Geschwindigkeitswahn im Balkan: 486km – 3’049km

Kilometer 825

Die Mongol Rally wäre nicht die Mongol Rally ohne Pannen.

Damit wir auch sicher wissen, worauf wir uns da eingelassen haben, passiert die erste Panne schon am ersten Rally-Tag.

Wir haben Tschechien am Nachmittag hinter uns gelassen und fahren durch das schöne Österreich, wo der Sommer offenbar noch nicht Einzug gehalten hat. Es ist bergig, wolkig und frisch. Auf der Autobahn nahe Graz stottert der Panda plötzlich. Wir glauben zuerst, dass die Batterie schlapp macht und fahren auf dem Panda-Streifen, äh Pannenstreifen, zur nächsten Autobahnraststätte.

Pandapanne Nummer 1
Erste Inspektion nach dem Stottern.

Wer hätte gedacht, dass wir dort auch gleich unsere Zelte aufstellen würden?

Denn es stellt sich heraus, dass nicht die Batterie, sondern der Alternator kaputt ist.

„Habt ihr einen Ersatz-Alternator dabei?“, haben uns mehrere Leute vor der Abfahrt gefragt. „Ja ja“, haben wir geistesabwesend gemurmelt. „Wir kümmern uns darum.“ – Nein, wir haben uns nicht darum gekümmert, wir haben es vergessen, merken wir jetzt.

In der Garage in der Nähe gibt es auf die Schnelle keinen Ersatz-Alternator. Da es schon eindunkelt, beschliessen wir, an Ort und Stelle – auf der Autobahnraststätte – zu übernachten. Die Leute von der Autobahnraststätte sind kulant und wir dürfen die Zelte auf einem schmalen Grasstreifen neben der Autobahn aufstellen. Meret kränkelt und sucht mit Fabian eine Unterkunft in der Nähe auf, um ihren Mörderhusten auszukurieren. Ungeplante Kurferien in den österreichischen Bergen quasi.

Am nächsten Morgen macht sich Mätteli erneut auf die Suche nach einem Ersatzteil für unser Panda-Sorgenkind. Eine Garage sichert ihm einen neuen Alternator zu – dieser komme aber erst am Folgetag. Nun können wir einen weiteren Tag im ruhigen, kühlen Berggebiet verbringen und Kräfte sammeln für die weitere Rally. Und für den Ernstfall üben: Bei einigen kommt der Gedanke auf, dass eine solche Panne auch auf dem Pamir-Highway passieren könnte, wo es wohl noch wesentlich kälter sein wird.

Während Meret in der Unterkunft im Bettli liegt, verbringen die restlichen sieben Teammitglieder den Tag in St. Michael. Genauer gesagt: In St. Michael auf einem Parkplatz von Billa, einem Supermarkt.

Hippies auf dem Parkplatz
Fabian lernt zwei Akkorde.

Das Panda-Baby ist nicht dabei, weshalb der Doblo, der eigentlich nur Platz für fünf Personen bietet, belagert wird. Es regnet, uns ist langweilig, wir freuen uns auf das Meer. Die zumeist älteren Leute, die einkaufen kommen, beäugen uns skeptisch. Niemand spricht uns an, obwohl wohl keiner versteht, was wir hier genau machen. Was ist das für eine wilde Hippie-Truppe mit blau und rot gefärbten Haaren, die sich da seit Stunden herumtreibt?

Für Diskussionen im Team sorgt unser Schutzheiliger, San Mauro, von dem ein Bild mit einem Altar im Doblo hängt. Wir fragen uns, was wir falsch gemacht haben, um die Panne des Pandas zu verdienen. Haben wir San Mauro eine Opfergabe zu wenig gegeben? Aber eigentlich hatten wir auch kurz vor der Panne jeweils Opfer dargebracht. Dürfen wir überhaupt darüber diskutieren, ob San Mauro womöglich einen Fehler gemacht hat, oder ist das bereits Blasphemie?

