Türkei ist noch nicht die Mongolei: 3’049km – 4’920km

Kilometer 3’049

Von unserem Bett am Strand aus geht`s direkt und ohne Frühstück in die Autos. Einige Stunden Fahrt später ist es brütend heiss und wir kommen an die türkische Grenze. Diese passieren wir reibungslos, auch wenn wir von Zollhäuschen zu Zollhäuschen fahren müssen und die (interessanterweise nicht uniformierten) Grenzbeamten scheinbar alle Papiere einzeln prüfen. Daneben stehen lächelnde Militärs, die so aussehen, als wäre ihn nicht bewusst, dass sie voll geladene Maschinengewehre tragen. Ein Grenzbeamter will unser Gepäck prüfen. Mätteli steigt etwas nervös (ist er immer an Grenzposten – „Wird aber jedesmau weniger“, meint zumindest er) aus dem Doblo und öffnet die hinteren Türen. Wir wissen nicht, was der Beamte darin erwartet hat, aber San Mauro scheint ihn zu überraschen. Verdutzt blickt er dem Baby in die hellblauen Äuglein und scheint für einen Moment zu vergessen, wo er ist. Nach einigen Sekunden Blickkontakt reisst er sich los und schaut Mätteli fragend an. Der Beamte schliesst die Hecktüre des Doblo und läuft etwas unschlüssig von dannen. Danke San Mauro für deinen Schutz.

Kilometer 3’117

Die Türkei empfängt uns mit Hunderten von Sonnenblumenfeldern. Grössere Bäume sind hier dagegen offenbar Mangelware: Es dauert, als wir, langsam dehydriert und zunehmend vom Hunger geplagt, nach einem schattigen Platz suchen. Eine bleierne hitzebedingte Müdigkeit setzt ein, nur Momo grinst so glückselig vor sich hin, als ob er ganz in seinem Element wäre.

Dann sehen wir ihn endlich, den rettenden Baum auf einer trockenen Wiese neben einer Strasse. In seinen Schatten legen wir eine Picknickdecke und kollabieren (Mätteli fällt tatsächlich aufgrund der Hitze in einen kurzen, komatösen Schlaf, doch Traubenzucker und Wasser päppeln ihn schnell wieder auf (danke an das Care-Team das seinen Zustand eine Stunde lang nicht bemerkt hat)). Der am Vortag noch verschmähte teigige Mix aus Pasta, Tomaten und vieeeeel zu viel Salz ist jetzt plötzlich der Himmel auf Erden. Wir fallen wie ausgehungerte Wölfe darüber her und essen alle zusammen aus einem grossen Topf.

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Gruppe im Schatten. Mättelis Kraftreserven reichen, um den Löffel zu halten.

Die Gesprächsthemen werden nun zunehmend anspruchsvoller. So hat Moris sich kurz davor einen Wikipedia-Artikel zum Thema Pädophilie runtergeladen und wissensdurstig als Art Reiselektüre gelesen. Wir sprechen kurz voll wissenschaftlichem Interesse darüber, dann wird es uns zu eklig und wir wenden uns wieder leckereren Themen zu (wobei, das ist gar nicht wahr, wir reden eigentlich konstant über Dinge, die auf irgendeiner Ebene etwas widerlich sind – vielleicht passiert das einfach, wenn man so viel in der Natur sitzt und sich fernab jeglicher Zivilisation fühlt?).

Vier Tage ist es her, seit wir das letzte andere Mongol Rally- Team gesehen haben. Wir fragen uns, was es damit auf sich hat. Sind am Ende nur noch wir unterwegs, haben alle anderen abgebrochen oder sind wir einfach die Langsamsten und bekommen daher niemanden sonst zu Gesicht? Vielleicht war die ganze Story mit der Mongol Rally auch nur ein einziger grosser Witz und wir sind darauf reingefallen.

Nein, wir sind doch nicht die Einzigen, die unterwegs sind, merken wir bei einem Zwischenhalt kurz vor Instabul (haha, das war ein Verschreiber, doch Istanbul hat wohl wirklich viel Fame auf Instagram…). An einer Tankstelle begegnen uns gleich vier verschiedene Teams innerhalb von fünf Minuten.

Beruhigend, dass nicht nur wir von Kopf bis Fuss verschwitzt, mit Dreck unter den Fingernägeln und ungewaschenen Haaren etwas windschief von der Hitze neben unseren Vehikeln stehen. Manche der anderen Mongol Rally- Teilnehmenden lächeln uns nur müde zu, andere kommen zu uns, um etwas zu plaudern.

