Höherlegen im Nieselregen: 12’455 km – 15’309 km

Kilometer 12’455

Es rumpelt in der Kiste. Die letzten knapp 2’000 km Fahrt über unzählige Schlaglöcher und fiese Bodenwellen haben vom überladenen Panda offensichtlich ihren Tribut gefordert. Das Blattfederpaket hinten links, das bereits in Aserbeidschan, Usbekistan und Tajikistan jeweils geschweisst, geklemmt und zum Schluss in Kasachstan mit Schnur zusammengeflickt wurde, hat nun komplett den Geist aufgegeben. Die neuerdings um paar Zentimeter verschobene Hinterachse hängt also noch an einer halben Klemme und ein paar Wicklungen Schnur am Chassis. Die Federaufhängung hat sich ebenfalls verschoben und die Stossdämpfer haben ihre Funktion komplett aufgegeben, hängen nur noch lust- und kraftlos zwischen Achse und Auto und vergiessen einsame Tränen letzter Ölreserven, die bei jedem grösseren Schlagloch aus den rostigen Gestalten unter Geächze raus gequetscht werden.

Der Panda hat drei Plätze. Vorne zwei, soweit so normal. Hinten ist jedoch nur noch ein Sitzplatz zu finden, der lieblicherweise „Die Lounge“ genannt wird. Eingepfercht zwischen nacktem Metall auf der rechten und Berge von Gepäck auf der linken Seite, kann die Sitzposition auf der Lounge durchaus ihre gemütlichen Phasen haben. Zur Zeit fühlt sich der Panda jedoch etwas abgeschossen an. Durch das durchgesessene Polster sind die Bodenwellen im ganzen Körper spürbar. Immer wenn eine leichte Unebenheit auf der Strasse überfahren wird, kracht die hintere Aufhängung mit der Achse zusammen und durch die fehlenden Stossdämpfer schaukelt das ganze Auto dann noch mindestens viermal kräftig nach, wobei jedesmal gehofft wird, dass es den Panda jeweils nicht in den nächsten Strassengraben wirft. Es vibriert und schüttelt das ganze Fahrzeug, wahrscheinlich ist jedes Lager und jede Aufhängung entweder durchgefahren, verbogen oder ist bereits komplett abgefallen. Mondis rechte Hand greift zuweilen nach besonders geräuschvollen Bodenwellen zum baumelnden Rosenkranz und Kabelbinder, ansonsten hält er das mittlerweile um gut 60° verdrehte und stark vibrierende Lenkrad mit beiden Händen fest. Ausserdem sitzt er vornüber gebeugt, die Nasenspitze wenige Zentimeter von der Frontscheibe entfernt, versucht durch die nasse, dreckige und seit dem Pamir-Highway gesplitterte Windschutzscheibe etwas von der Strasse zu erkennen. Leichter Nieselregen sorgt für einen ewig diffusen Blick auf das vor uns liegende.

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Mondi versucht die Strasse zu erkennen.

Scheibenwischer gibt es nicht. Kalte und feuchte Luft pfeift durch die vielen offenen Ecken und Ritzen in den Fahrgastraum hinein. Die Heizung wurde ebenfalls auf dem Pamir zu Gunsten einer funktionierenden Motorkühlung ausser Betrieb gesetzt. Zumindest das Dach ist dicht, die eintretende Nässe schleicht sich nur den Fussraum hoch. Dort sorgen mehr oder weniger grosse Rostlöcher beim Durchfahren von Pfützen für ewig nasse und verschlammte Füsse. Wir fahren durch Russland, die Sonne hat sich seit dem Grenzübertritt noch nie gezeigt. Der Himmel ist verhangen und die Tageszeit ist unmöglich abzuschätzen. Ist momentan auch nicht wichtig. Wir fahren bis es dunkel wird.