San Mauro ist offensichtlich verärgert, dass wir ihn in Frage stellen. Das heilige Baby mit dem stilvollen Ohrenpiercing lässt uns sogleich seine Macht spüren: Vergeblich versuchen wir, Kaffee zu kochen, doch irgendetwas funktioniert partout nicht. Kevin und Moris zünden daraufhin ein Räucherstäbchen an seinem Altar an. Et voilà – der Kaffee kocht sich fast wie von selbst. Fazit: Wir werden San Mauros Autorität so schnell nicht mehr anzweifeln. Doch der richtige Umgang mit einem Schutzheiligen muss gelernt sein, und wir sind ja erst in der Kennenlernphase.

San Mauro sei dank sind wir statt wie erwartet am Folgetag doch schon am Abend erneut unterwegs. Mit seiner unermesslichen Güte hat das Superbaby dafür gesorgt, dass der neue Alternator nun doch schon zur Verfügung steht.

Pandababy im österichen Reich
Mätteli macht die San Mauro-Gedenkstellung unter dem Panda.

In der Abendsonne fahren wir los – geplant ist eine Nachtschicht mit Fahrern, die sich abwechseln, damit wir am nächsten Tag irgendwann am Nachmittag am Meer ankommen. Wir freuen uns!

 

Kilometer 1’473

Es ist Nacht. Wir fahren durch Slowenien und das Ganze geht ruckzuck. Von Slowenien lernen wir eine Autobahnraststätte kennen und probieren dort ein örtliches Cola. Und das ist auch schon alles, was wir von diesem kulturell sicherlich sehr ansprechenden Land mitkriegen. (Neulenkerin Melina kann jetzt auch von sich behaupten, bereits ein ganzes Land durchfahren zu haben.)

Und, nicht zu vergessen: Momo spricht die ganze Fahrt durch Slowenien kein einziges Wort. Der Grund ist Fäbus unbedachter Spruch: „In Slowenien gibt es Bären. Jetzt halten wir mal alle die Klappe, bis wir den ersten sehen.“

Mondi sucht inneren Frieden
Momo setzt statt mündlicher Kommunikation auf Gestik unter vollem Körpereinsatz.

Zu sehen gibt es dann nur eine Grenzbeamtin an der Grenze zu Kroatien, die unsere Pässe prüfen will und nur mit Müh und Not ein Lachen angesichts unserer Gesamterscheinung unterdrücken kann. Ausgerechnet Momo, der immer noch konsequent auf Wörter verzichtet, steigt aus und überreicht den Koffer mit den Dokumenten. Auf die Fragen der Zollbeamtin reagiert Mondi nur mit Lächeln und Nicken. Hat funktioniert – wir sind in Kroatien!

 

Kilometer 1’806

Kroatien lernen wir von seiner schönsten Seite kennen – im Dunkeln. Nein, Spass: Wir sind sicher, dass es ein tolles Land ist, leider passieren wir es aber auch nur in der Nacht. Da an längeren Schlaf aufgrund der beengten Platzverhältnisse in den Autos nicht zu denken ist, gibt es auch um ein Uhr morgens noch tiefschürfende, weltbewegende Diskussionen. Diese drehen sich momentan um das höchst aktuelle Thema der Gesundheit der einzelnen Teammitglieder. Ein Teammitglied – das nicht bei Namen genannt werden will – hat sich in St. Michael bei einem waghalsigen Stuntman-Sprung über einen Busch den Zeh wüst aufgeschlagen und kann nur noch humpeln

unbekannte Person in action
Teammitglied kurz vor dem Aufschlag (Beweismaterial in Form eines Videos existiert).