Kilometer 3’587

Im Stau vor Istanbul lernen wir die ersten Türken kennen – durch die Autofenster hindurch. Immer wieder winken uns Leute aus ihren Autos zu, lachen und recken die Daumen nach oben. Die uns entgegengebrachte Herzlichkeit und Fröhlichkeit trägt dazu bei, dass wir uns in Istanbul sofort willkommen fühlen. Selbst der Verkehr ist freundlich – und viel weniger turbulent und chaotisch als erwartet. Wir fahren in ein Hipster-Quartier, wo Vater Mätteli uns ein Appartement gemietet hat. Kontrastprogramm pur: Sind wir am Morgen noch am Strand erwacht, stehen wir nun in einer Wohnung im Zentrum Istanbuls, die so schmuck ist wie das Pariser Appartement einer französischen Modedesignerin (Stuckaturen inklusive). Aber – was sind das für verfilzte Gestalten, die da in den hübschen Räumen stehen? Ach stimmt, wir haben schon länger keinen Spiegel mehr gesehen. Die Konfrontation mit der Realität bewirkt einen Ansturm auf die Duschen.

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Familie im Appartement.

Anschliessend zieht es uns nach draussen, denn die Stadt scheint zu pulsieren vor Energie und wir wollen alles sehen. Zuerst einmal müssen wir uns aber vor dem Hungertod retten und nehmen unser Abendessen in einem Restaurant um die Ecke zu uns. Ja, tatsächlich: In.einem.Restaurant. Richtig zivilisiert, an einem Tisch, mit Messer und Gabel! Das leisten wir uns aber auch nur zur Feier des Tages. Denn wir sind jetzt eine Woche unterwegs – ohne gravierende Zwischenfälle, Pannen oder zwischenmenschliche Zerwürfnisse. (San Mauro sei dank! All hail to San Mauro!) Mätteli hat sogar extra seine schönsten Kleider angezogen (gaaaanz kurze Jeanshösli und ein weisses Hemd mit Sicht auf die Brusthaare). Meret und Feble tragen stolz ihre von Mefistle geflochtenen Zöpflifrisuren. Wie eine grosse dysfunktionale happy Familie sitzen wir um einen runden Tisch herum und hauen rein.

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Familie im Restaurant. Den Chef de Service freut’s.

Danach spazieren wir in der schwülen Abendluft runter zum Bosporus. Istanbul ist schillernd und faszinierend. Jeder Blick scheint ein neues Fotomotiv zu bieten, jeder Atemzug einen neuen Duft. Die Stadt ist bevölkert von unzähligen Katzen. Sie fläzen in den Schaufenstern, in Restaurants und auf der Strasse. Immer wieder sehen wir Einheimische, die die Büssis streicheln oder freundlich mit herumliegenden Hunden reden. Sowohl Strassenhunde als auch -katzen wirken gesund und wohlgenährt.

Am Bosporus kommen alle Eindrücke zusammen: Hier riecht es nach dem Fisch, den die Strassenverkäufer braten, die Luft summt vom Geplauder und Gelächter der Leute, wir sehen auf dem Wasser der Meeresenge unzählige Lichter glitzern, das Leuchten grosser, prunkvoller Moscheen und Leute in aufgekratzter, tanzfreudiger Stimmung. Partyvolk, aber auch ganze Familien mitsamt Kindern sind um Mitternacht unterwegs. Es ist, als würde hier, wo es tagsüber so brütend heiss ist, ein grosser Teil des Lebens in der Nacht stattfinden. Die Stadt ist wunderschön, fast etwas kitschig – genau wie der Heiratsantrag, den wir per Zufall mitkriegen.

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Familie Feble vor den Lichtern Istanbuls.

Am nächsten Morgen machen wir noch einmal das Hipster-Quartier beim Galata-Tower unsicher, trinken türkischen çay und frühstücken in einem schnuckligen Café. Dann ist unser Luxustrip vorbei und die wahre Rally geht weiter.

Kilometer 3’601

Bevor wir Istanbul ganz verlassen, sagt Fabian plötzlich: „Jetzt sind wir in Asien. Das kann nur eins heissen!“ Wir wissen natürlich alle sofort Bescheid, halten auf der Autobahn rechts ran und kommen auf dem Pannenstreifen unter einer Brücke zum Stillstand (das mag jetzt klingen, als wären wir komplette Verkehrs-Rowdys, aber in Istanbul scheint es üblich zu sein, zwischendurch irgendwo auf der Autobahn Pause zu machen und wir wollen uns schliesslich an die hiesigen Sitten anpassen). Dann werden Zigaretten hervorgezaubert, wir squatten hin und rauchen. Fabian hat gross angekündigt, dass er in Asien rauchen wird, und wir möchten natürlich, dass er dieses Versprechen halten kann. Während eines kühlenden Gewitters auf einer Autobahn in Istanbul rauchen: Check, dieser Punkt auf der Bucket-List ist abgehakt.