 

Kilometer 12’835

Dunkel wird es auch langsam, als wir die Stadt Barnaul erreichen. Wir steuern auf direktem Weg eine Garage an, die wir auf der Karte finden. Dort begrüsst uns ein Schild mit der Aufschrift, dass hier von 7 bis 22 Uhr gearbeitet wird, was uns schonmal zuversichtlich stimmt. Die Garage präsentiert sich als „normale“ Werkstatt, wie wir sie seit Baku nicht mehr gesehen haben. Wir könnten ohne weiteres in einem Vorort einer kleinen Schweizer Stadt sein, als wir mit dem windschiefen Panda auf den Vorplatz tuckern. Nur die kyrillische Schrift und die Tatsache, dass alle Mechaniker Namensschilder mit Igor und Ivan tragen werfen uns zurück nach Russland. Als wir aussteigen, wird der Panda ausgelacht begutachtet und wir können unsere Anliegen vorbringen: Bremse vorne wechseln, Reifen flicken, Lenkgeometrie begutachten und Federn hinten reparieren. Kaum ausgesprochen hat ein Mechaniker die alten Bremsscheiben bereits abmontiert und wir freuen uns über die speditive Stimmung die uns umgibt. Als wir die Situation um die Hinterachse mit dem Werkstattchef genauer betrachten, schwindet jeglicher Tatendrang der Mechaniker. Der Panda sei alt und Blattfedern an der Hinterachse kenne man hier nicht und wenn die Feder noch so zerbastelt und kabutt ist wie unsere, könne leider nicht weiter geholfen werden. Wir versichern Arbeitern, dass wir keine Wunder erwarten, aber dass sie doch bitte etwas versuchen sollen. Mondi und Fabern erklären, wie bisher „repariert“ wurde und fordern die Mechaniker auf, kreativ zu denken und bringen einige Vorschläge, welche erst wehement abgewinkt werden. Die Arbeiter diskutieren einige Zeit unter dem Panda, der wie ein totes Tier auf dem Lift hängt. Anschliessend kommt der Kassier, welcher etwas Englisch spricht zu uns und meint, dass sie die Federung bis morgen reparieren wird.

Der Kassier, der sich als Sascha vorstellt, entpuppt sich als unser guter Mann in Barnaul. Er nimmt uns trotz mehrmaligem Abraten seinerseits und auf das Insistieren unsererseits mit zum KFC, wo wir uns drei „Star-Buckets“ gönnen. Sascha will nichts essen. Wie lange wir in Barnaul bleiben, will er wissen. Da wir nur so kurz wie nötig hier bleiben wollen, zögert er nicht und lädt uns kurzerhand für eine Nacht in sein Appartement ein. Unterwegs kaufen wir Bier in einer Bar, da Läden gemäss russischem Gesetz nach 21 Uhr keinen Alkohol mehr verkaufen dürfen. In der Bar ein Bier für die Gasse zu kaufen scheint aber zu funktionieren. Das „Bar“-Schild an der Hauswand ist das Einzige, was uns daran erinnert, nicht in einem normalen Laden zu stehen. Die Biertheke ist jedoch sehr imposant und Sascha bestellt vier verschiedene Biersorten, die in PET-Flaschen abgefüllt werden.

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Bier und Nüssli in Barnaul.
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Lauter, schneller, tiefer.

Weiter geht es in Saschas Schrottbüchse tiefergelegtem BMW mit 100 km/h durch die Strassen Barnauls zu seinem Appartement. Es sei zwar nicht seines, erklärt er, aber er müsse für Freunde die 3 Katzen und den Mops hüten währendem die eigentlichen Bewohner auf Reisen seien. Wir fahren zu einem Plattenbau („Panjelka“ wie Sascha den Baustil erklärt), fahren mit einer Eisenkiste an einem dünnen Draht dem Lift in den 9. Stock. Von innen sind die Wohnungen ganz ansehnlich. Sascha geht mit dem Mops „Dudja“ (russisch für „The Dude“ aus Big Lebowski) spazieren, währenddem wir uns eine Dusche gönnen. Wohlriechend nach „Le petit Marseillais“ nehmen wir in der Küche Platz, trinken Bier, sprechen über Autos und die Eigenheiten Russlands. Das wichtigste russische Wort – Normalna – dient als Erklärung für alles uns absurd Erscheinende. „It normal“ ist einer der Sätze, die Sascha am meisten ausspricht. Die Zeit vergeht im Flug, als Sascha noch Grosses vor hat. Es ist 2 Uhr morgens und er will uns in das Nachtleben Barnauls einführen. Wir ziehen uns warm an, Feble erhält eine Adidas-Trainerhose der ukrainischen Fussballnationalmannschaft und wir sind bereit.