Ein weiteres Teammitglied ist rekonvaleszent und entsprechend schlapp-genervt. Eine wiederum andere Person, die gerne aus Datenschutzgründen anonym bleiben möchte, fühlt sich seit kurzem fiebrig und hat Husten. Ein viertes anonymes Teammitglied schliesslich berührt mit seinem Schicksal alle anderen in der Gruppe: Seit Tagen leidet es an hartnäckiger Obstipation. Dieses harte Los lässt niemanden kalt und in regelmässigen Abständen wird nachgefragt, wie es der Darmtätigkeit der betroffenen Person geht. Mit immer ernüchternder Antwort: Nein, leider hat sich da noch nichts getan.

Vor kurzem hat der/die Betroffene daher beschlossen, den unangenehmen Umstand mit Chemie zu beseitigen, die innerhalb von acht Stunden wirken soll. Getimt ist der Super-Gau um zwei Uhr morgens. Jetzt ist Viertel vor zwei Uhr, wir schauen das betroffene Teammitglied erwartungsvoll an: „Und? Müssen wir bei der.nächsten Raststätte raus?“

Nein, noch immer nichts. Es ist und bleibt ein nervenzerreissender Krimi. Vielleicht helfen jetzt nur noch Mini-Clissières?

Was neben der Darm-Untätigkeit einer Person ebenfalls zu eskalieren droht, ist Mättelis und Fabians Art der Kommunikation. Fabian sitzt am Steuer des Doblos, Mätteli am Steuer des Pandas, und sie sprechen regelmässig via Funkgerät miteinander. Mätteli hat sich seit einer ikonischen Begegnung mit einem Promoter im Coop, der ihm in breitem Berner Oberländer-Dialekt „Alp-Chees“ angeboten hat, einen Hang dazu, selbst so zu sprechen. Er hat damit nun auch Fabian angesteckt. Jetzt labern sie sich über das Funkgerät in der Sprache eines Oberländer Skiliftwarts voll.

kurze Pause in Slovenien
Hansueli und Hansruedi haben sich gefunden.

Kilometer 1’890

Früh am Mittwochmorgen erreichen wir Bosnien-Herzegovina. Wir sind bezaubert von den zwei Meeren: Vom Nebelmeer in den Hügeln und dem dunkelblauen grossen Teich, auch bekannt als das adriatische Meer.

Strechen nach langer Fahrt.jpg
Mättelis Morgenstretch
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Morgendliche Fotografiepflichten

Da die meisten nur noch schwarzweiss sehen nach der Nachtschicht, suchen wir einen Campingplatz. Dafür fahren wir weiter und somit noch einmal nach Kroatien. Dort finden wir einen sehr lauschigen Platz in Sichtweite des Meeres. Im Schatten der knorrigen Olivenbäume rollen wir unser Mätteli aus (die Campingutensilien, nicht unser Teammitglied, hahahaha) und fallen ins Delirium.

Den Tag verbringen wir dösend auf dem halbleeren Campingplatz, den wir in Kürze völlig einnehmen. Destiny sieht aus wie ein Coverbild eines französischen Buches mit ihrem Blümchenkleid und dem grossen Strohhut.

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Madame mit Strohhut

Uns fällt auf, dass wir bereits länger nichts mehr gegessen haben. Moris und Destiny kochen das geilste Porridge mit Nüssen und Pfirsichen und wir schweben im siebten Himmel. Nur das mit der Quantität haben wir noch nicht raus, wir kochen aktuell noch viel zu viel. Wir diskutieren, wer das seltsame Geräusch verursacht, das in regelmässigen Abständen aus den Wipfeln der Bäume ertönt. Eine Zikade? Ein Vogel? Es klingt, als würde jemand die Bäume ansägen – oder so wie das Sprungfederbett eines Honeymoon-Pärchens, wie Fistle bemerkt.

Es ist heiss, sehr heiss, deshalb suchen wir Erfrischung im Meer. Von der Schönheit der kroatischen Küste haben wir bereits gehört, doch in natura ist sie noch schöner als in den Erzählungen. Momo übt halsbrecherische Saltos vom Steg aus, alle plantschen im Salzwasser.

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Momo im Begriff sich zu drehen wie verruckt.