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So übersteht man einen Wolkenbruch in Asien.

Wir fahren durch das pontische Gebirge. Die Türkei ist enorm vielfältig: War die Landschaft eben noch trocken und ausgedörrt, ist sie nun fast üppig mit vielen Bäumen. Während manche von uns im Auto nur die Gegend bewundern, schlafen oder Musik hören, sind andere von einem ausgeprägten Forschungsgeist getrieben. Jedes Detail unserer Reise wird in unserer Reisestatistik von Fabian und Moris festgehalten. Wer ein Nerd ist auf Zahlen und Fakten steht, kann sich hier unsere höchst wissenschaftlichen Analysen anschauen: Statistik-Blog

Kilometer 3’983

Als sich das warme Abendlicht über die einsame Umgebung und die silbern glänzenden Moscheen legt, finden wir den wohl schönsten Übernachtungsplatz bislang.

An einem plätschernden, von Bäumen gesäumten Bach machen wir Halt. Wir wissen nicht so genau, ob es an der zauberhaften Szenerie mit dem sanften Licht liegt oder ob hier irgendwelche Ferromone (bei Mätteli) Pheromone rumschwirren, aber alle Männer im Team sind plötzlich extrem euphorisch. Mätteli hat entdeckt, dass sich in der Nähe Zuggeleise befinden und bestaunt mit Herzchen in den Augen einen vorbeituckernden Zug. Fabian reisst seine Drohne aus dem Auto und lässt sie –  auf- und abhüpfend vor Begeisterung – steigen. Moris ist hingerissen von der idyllischen Naturszene mit dem schönen Licht und fotografiert unseren Schlafplatz von allen Seiten mit seiner Spiegelreflexkamera. Momo schliesslich ist offensichtlich unsterblich in den Panda verliebt und wir können ihn knapp davon abhalten, mit dem kleinen Abenteuerauto durch das Flüsschen hindurchzufahren. Die Damen der Schöpfung stehen ungläubig daneben und beobachten das Spektakel.

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Mätteli mit Blick auf Zug.
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Fabian mit Blick auf Drohne.

 

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Mondi mit Blick auf Fluss.

Nachdem wir unsere Zelte aufgestellt und Hängematten aufgehängt haben, kommt Lagerfeuerstimmung auf – nur ohne Lagerfeuer. Wir trinken süssen Portwein und essen unheimlich leckeren Reis mit Karotten und Erbsen. Wir sprechen nicht über unsere körperlichen Erscheinungen (heureka! -Anmerkung der Autorin), sondern erinnern uns daran, wann wir uns alle kennengelernt haben. Kaum zu glauben, dass Mätteli und Mondhi erst vor anderthalb Jahren zu unserer Gruppe gekommen sind – und noch weniger zu glauben ist, dass sie sich danach nicht sofort wieder verabschiedet haben.

Wir schlafen gut mit dem stetig gluckernden Bach im Hintergrund, wobei die einen oder anderen aufgrund des Wassergeräusches vermehrten Harndrang verspüren. Nur Moris, der in der Hängematte nächtigt, findet nicht den ganz tiefen Schlaf – die Gedanken an wilde Bären, die es in der Türkei sicherlich gibt, sind nicht sehr schlaffördernd. Am Morgen stellen wir fest, dass irgendjemand aus dem Team achtlos Abfall auf San Mauros Altar deponiert hat. Das heilige Baby schaut schon etwas vorwurfsvoll und hebt den Finger, als ob es uns tadeln möchte. Die Strafe kommt auch prompt in Form eines nicht funktionierenden Benzinkochers. Wir hoffen, dass wir San Mauro mit einem Schokoladenkeks und hübschen Blumen von unserem Rastplatz besänftigen können.