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Spiegel-Selfie vor dem Ausgang.

Verantwortungsbewusst nehmen wir ein Taxi in irgendeine Bar in irgendeinem Stadtteil. Laute Musik und lauter feiernde Russinnen und Russen beleben das Lokal. Es werden Bier und Shots ausgegeben, besonders ein Mann scheint sehr spendierfreudig zu sein. Aufgrund seiner Ähnlichkeit zu einem schweizer Politiker nennen wir ihn liebevoll Toni.

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Toni nach 11 und Febeler nach 3 Jägermeister-Shots.

Toni mag uns. Wir feiern, tanzen und trinken bis in den Morgen und sind erst kurz vor 5 zurück in den Panjelka. Mondi (der als einziger nüchtern geblieben ist) wird beauftragt, Sascha um 9 Uhr zu wecken, da er bereits wieder um 10 Uhr in der Garage sein muss. Punkt 9:00 klopft Mondi an der Küchentür (Sascha hat auf dem Sofa in der Küche geschlafen, um die Stube uns zu überlassen). Viel mehr als ein Brummeln kommt nicht zurück. Mondi und Mätteli versuchen von nun an in regelmässigen Abständen ihn zur Arbeit zu motivieren aufzuwecken. Wir geben irgendwann auf und sind froh, können wir nach der durchlebten Nacht noch etwas länger liegen bleiben.

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Was vom Abend übrig blieb.

Um 11:00 steht Sascha auf, macht uns Kaffee. Er zieht sich ein T-Shirt an und wir fahren wieder ins Zentrum. Erstes Ziel ist eine Wechselstube, wir sind ja immer noch Denguemillionäre. Russische Rubel sollen es sein. „Njetu“ sagt die Dame am Schalter. Wir müssen es am Folgetag in einer Bank versuchen, da am Sonntag alle geschlossen sind. Wir hoffen, dass wir dies in einer anderen Stadt auf dem Weg nach Ulan-Ude tun können, damit wir nicht unnötig Zeit verlieren. Frohen Mutes fahren wir zur Garage und stellen ernüchtert fest, dass seit dem Wechsel der Bremsscheiben gar nichts passiert ist. Die Mechaniker scheinen sich nicht besonders motiviert um unseren Pandino zu kümmern.

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Viel schauen und wenig machen.

Immer wieder müssen Mondi und Fäbu beim Panda stehen und Vorschläge unterbreiten, was sie tun könnten. Alle Ideen werden zuerst abgeschmettert, um sie dann 10 Minuten später als eigene Idee zu präsentieren. Das ganze raubt Zeit und Nerven. Im Warteraum der Garage laufen an diesem Nachmittag alle Terminator-Filme nacheinander auf einem russischen TV-Sender. Mir dem russischen Arnie im Nacken haben wir nun genügend Zeit, den letzten Blog-Eintrag abzuschliessen und hochzuladen. Derweil funkt und hämmert es aus der Garage und endlich läuft das Panda-Upgrade.

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Ivan und Alexesj am wärchen.

Die Mechaniker brutzeln eine Spiralfeder zwischen Chassis und bestehender Blattfeder, um das Heck etwas höher zu legen. Dies ist nötig, da die eingebauten Lada-Ersatzstossdämpfer deutlich länger als die Originalteile sind, und somit ohne Höherlegung genauso effektiv wären wie zwei eingespannte Eisenstangen. Viele „bljat“ und „suka“ später präsentieren uns die Bastler mit sichtbarem Stolz in den Stirnfransengesichtern das Werk. Wir sind begeistert.

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Panda mit Barnauler Hinterradaufhängung.