A propos Wasser: Fäbu und Mätteli nehmen den Wasserreiniger in Betrieb. Mätteli opfert sich und degustiert das gereinigte Wasser. Vier Stunden später ist er noch nicht explodiert, daraus schliessen wir: Mou, das mit dem Wasser reinigen klappt. Geld sparen durch weniger Wasser kaufen – check!

Moris, Kevin und Destiny besuchen das Städtchen Dubrovnik und kaufen in der hübschesten Apotheke ever Stützstrümpfe für Kevins lädierten Fuss. Sie sehen ausserdem das herzigste Büssi ever (aber es ist gesund, also nimmt Kevin es nicht mit auf die Rally). Die drei guten Seelen besorgen ausserdem Gemüse und eine Wassermelone für unser Abendessen.

Wir fläzen unter dem grössten Olivenbaum herum, das Ebly-Bouillon-Gemüse schmeckt perfekt, Kevin spielt auf ihrer Ukulele, wir fühlen uns wie 1968 irgendwo auf dem Woodstock-Gelände. Schön.

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Gruppe mit Ebly.

Am nächsten Tag stehen wir früh auf  verpennen wir ziemlich, sind ultra-effizient nehmen es gemütlich und sind erst kurz vor Mittag wieder on the road.

Melina hat Startschwierigkeiten: Sie will mit dem Doblo die steile Strasse vom Campingplatz auf eine Querstrasse hochfahren, doch das Anfahren am Hang bereitet ihr Mühe. Damit der Doblo nicht rückwärts runterrollt, fährt Mondi mit dem Panda unmittelbar hinter den Doblo. Dadurch soll wohl Bremsunterstützung erreicht werden – stattdessen knallt Melina beim Anfahrversuch etwa einen Meter zurück in die Schnauze des Pandas. Und das mehrmals: Auto an – Auto abgewürgt – Crash mit dem Panda. Nach dem zwanzigsten Aufprall endlich das erlösende Geräusch des eingekuppelten Gangs, wir fahren voller Elan auf die Querstrasse, die zuschauenden Kroaten applaudieren mitleidig begeistert. Es geht los!

Die Strasse bietet Blick auf das traumhaft schöne Meer, die Schiffli und die pittoresken Küstendörfer. Vor der montenegrinischen Grenze stauen sich die Autos. Es ist wieder sehr heiss; ein Zustand, an den wir uns nun wohl gewöhnen sollten.

An der Grenze zu Montenegro stellt sich heraus, was den Stau verursacht hat: Das System der Grenzbeamten ist per Zufall genau am Mittag zur Siesta-Zeit abgestürzt, deshalb warten wir anderthalb Stunden. (Wahrscheinlich chillen die Beamten derweil in der Mittagspause.) Wir sind geduldig, denn wir denken an die usbekische Grenze und an die „Kreuzchen-auf-einem-Formular“ bedingten Wartezeiten, die wohl noch auf uns zukommen werden.

Der „schwarze Berg“ Monte negro gefällt uns, das Land erscheint aus Laiensicht aber eher wie eine Fortsetzung von Kroatien.

Um Zeit einzusparen, nehmen wir die Fähre über einen See oder ein Stück Meer – um ehrlich zu sein, hat vorallem der Vater Mätteli die Route geplant, und niemand ausser ihm hat den leisesten Schimmer, ob wir nun über eine Regenpfütze, einen Fluss oder über das Schwarze Meer transportiert werden. Egal. Wir geniessen es trotzdem, den Wind in den Haaren.

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Si het gärn dr Wind i de Haar.

Gegen Abend schliesslich treffen wir in der Heimat des Doppeladlers ein. Hallo Albanien, hallo Vorfahren von Scherdan Shaquiri (wi schribtme das?)! Die Leute hier sehen nicht mal so sehr wie Kraftwürfel aus, sind aber offensichtlich an unseren Schrottbüchsen interessiert. (Wer kann’s ihnen verübeln, wir sehen auch ziemlich lustig aus mittlerweile…) Als wir Halt machen um Rüebli zu kaufen, kommen die Mädchen aus der Nachbarschaft mitsamt einem Baby mit „Luusbueb“-Latz angelaufen und beäugen uns neugierig. Auch ein riesiges freilaufendes Schwein besucht uns.