Kilometer 4’020

Wir liegen gut im Zeitplan, deshalb können wir die Türkei nun in kleineren Etappen befahren. Das ist gut, so können wir dieses herrliche Land während mehreren Tagen geniessen. Wir haben uns bereits an das türkische Lebensgefühl gewöhnt, das für uns eine Mischung ist aus heissem çay mit übertrieben viel Zucker, knusprigen Brezeln, brennender Sonne auf unseren Köpfen, niedlichen türkischen Kindern und dem melodiösen Singsang der Muezzins. An jeder Ecke steht eine Moschee: Mal sind es grosse, prächtige Bauten mit mächtigen goldenen Kuppeln, dann wieder eher kleine, pragmatische Einrichtungen, die etwas aussehen wie Alien-Landeplätze mit ihren silbernen Dächern. Letztere treten häufig in der Nähe von Autobahnraststätten auf und beinhalten zu unserem Erstaunen oft auch noch gleich Lebensmittelgeschäfte.

Auf einer Autobahnraststätte laden uns die Betreiber eines Ladens gleich zum çay ein, fotografieren uns – beziehungsweise vor allem unser Pocket Bike. Das nicht mehr funktionstüchtige Mini-Töffli auf unserem Dach ist der Renner bei vielen Einheimischen. Vor unserer Abfahrt waren einige Teammitglieder (Meret) gar nicht begeistert davon, etwas mitzunehmen, das a) gar nicht funktioniert, b) viel Platz wegnimmt und c) überhaupt keinen Sinn macht. Jetzt müssen diese Teammitglieder (Meret) zugeben: Doch, vielen Dank fürs Durchsetzen gegen jegliche Vernunft – mit dem Pocket Bike sind wir hier die Kings!

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Mondi hält seinen Vortrag zum Pocket Bike.

In der Nachmittagshitze erreichen wir Samsun. Hier fällt auf, dass die Nordküste der Türkei am Schwarzen Meer kaum touristisch ist. We like! Weniger mögen wir die Sauna-Temperaturen im Parking des riesigen Shoppingcenters im Zentrum von Samsun. Wir kraxeln mühsam aus unseren Fiats und torkeln zum Eingang des Zentrums, wo wir zuerst einmal kontrolliert werden wie an einem Flughafen.  Diese Prozedur müssen aber nicht nur wir über uns ergehen lassen: Es scheint hier üblich zu sein, dass alle beim Betreten eines Einkaufszentrums kontrolliert werden. Drinnen irren wir herum, suchen verschiedene technische Utensilien und Nahrung, finden aber nur die Hälfte. Wir fühlen uns auch etwas unwohl zwischen allen hübsch gekleideten und wohlriechenden Türkinnen und Türken, während wir selbst langsam aussehen wie schottische Hochlandrinder mit verfilzten Haaren (und wohl auch so riechen, haha).

Eine Dusche tut Not. Gegen Abend finden wir dann zwar keine Dusche, aber eine perfekte Alternative: einen lauschigen Strand am Schwarzen Meer. Wir stellen unsere Zelte auf und sind bezaubert vom Ambiente. Als hätte Walt Disney höchstpersönlich die Szene gestaltet, fliegen Vögel malerisch übers Meer, geht die Sonne orange-glühend unter und wirft einen goldenen Schimmer über das Meerwasser. In ebendieses stürzen wir uns alle; es ist warm, aber dennoch erfrischend. Ein episches Badeerlebnis, das uns wieder einmal bewusst macht, wie toll unsere Rally eigentlich ist.

Die Glückseligkeit, die uns beim Baden erfasst, tröstet uns dann auch darüber hinweg, dass unser Kocher nicht funktioniert und wir zum Abendessen nur Brot essen können. Auch hilft der zuvor erfolgte Serotonin-Ausschuss uns dabei, nicht die Nerven zu verlieren, als uns ein sehr bissiger Mückenschwarm überfällt und bei lebendigem Leib verspeist. Nun hilft nur noch die Flucht in unsere Zelte, wo wir unsere Kriegsnarben  Mückenstiche halb jammernd, halb stolz vergleichen. Meret hat den Mückenstich-Wettbewerb gewonnen (oder wohl doch verloren?) – ihre Mückenstiche um die Knie herum sind angeschwollen und gerötet wie bei einer allergischen Reaktion. Wir schlafen ein zu der Musik und dem fröhlichen Gelächter der türkischen Familie, die neben uns am Strand ein kleines Fest macht und ausgelassen tanzt.

Am nächsten Tag ist nur eine ganz kurze Fahretappe vorgesehen, weshalb wir die erste Hälfte des Tages am Strand verbringen. Wir blasen unseren fancy Plastik-Schwan auf und dümpeln darauf im Schwarzen Meer herum (er ächzt unter unserem Gewicht, denn eigentlich ist er nur für fliegengewichtige Kinder konzipiert). Im Schatten zwischen unseren Autos liegen wir wie tote Fliegen am Boden und tun nichts ausser essen, spielen oder den ersten Sonnenbrand begutachten. Es setzt eine tiefe Entspannung ein, der Alltag ist schon weit weg. „Was ist heute eigentlich für ein Wochentag?“ – „Keine Ahnung.“

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Familie in Tiefenentspannung.

