Und wieder sehen wir vor dem inneren Auge die EDA-Empfehlungen vorbeihuschen, als wir etwas ausserhalb der Stadt auf der Strasse ohne Licht den ersten Lastwagen ohne Licht abschiessen überholen. Sofort nach dem Verlassen des weissen Wunderlandes Asgabat wird die Strasse sehr schnell sehr schlecht. Der Panda fährt vorne und seine zwei müden Funzeln leuchten etwa zehn Meter in die pechschwarze Nacht. Unsere supertollen Zusatzscheinwerfer sind leider etwas zu weit vorne montiert, so dass diese nur die sehr dreckige Frontscheibe beleuchten.

Nachtfahrt
Nachtfahrt durch Turkmenistan.

Aus der Dunkelheit kommen wadentiefe Schlaglöcher, entgegenkommende Fahrzeuge ohne Licht und Dromedare (oder sind das jetzt Kamele?) angeschossen. Den letzten zwei kann mit ausreichend Reflexen ausgewichen werden, die Schlaglöcher jedoch sind so unsichtbar und zahlreich, dass ein Aufeinandertreffen unausweichlich ist. Wir poltern also munter durch die Nacht, als der Doblo ein besonders fieses tiefes Schlagloch erwischt. Platter Reifen hinten links. Routiniert wechseln wir das Rad und setzen die Fahrt wieder motiviert fort. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass das Tor zur Hölle in der Mitte zwischen zwei Tankstellen liegt, die etwa 280 km auseinander liegen. Diese Distanz entspricht in etwa der Reichweite des Pandas. Zum Glück haben wir gut vorgesorgt und schleppen für exakt diese Situation seit 7’000 km zwei Benzinkanister mit uns rum, denken wir uns selbstzufrieden. Doch zu früh gefreut: Kanister befüllen ist in Turkmenistan nicht erlaubt, was der Tankwart uns mit einer vielsagenden Kopfbewegung zu einer der vielen Kameras über den Zapfsäulen erklärt. Wir tanken also die beiden Autos bis zum Überlaufen und versuchen, auf dem Parkplatz nebenan mit einem Schlauch aus den Autotanks Benzin abzuzapfen und in die Kanister zu füllen. So haben wir das zumindest in den Filmen gesehen. Momo beisst in den sauren Apfel und beginnt zu saugen, aber ausser mehreren Mundspülungen mit 92 Oktaner passiert nicht viel. Normalerweise würden wir nun googlen „wie klaut man Benzin“ aber diese Möglichkeit bietet sich leider in diesem Land bekanntlich nicht. Weiter geht die Fahrt und um ungefähr 4:30 Uhr kommen wir ohne weitere Panne, dafür nach zwei überumfahrenen Schlangen an der Abzweigung zum Tor zur Hölle an.

Kilometer 7’210

Ausser einem grauen Strich auf der Karte ist davon nichts zu sehen. Die Dunkelheit ist allumfassend. Kein künstliches Licht weit und breit, ausser einem sehr schwachen orangen Schimmer etwas östlich von uns. Wir finden eine sandige Einfahrt und entscheiden, dass dies der richtige Weg sein müsste. Schnell wird klar, dass der Doblo keine Chance hat, auf diesem Untergrund mehr als ein paar Meter weit zu kommen. Wir quetschen also fünf Leute in unseren dreiplätzigen Pandino und wagen eine Fahrt. Nach zehn Meter setzt Fabern das Gefährt in den Sand. Passagiere aussteigen, rausschieben, nochmal, jedoch im ersten Gang. Siehe da, dank dem mächtigen Puch-Zusatz, der uns von hinten anschiebt, krabbelt sich der kleine Italiener Meter für Meter vorwärts. Ohne Tageslicht ist es nicht einfach, den grossen Steinen auszuweichen und befahrbaren Untergrund zu finden. Wir graben uns kein zweites Mal ein, krachen aber mehrmals mit viel Schwung und mit hässlichen metallischen Krachern in grosse Brocken unter dem Auto. Auf dem Weg begegnen wir einigen hoffnungslos eingegrabenen Mongolrally-Autos, die von ihren Besitzern zurückgelassen wurden. Wir sind also auf dem richtigen Weg. Die wenigen Kilometer Luftlinie entpuppen sich als 30 Minuten nervenaufreibendes Offroadfahren, was der Panda aber vorbildlich meistert. Das orange Glühen wird zu einem Leuchten und auf einmal ist nach einem letzten erklommenen Hügel das Ziel vor uns:

Tor zur Hölle
Das Tor zur Hölle.

Die Passagiere werden ausgeladen und die Fahrt geht zurück, um die Schlafenden Wartenden im Doblo abzuholen. Auch diese Fahrt ist nervenaufreibend, aber mit Ach und Krachendem Aufschlagen schaffen wir es zurück. Passagiere rein, nochmal zurück. Der Panda wühlt sich durch den tiefen Sand, schwimmt von einem Hügel zum nächsten und kämpft sich die Anhöhen hoch. Wieder schaffen wir die Strecke, jedoch lässt sich nicht mehr in den zweiten Gang schalten. Macht nichts, geniessen wir erstmal das Naturschauspiel.