Kilometer 2’508

Es wird langsam dunkel und die Suche nach einem Übernachtungsplatz geht los. Wir fahren in eine abgelegene Gegend, wo sich ein Fluss zwischen dunklen Hügeln hindurchschlängelt. Bei einer Kiesgrube steht ein älterer Herr. Momo fragt ihn mangels einer gemeinsamen Sprache mit Händen und Füssen, ob wir hier übernachten dürfen. Der Mann gestikuliert wild zurück – wir sind überzeugt, dass er verneint. Momo kommt aber zufrieden zurück: „Ja, wir dürfen.“ Shit, wir sind wohl Zeichensprache-Analphabeten.

Nachdem wir die beiden Fiats zwischen verlassenen Betonbauten auf einem ebenen Stück auf der Kiesgrube platziert haben, macht sich in der Gruppe Horrorfilm-Stimmung breit. Hinter den Autos liegt zwischen einigen Kieshügeln ein relativ frisch ausgehobenes Grab Loch und in der Ferne tragen bellende Strassenhunde zur unheimlichen Szenerie bei. Während wir alle so schnell wie noch nie unsere Zelte aufstellen, kommt aus dem Dunkeln eine Gestalt mit einer Taschenlampe auf uns zu. Mondi traut sich als Einziger steht am nächsten und geht zur unbekannten Person. Schnell finden die beiden eine gemeinsame Sprache: Italienisch. Der Unbekannte fragt Mondi kritisch, woher wir von diesem Platz wissen und warum wir genau hier unser Lager aufstellen wollen. Wie sich herausstellt, „wohnt“ der Unbekannte mit mehreren anderen Leuten in den doch nicht verlassenen Betonbauten auf dem Gelände. Auf der Strasse hinter der Kiesgrube hält ein Auto und jemand ruft etwas auf Italienisch. Wieder Mondi macht sich auf den Weg zu der Gruppe Typen, die in der Dunkelheit beim Auto stehen. (Wir wären ja auch sehr sehr gerne gegangen, aber wir können leider auf Italienisch nur knapp Pizza bestellen…) Die Zelte sind inzwischen aufgestellt und das Nachtessen (Ebly mit Tomaten und Karotten) fertig, doch Mondi immer noch nicht zurück. Kurz nachdem wir die Platzaufteilung in den Autos mit nun nur noch sieben Personen neu verteilt haben, kehrt Mondi zurück – er lebt! Die Italiener seien immer noch skeptisch, lassen uns aber hier übernachten. Auf dem Dach des einen Betongebäudes gibt es von nun an einen Wachposten mit zwei Typen, die uns nonstop beobachten. Und der Strassenhund, dessen Revier wir offensichtlich gegen seinen Willen belagern, schleicht um unsere Zelte herum und bellt uns ängstlich an. Die Rettung zur Auflockerung der Stimmung erfolgt an zwei Fronten: Zum einen zaubern Mätteli und Fäbeler aus der Gadget-Kiste eine Girlande hervor, die zwischen den Autos und über den Zelten gespannt wird. Und schon ist die Szene wieder Instagram-würdig und wir finden wildes Zelten super-gemütlich.

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#camplife

Zum anderen bietet ein anonymes Teammitglied (die Autorin möchte anmerken, dass es sich nicht um sie handelt) ein primitives aber wirkungsvolles Mittel gegen den stetig kläffenden Hund, der immer noch unser Lager umkreist. Getrieben von der ungewohnt Ebly-lastigen Ernährung und der Angst, in der Dunkelheit das nahe Gebüsch zu betreten, defäkiert das anonyme Teammitglied etwas abseits der Gruppe mitten auf dem Kiesplatz. Nach vollbrachter Tat kehrt die Person zur Gruppe zurück und der wild kläffende Hund steuerte den Tatort zielstrebig an. Er schnuppert kurz, dann zieht er sich beeindruckt zurück und lässt uns die Stille der Nacht geniessen. Die Rangordnung ist wiederhergestellt.