Kevin aber langweilt sich schon nach einer halben Stunde und ist froh, als wir am Nachmittag dann doch für eine kurze Etappe aufbrechen.  Wir fahren weiter an der Küste entlang und kommen in ein Städtchen, das zunächst wieder an Samsun erinnert (Inception bzw. Samsunception! Vielleicht fahren wir ja ständig im Kreis und kommen alle paar Stunden wieder in dieselbe Stadt…). Weil wir durch das wilde Campen in den letzten Tagen etwas Geld gespart haben (und uns am Vortag primär von Brot ernährt haben), leisten wir uns ein Essen in einem Restaurant mit Terrasse mit Blick auf das Städtchen. Mätteli sieht selbstverständlich sofort, dass es hier eine Gondelbahn hat – mit mehr Zeit und weniger nervenden Rally-Kollegen wäre er sicherlich auf den Hügel hinaufgegondelt. Der Ort und der Fakt, dass wir Pasta essen, erinnert uns ans Tessin. Nur der Ruf des Muezzins, der über die Stadt schallt, erinnert uns daran, dass wir uns in der Türkei befinden.

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Moris mit Blick auf Stadt mit Göndeli.

Wolken ziehen auf, und die Suche nach einem Schlafplatz muss etwas schneller erfolgen als sonst. An einem kleinen Strand werden wir fündig. Der Betreiber eines Strandcafés erlaubt es uns, im Sand zu zelten. Im Schnellzugtempo schmeissen wir unsere Zelte hin und kriechen rein – und dann bricht das Gewitter über uns herein. „Sterben wir jetzt?“, klingt es aus den Zelten. Vater Mätteli sagt beruhigend: „Nein, nein.“ und erklärt etwas von Elektrizität, was alle anderen in der Aufregung nicht hören. Fabian und Meret schreien unisono bei jedem Blitz, der am Himmel zuckt, und gleich noch einmal bei jedem Donnergrollen. Todesangst.

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Wasserbehälter füllen auf dem Weg zum Schlafplatz der nicht hier am Fluss liegt, danke Stephan.
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Stürmisches Zeltstellen.

 

Kilometer 4’532

Am nächsten Morgen erwachen wir nicht wie von Meret und Fabian befürchtet als vom Blitz gebratene menschliche Grill-Spiesse, sondern gesund und munter. So ein lächerliches kleines Gewitter kann uns doch nichts anhaben, insbesondere nicht unter San Mauros schützendem Patschhändchen schützender Hand.

Für viel Abkühlung hat das nächtliche Unwetter nicht gesorgt, wir schwitzen schon um zehn Uhr in der Gluthitze, als wir unsere Zelte zusammenpacken. Der Betreiber des Strandcafés hat Erbarmen (oder eine empfindliche Nase) und bietet uns an, seine Duschen am Strand gratis zu nutzen. Das kühle Wasser belebt alle Sinne und wir setzen das Einräumen unserer Fiats erfrischt und wohlriechend fort. Anschliessend trinken wir çay beim freundlichen Mann mit dem beeindruckenden Schnauzbart – in der Türkei scheint es einen Wettbewerb zu geben, wer den schönsten und grössten Schnauz trägt. Wir sind mittlerweile selbst waschechte Türkinnen und Türken, da wir alle einen Schnauz haben eine ausgeprägte çay-Sucht entwickelt haben. Wo immer wir hinkommen, wird uns der intensive heisse Schwarztee mit viel Zucker angeboten. In der ermüdenden Hitze gibt es keinen besseren Energydrink als çay. San Mauro opfern wir hin und wieder ein Gläschen vom rotschwarzen Gold.

Der schnauzbärtige Mann trommelt einige Leute zusammen. Eine seiner Töchter beherrscht etwas Englisch und stellt die sympathische Familie vor. Von einer betörend schönen Frau mit Kopftuch kriegen wir auch noch leckere Brezel mit Sesam mit auf die Weiterreise.

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Türkische Grossfamilie und unser Team.

Die heissen Nachmittagsstunden verbringen wir in der nahen Stadt Trabzon, wo wir einige Besorgungen machen und in einem angenehm klimatisierten Restaurant unsere Handys vorübergehend wieder in Betrieb nehmen. Hat man einige Tage keinen Zugriff auf das Internet, wird das Leben viel ruhiger – umgekehrt ist es etwas stressig, wenn man nach einer Weile Abstinenz wieder mit den ausufernden Weiten der Social Media konfrontiert wird.