Gruppe mag nicht mehr
Picknickdecken und Feuer.
Gruppe am Feuer
Stolzes Posieren am Krater.

Unser wildes Gehupe beim Ankommen Die aufgehende Sonne weckt die übrigen Mongolrally-Teams, die hier ihre Zelte aufgeschlagen haben. Wir fragen uns gegenseitig, wo wir denn waren, als wir am Asgabat-Monument abgemacht haben. Es stellt sich heraus, dass die übrigen Teams bereits nach dem Mittag losgefahren sind und dass wir „completely out of your minds“ durchaus etwas mutig seien, diese Fahrt in der Nacht unternommen zu haben.

Nachdem die Sonne komplett über dem Horizont aufgetaucht ist, macht sich unter den ausgeschlafenen Teams Aufbruchstimmung breit. Wir wollen den Tag nicht in der brütend heissen Wüste verbringen und schliessen uns ihnen an. Wieder fahren wir die Strecke mit der Hälfte des Teams. Wenn es hell ist, ist die Fahrt nicht mehr halb so aufregend, dafür bietet sich zum ersten Mal der beeindruckende Anblick der turkmenischen Wüstenlandschaft.

Pandas Wèstenfahrt
Panda kämpft sich durch den Sand.
Wüste in Turkmenistan
Sand und Wolken.

Die endlose Sandlandschaft durchzogen mit kleinen braunen Grasbüscheln gefällt uns sehr gut. Wir fühlen uns wie richtige Abenteurer auf diesen unbekannten Pfaden irgendwo im Nirgendwo. Beim Abholen der letzten Gruppe verabschiedet sich die Kupplung des Panda komplett. Wir schieben die Blechbüchse an und würgen irgendwie den ersten Gang rein. Das Schalten erfolgt ebenfalls ohne Kupplung und mit viel Kraft und Geknirsche Gefühl. Zurück beim Doblo und nach nun sechs Fahrten zum Krater und zurück gönnen wir dem Panda eine kurze Pause. Gemeinsam mit den anderen Teams machen wir die Autos wieder bereit für die Schlaglöcher der Hauptstrasse. Wir reissen halb abgefallene Plastik-Verkleidungen ab, andere Teams binden den Auspuff aufs Dach und pumpen die Reifen wieder auf Betriebsdruck auf. Wir hämmern derweil unsere durch das nächtliche Schlagloch verbogene Felge zurecht und Pumpen das Rad wieder auf.

Die Fahrt zur usbekischen Grenze besteht aus weiteren vielen Reifenpannen der anderen Teams. Unsere hingegen bleiben intakt, wir sind wohl besser im Ausweichen. Um unser Karma für den Pamir-Highway vorzubereiten Dem ungeschriebenen Kodex folgend halten wir natürlich jedes Mal an, wenn wir ein einzelnes havariertes Rallyauto sehen und bieten unsere Hilfe an. Stehen mehrere Karren am Strassenrand, signalisieren wir unser Beileid mit Hupen und Winken.

Kopfdurchlüften
Wüstenwind und glücklicher Febeler.

 

17 Kilometer vor der besagten Tankstelle geht dem Panda das Benzin aus: Abschleppen ist angesagt Der Doblo rumpelt bereits freudig im Standgas und lässt sein Getriebe knacksen. Die drei Ingenieure rätseln etwas, wo denn beim Panda das Abschleppseil angebracht werden soll und befestigen es kurzerhand am Unterfahrschutz.

Ingenieure am abschleppen
Die drei jungen Ingenieure haben offensichtlich noch nicht viel Erfahrung im Abschleppen.

Kilometer 7’593

Kurz nach dem Tanken erreichen wir die gefürchtete Turkmenistan-Usbekistan-Grenze. Wir kommen knapp vor dem Ende der Öffnungszeit dort an und werden komplett positiv überrascht. Auf der turkmenischen Seite beschränkt sich das Pass-auf-Zettel-Schreiben auf drei Stationen und die Beamten sind alle nett und wollen uns so schnell wie möglich weg haben, um Feierabend zu machen. Die Usbeken sind ebenfalls alle sehr freundlich und wir werden kaum kontrolliert. Das Gepäck kann im Auto gelassen werden und die im hintersten Winkel versteckte, in Usbekistan verbotene Drohne, bleibt unentdeckt. Wir antworten auf die Standardfragen „you have medicine, drone?“ immer wie immer mit „No.“ und die Beamten sind zufrieden. Ein Uniformierter hat aufgeschnappt, dass Mätteli etwas Russisch kann und möchte dies von ihm bestätigt haben. Als Mätteli dies bejaht, fragt der Beamte ihn, ob er in dem Fall ein Gewehr besässe. Auch dies können wir verneinen und werden durch das Tor ins Land gelassen.

Salem Aleikum O’zbekiston.

 

 

 

 

 

 

 

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