Am nächsten Morgen weckt uns Mätteli in aller Frühe mit seinem in voller Lautstärke abgespielten Lieblingslied – Loy loy loy, eine Eskalation von kitschigen Panflötentönen. Eigentlich wäre das ein Grund zum Sauerwerden, insbesondere für die Morgenmuffel unter uns. Aber wir sind alle so glücklich, dass wir des Nachts nicht ausgeraubt oder von Menschenhändlern verschleppt wurden und dass wir noch alle Organe im Körper haben, dass uns so ein bisschen Musik-Terror nichts anhaben kann. Auch den zwei Männern, die uns noch immer misstrauisch beobachten, lächeln wir beim Zähneputzen freundlich zu. Wie schön das Leben ist!

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Morgenstimmung in der Kiesgrube, doch bei genauerem Hinsehen…
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… erblickt man das Wachkommando in Squatstellung.

Zum Frühstück gibt es – wenig überraschend – Ebly (und Mefistle hat statt eines Epi-Anfalls einen Ebly-Anfall, höhöhö). Wir waschen uns im nahen Fluss, dann fahren wir erfrischt weiter.

Wir passieren Tirana – was heisst hier passieren: Wir kämpfen uns Stossstange an Stossstange durch das Verkehrschaos. Es dämmert uns langsam, dass die Fahrsitten in der Schweiz, Deutschland und Österreich wohl nicht auf die Realität auf allen anderen Strassen der Erde übertragbar sind. Mimimi, kleine Schweizerlis kommen auf die Welt. Unsere Leute am Steuer bleiben gelassen.

Wir mögen Albanien. Vielleicht ist es die rustikale Authentizität, die dieses Land ausstrahlt – sein unverfälschter Charme hat uns um den Finger gewickelt.

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Die Mongol Rally wird nicht von der FIFA organisiert. Wir müssen daher keine Sanktionen wegen der Geste befürchten.

Und sicher auch seine Leute: Diese kommen uns nämlich bei unserer nächsten Panne zur Hilfe. Der Panda hält wacker durch, doch Doblitto macht beim Rückwärtsfahren auf einem Parkplatz neben einer Küstenstrasse schlapp. Sofort kommen uns zwei Albaner zu Hilfe, die auch Italienisch sprechen (warum reden die eigentlich alle Italienisch?). Schnell ist klar, was das Problem ist: Ein Stück Metall hat sich aus dem Schaltgestänge gelöst. Schnell flickt der nette Albaner das Blechstück, indem er darauf herumhämmert. Womit wieder mal bewiesen ist, dass jedes Problem mit kräftigen Fingern und einem Hammer gelöst werden kann.

Kurz danach erreichen wir Griechenland (Grenzübertritt: 21 Minuten). Uns empfängt ein arides Klima (hallo Stephan!). Die Vegetation ist hier etwas karger und alles sieht trockener aus als in Albanien. Was uns ausserdem auffällt, ist eine offensichtliche Vorliebe der Griechen: ein Faible für Verkehrsschilder. Die Strassen sind jeweils fast in absurdem Ausmass mit Schildern zugepflastert. Uns ist jetzt auch klar, wohin Mutti Merkels Milliarden geflossen sind…

An einer alten verlassenen Tankstelle machen wir in der Nachmittagshitze Halt und essen gefühlt die erste Mahlzeit an diesem Tag. Wir teilen schwester- und brüderlich und sind am Ende doch noch nicht satt (Ebly-Reste und Melonen). Macht nichts, den Nahrungsmangel kompensieren wir, indem wir unsere Gehirne runterfahren und nur noch über unser Verdauungsverhalten fachsimpeln. (Die Autorin hat ja eigentlich erwartet, dass man auf so einer Rally – vorwiegend ohne Internetanschluss – früher oder später auf tiefschürfende Themen zu sprechen kommt. Etwas enttäuscht muss sie feststellen, dass statt philosophischer Überlegungen noch immer die Körperfunktionen der Teammitglieder mit akribischer Präzision geschildert werden. Aber ja, wer weiss, vielleicht lösen wir ja doch bald die grossen Fragen der Menschheit?)