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Mätteli referiert. Die Zuhörer_innenquote liegt unter 100%.

Trotzdem sitzen wir alle hypnotisiert vor unseren Geräten. Ein im Restaurant abgespieltes Lied reisst uns aus unserer Trance: „079, het si gseit…du weisch immer no nüt, het si gseit…tütütü het si gseit, nidmau tschüss het si gseit…“ Wir sind nicht ganz sicher, ob Lo & Leducs Dauerbrenner auch in der Türkei so nervtötend  erstaunlich oft gespielt wird, oder ob die Betreiber des Restaurants einfach registriert haben, dass wir aus der Schweiz sind und uns entsprechende musikalische Unterhaltung bieten wollen.

Kilometer 4’722

Am Abend steuern wir den nächsten Strand an. Was für ein grenzenloses Gefühl von Freiheit, einfach irgendwo hinzufahren, wo es uns gefällt, und dann dort zu schlafen! Wir finden ein Strandstück mit herrlicher Aussicht auf die Küste. Tagsüber sieht es ein bisschen aus wie irgendwo in Südamerika, denn die Gegend ist fruchtbar mit viel urwaldartiger Vegetation. Nachts sehen wir hunderte von Lichtern, die an der Küste entlang glitzern. Wir beschliessen, zwei Nächte hier zu verbringen und dazwischen einen Strandtag einzulegen.

Nicht nur uns gefällt es hier, es sitzen auch andere Leute am Meer: zum Beispiel eine Burka tragende Frau mit ihren Kindern oder drei Männer auf Teppichen. Wir lassen unseren König der Sozialkompetenz, Mondhi, eine Sekunde allein. Als wir zurückkehren, ist er umringt von den drei Männern, die auf Arabisch mit ihm sprechen und ihn mit ihren Handys für ihre Snapchat-Stories filmen. Er sitzt auf dem Dach des Pandas, grinst zufrieden im Scheinwerferlicht und erzählt den drei Arabern von unserem Abenteuer. Einer der Araber, ein Saudi, kommt später noch einmal mit einem Freund an den Strand und sagt, dass er in der Gegend ein Hotel besitzt. Er habe rasch nachgeschaut, leider sei alles ausgebucht – aber sonst hätten wir auf jeden Fall kostenlos bei ihm übernachten dürfen.

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Strandszene.

Generell erhalten wir viel wohlwollende Aufmerksamkeit für unsere lustigen Autos und unser Projekt. Wir sind es uns schon beinahe gewohnt, dass uns jemand filmt oder fotografiert. Doch mit Momo sind wir die absoluten Stars, denn er schafft es immer, durch seine Sprachkenntnisse (Arabisch, Englisch, Französisch, Italienisch) mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und innert Kürze deren bester Freund zu werden. Der Rest der Gruppe steht dann jeweils etwas verdattert daneben.

Die bedingungslose Grosszügigkeit der Leute, denen wir begegnen, beeindruckt uns immer wieder. Am Strand machen sich an diesem Abend einige türkische Männer Tee und hören fröhliche Musik. Sie laden das ganze Team zum çay ein. Wir treten etwas schüchtern an das Feuer (in dem sie einfach alles verbrennen, auch zufällig herumliegendes Plastik) und kriegen augenblicklich einen Becher mit çay, Erdnüsse, Schokoladenkekse, Trauben und salzige Snacks in die Hände gedrückt. Wir können kaum alles halten, was die Männer uns anbieten. Dann zeigen sie auch noch einen lustigen Tanz vor, bei dem sie sich einhaken und schnell mit ihren Füssen hin- und hertrippeln, während ihre Bierbäuche glücklich wippen. Wir können alle kein Türkisch und sie kaum Englisch, und trotzdem verstehen wir uns irgendwie. Als es zu tröpfeln beginnt, verabschieden wir uns und die Männer geben uns prompt noch eine ganze Kiste voller Snacks mit.

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Heiterkeit mit çay und Snacks.

Nach dem vielen Schwarztee sind wir noch hibbelig, obwohl es bereits mitten in der Nacht ist. Es braucht ein weiteres Bad im Meer, lange Diskussionen über Bücher, Gott und die Welt, bis dann alle genug schläfrig sind, um in die Zelte zu kriechen.