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Zwischen den Diskussionen bleibt immer Zeit für die Selbstinszenierung.

Um die Tankstelle schleicht ein „obdachloser wunderhübscher Hund“ (aus Kevins und Destinys Sicht) bzw. ein „Strassenköter“ (aus Momos und Mättelis Sicht). Wenn es etwas gibt, das unsere Gruppe entzweit, dann ist es die Frage, ob und wie man auf streunende Tiere reagieren soll. Destiny und Kevin geben dem Doggie Darvida und bieten ihm Wasser aus einem Tupperware an. Nicht alle im Team sind begeistert davon, unsere Essbehältnisse mit Tieren zu teilen. Der Hund weiss zum Glück um das Konfliktpotenzial, das er birgt, und trollt sich nach einer Weile. Wir haben uns wieder lieb.

Kilometer 3’049

Gegen Abend erreichen wir das Meer, springen alle begeistert ins warme Wasser und waschen uns den Schweiss runter. Aus den umliegenden Restaurants und Clubs klingt griechische Musik. Der Abend ist lau. Wir beschliessen, gleich hier am Strand zu übernachten.

Zuerst kommen wir aber einem alten Griechen zu Hilfe, der sein Auto in den Sand gefahren hat und nicht mehr rauskommt. Während wir ihn mit dem Panda und dem Abschleppseil aus seiner Misere zu befreien versuchen, flucht er unentwegt. Klein Pändeli hat leider zu wenig „Pfuus“ und schon bald hilft ein grösseres, stärkeres Auto dem alten Herrn aus der Patsche. Dieser flucht weiter und ignoriert uns – aber wir sind zufrieden mit unserem Versuch der Hilfestellung. San Mauro wird uns diesen sicher als gutes Karma anrechnen und uns vor grösseren Pannen bewahren.

Endlich hat die Ebly-Phase ein Ende. Wir haben zum ersten Mal den Luxus, Pasta zum Abendessen zu geniessen. Leider versalzen wir diese komplett. Mhh. Aber immerhin stimmt das Ambiente.

Die Zelte lassen wir heute weg. Mit Meeresrauschen und griechischer Musik in den Ohren schlafen wir am Strand ein. Die Nacht ist kurz, aber unheimlich gemütlich unter dem Sternenhimmel.

Als es dämmert, weckt uns Mätteli wieder mit seinem Panflöten-Terror (auch bekannt als das Lied „Loy loy loy“). Doch die Nacht war so idyllisch, dass auch heute wieder niemand so richtig grantig erwacht. Wie könnte man auch, wenn vor einem die dunkelrote Morgensonne aus dem silbernen Meer auftaucht?

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Gestrandete Wale Das Team am griechischen Strand.

 

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7 Antworten auf “Geschwindigkeitswahn im Balkan: 486km – 3’049km”

  1. Habe den Blog erst heute gerade entdeckt… Super verfasst, kam nicht mehr davon los und habe euch leserisch auf eurer Reise jetzt eingeholt. werde dranbleiben… Bitte weiter so! Viel Spass und möglichst wenig Pannen!

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  2. Einfach der Hammer euer Blog!! So ist man selbst fast ein wenig dabei. Mit Spannung verfolgen wir euer live Tracking und freuen uns schon jetzt über den nächsten Beitrag und Föteli. Weiterhin eine gute, pannenfreie Reise und viele spannende Erlebnisse.

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