Am nächsten Morgen stürzen wir ins Wasser, bevor wir überhaupt richtig erwacht sind. Wir verbringen so viel Zeit am und im Meer, dass wir schon beinahe selbst Meer-Wesen werden mit salziger Haut und Beachwaves. Meer isch Liebi, Meer isch Läbe. Die Sonne hingegen macht uns nicht nur glücklich. Wir wollen den Tag zwar wieder in der Gegend verbringen – als kleine Strandferien während der Rally quasi – doch möchten wir nicht, dass die brennende Sonne auch noch unsere letzten verbliebenen Hirnzellen meuchelt.

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Packen für den Ausflug nach Trabzon.

Daher lassen wir die Zelte stehen und fahren erneut nach Trabzon. Auf dem Weg dorthin machen wir kurz Halt bei einer Poststelle, wo wir Vignetten für unsere Rostbeulen besorgen müssen. Die Szene, die sich uns dort bietet, ist besser als in einem Theater. Es folgt mangels Bildmaterial eine möglichst bildhafte Beschreibung.

Im klimatisierten Büro der Poststelle sitzen acht Leute, davon allerdings nur jemand an einem Computer. Dieser Jemand ist ein etwa neunjähriges Mädchen, das sich mit Paint kreativ verwirklicht. Die anderen Mitarbeitenden schauen ihr interessiert zu oder drücken auf ihren Handys herum, als wir reinkommen. Über den in den Sesseln fläzenden Leuten hängt ein etwas beängstigendes in kalten Blautönen gemaltes Portrait eines älteren Herrns. Das Klima der Betriebsamkeit (Achtung, Ironie, he!) durchbrechen wir mit unserem Wunsch nach Auto-Vignetten. Diese aufzutreiben, scheint kompliziert und langwierig zu sein. Während sich eine Mitarbeiterin darum kümmert und ächzend riesige Dokumente ausfüllt, beobachten wir die Mitarbeitenden belustigt – und vice-versa. Einen Mann identifizieren wir aufgrund seines mächtigen Schnauzers als Alpha-Male. Er ruft in ein Hinterzimmer hinein, daraufhin kommt eine Dame hereingetrippelt, die uns çay serviert. – Wir möchten an dieser Stelle gerne dafür plädieren, dass einem bei einem Postbesuch in der Schweiz künftig auch jeweils Tee serviert wird. Kundenvorschlag an die Post. Ja. Danke. – Leider fällt Mätteli sein çay aus den Händen und dieser ergiesst sich auf den Boden. Es folgt ein weiterer Ruf des Schnauzbärtigen in das Hinterzimmer. Ein verschlafener junger Kerl schlurft mit einem Wischmob in das Büro, vermutlich gerade aus süssen Träumen erwacht. Während er putzt, schaut er uns aus kleinen Augen so an, als würde er denken: „What. the. actual. fuck.“ Dann kriegen wir endlich unsere Vignetten, das Mädchen hat sein Paint-Meisterwerk beendet, zeigt es den Post-Mitarbeitenden – und weiter geht’s.

In Trabzon essen wir in einem herzigen kleinen Beizli bei einer alten Türkin endlich, endlich Baklava. Mefistle fragt schon seit mindestens vier Tagen stündlich danach. Die süssen Gebäcke kleben uns die Münder zusammen und sind sehr, sehr lecker. Dazu trinken wir— muss ich es wirklich noch schreiben? — çay. Schliesslich ist die letzte Dosis bereits zwei Stunden her. Es ist soweit, wir gestehen uns unsere gravierende çay-Sucht ein. Es gibt jetzt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir lassen uns in eine Rehab-Klinik einliefern oooooder wir kaufen selbst einen professionellen çay-Kocher in einem Laden vor Ort, den wir danach auf den Doblo schnallen und an jedem Strand wieder auspacken können. Dreimal dürft ihr raten, für welche Variante wir uns entschieden haben…

Glückselig schlendern wir dann mit vor Schweiss glänzenden Gesichtern über den Bazar. Es duftet hier intensiv nach einem Potpourri aus verschiedenen Nahrungsmitteln. Unsere Augen können sich kaum sattsehen an den Farben des Gemüses, der Früchte und des Getreides. Alles ist fein säuberlich aufgetürmt. Wir kaufen für das Abendessen glänzende Auberginen und grosse Karotten.

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Marktware.
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Marktfrauen.
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Touristen Marktgänger_innen.

Während ein Teil der Gruppe an einem nahen Fluss unsere Wäsche reinigt, kochen die anderen am Strand. Zum Abendessen – deliziöses Gemüse mit frischem Brot – kriegen wir Besuch. Ein Mongol Rally- Teilnehmer aus Zürich fährt zufälligerweise an „unseren Strand“.  Wir freuen uns riesig, dass es diesmal wir sind, die jemandem çay anbieten können.

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Mondi schöpft. Man munkelt, er habe Gassenküchenerfahrung.
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Das ganze Team (also alle 9!) auf einem Bild.

Am nächsten Morgen geht es Mefistle schlecht: Sie hat schon seit längerem Halsschmerzen und leidet unter Übelkeit und Fieber. Zum Glück versorgt sie Medizinerin Destiny und dopt sie mit Medikamenten, damit die Weiterfahrt möglich ist.

Als wir unsere Siebensachen ins Auto räumen, zeigt ein Türke, der nebenan wohnt, plötzlich aufs Meer. Zuerst sehen wir nur Bewegung im Wasser, dann plötzlich Rückenflossen. Eine Delfinschule (Moris korrigiert den Ausdruck „Schwarm“ mit erhobenem Zeigefinger) kommt vorbei, um uns Tschüss zu sagen. Die schönen Tiere gleiten immer wieder aus dem Wasser, damit wir sie bestaunen können.

Sogar die geschwächte Mefistle lächelt glückselig. Wenn das nicht ein gutes Omen für unsere Weiterreise ist!

Kilometer 4’920

Jetzt ist es leider an der Zeit, die Türkei zu verlassen. Wir werden die warmherzigen Leute und die wildromantischen Strände vermissen und immer wieder dankbar an das tolle Land zurückdenken.

Vom Grenzübertritt nach Georgien haben wir bereits gehört. Er gilt als berüchtigt für seine langen Wartezeiten. Wir fühlen uns frisch und ready, deshalb reihen wir uns frohgemut in die Schlange wartender PkW ein.

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50 Meter und 3 Stunden vor der Ausreise aus der Türkei.

Zeitsprung, fünf Stunden später: endlich sind wir in Georgien angekommen. Die Gerüchte stimmen also. In der flirrenden Nachmittagshitze haben wir stundenlang gewartet. Der Grenzübertritt auf türkischer Seite war das Nadelöhr. Ein einziger Schalter musste alle wartenden Lastwagen, Busse und Personenwagen abfertigen. Die Punktewolke unseres GPS-Trackings beschreibt die Situation sicher ganz gut.

Die Passagiere mussten die Autos verlassen und somit blieben nur Mätteli und Fabian in den Autos zurück. Die anderen Teammitglieder wurden durch Wellblechtunnel über die Grenze gescheucht. Wie Tiere auf dem Weg zur Schlachtbank, meint Mondi.

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Auf dem Weg zum Schlachthof nach Georgien.

Derweil kämpften sich die beiden Autofahrer Meter für Meter weiter zum Grenzposten. Immer wieder steigt ein Typ ein paar Autos hinter uns aus und erklärt Mätteli aufgebracht, dass er es pressant habe und dass Mätteli schuld an der Kolonne sei. Zumindest haben wir das in seine Zeichensprache und den hässigen türkischen Schnauzbart reininterpretiert. Mätteli verliert kurz seine Nerven und sagt ihm auf Berndeutsch, dass er ein Stürmi sei und gefälligst wieder zu seinem Auto soll behält seine Ruhe.

Als wir das Zollhäuschen dann tatsächlich erreichten, waren alle sehr nett und aufgedreht. Der eine Beamte wollte unbedingt mit dem Pocket Bike fahren „Fabian! please let me drive, please!“ Der andere war von Fabians Bart beeindruckt „Wow, this is charisma! Very handsome! I’m not gay. Are you single?“ Auf der georgischen Seite waren die Uniformierten eher mürrisch. Das Gepäck wurde kurz durchgeschaut und die Medikamentenkiste wurde sehr genau untersucht. Der Beamte fragte immer wieder nach Inhaltsstoffen „Does this have bliblabliblo inside?“ und Fabian immer selbstbewusst „No no, we checked this one, we don’t have this“ und nach einigem Hin und Her folgte folgte ein gebrummtes „welcome to Georgia“ und somit wird ein neues Kapitel in unserem Blog eröffnet.

 

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8 Antworten auf “Türkei ist noch nicht die Mongolei: 3’049km – 4’920km”

  1. Hooooi zäme
    Ha grad chli eue Blog gläse tönt scho no so gspässig die Rally. Hoffe dir chömet o witerhin guet vorwärts aber solang dr Mätteli sini Bruschdhaar zeigt wärdet dir zmingschd niene Problem mit de Behörde becho, da bini überzügt! U düet nech geng guet isaube das isch wichtig 😉
    Gruss vom Pöstler

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