Nicht sehr viel Freude haben wir an der Rechnung und dem dazugehörenden Geldzirkus. Die Teile kosten um die 4000 Rubine und die Arbeit wird uns mit gut 10’000 roten Steinen verrechnet. Das sind zusammen circa CHF 200 was uns etwas aus der Fassung dem Budget wirft. Wir verhandeln mit Sascha, ob wir mit den kasachischen Dengue bezahlen können, die wir immer noch bündelweise rumschleppen. Nach einigem rumtelefonieren meint Sascha, dass in Barnaul leider keine Bank Dengue zu Rubinen wechsle, er aber einen kenne, der dies für uns tauschen würde. Wir bestellen den Ivan, welcher dann auch auftaucht, uns aber einen sehr schlechten Kurs anbietet. Wir einigen uns darauf, nur das Geld für den Werkstattbesuch zu wechseln und die restlichen Dengues weiter mitzuschleppen, um diese dann irgendwann im fernen Moskau zu tauschen. Sascha ist irgendwie auch nicht wohl bei der Sache, wir nehmen es ihm aber nicht übel, dass keine bessere Lösung gefunden werden konnte. Unvergessen bleibt ja die Nacht im Barnauler Nachtleben und die stinkenden Designerkatzen im Plattenbau, die wir dank ihm erleben durften.

Wir verabschieden uns von Sascha und den Bastlern und setzen uns in den dreckigen Keil um mit ihm über die Strasse zu schweben. Wir fahren aus der Stadt hinaus in die Nacht, um etwas ausserhalb und hoffentlich in einer kurzen Regenpause unsere Zelte hinzuschmeissen und uns in die feuchten Schlafsäcke zu legen.

Kilometer 12’922

Es ist nass. Als wir am morgen in unseren warmen Schlafsäcken aufwachen, finden wir nur Nässe vor. Vom Innenzelt tropft es runter und alle Kleider und die Aussenseiten der Schlafsäcke sind von einer leichten Wasserschicht überzogen. Wir fragen uns ernsthaft, ob wir den nächsten Monat in den dünnen Leinenhosen und mit den ausgelatschen Segelschuhen überleben werden. Mondi und Fabern haben nichtmal eine Jacke dabei, also schlüpfen sie in den einzigen Pullover und quälen sich aus dem Zelt. Die Sonne ist durch die graue Wolkendecke nur schwach zu erahnen und wir betrachten unseren Zeltplatz, den wir am Abend zuvor bei kompletter Dunkelheit ausgesucht haben. Auf einer grossen sumpfigen Lichtung eines Waldes stehen neben einem verweltem Sonnenblumenfeld die beiden Zelte als grüne, nasse Haufen auf matschigem Lehmboden. Daneben der aufgebockte Panda, der uns trotz miserablem Morgen ein Lächeln ins Gesicht zaubern vermag. Die Hinterachse sieht halt schon etwas lustig aus.

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Nasse Zelte und Mätteli mit San Mauro im Panda.

Erhaben fliegen wir kurz darauf mit dem Superpanda über die russischen Strassen. Der Grossteil der Bodenwellen wird von der neuen Federung ohne Probleme ausgebügelt, nur bei kurzen und tiefen Unebenheiten wird der Federweg komplett ausgereizt und die Stossdämpfer krachen auf die Aufhängung am Chassis. Die Strasse schlängelt sich durch Birkenwälder, weite Sumpfgebiete und die Sonne schafft es nur vereinzelt durch den dichten Wolkenschleier durchzudringen und schenkt uns einige Sekunden Wärme durch die Windschutzscheibe.

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Sibirischer Panda in der seltenen Sonne.

Ohne Innenraumheizung ist es schwierig, sich im Auto aufzuwärmen. Wir wickeln Badetücher um die halbtoten Füsse und setzen uns auf die Hände um diese ebenfalls am Leben zu erhalten. Das einzige Paar Handschuhe hat Mätteli geschnappt haben wir Mätteli vermacht, der sich nun am Steuer wie ein richtiger Chauffeur fühlen darf.

 

Kilometer 13’496

Wir halten nur für einen Stopp in einem Supermarkt, um zu tanken und um uns in einer Raststätte aufzuwärmen.

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Auftauender Febeler durch angelaufene Linse.

Wir legen 574 Kilometer zurück und nähern uns immer mehr dem östlichsten Punkt der Rally. Das Prozedere der Schlafplatzsuche ist mittlerweile eine reine Formsache: In eine Seitenstrasse abbiegen, ebenes Stück Wiese finden, Zelte aufschlagen, kochen, schlafen.

Einen Wecker braucht es nicht, da wir sehr früh dran sind. Die Kochprozedur erfolgt diesmal auf etwas lustigere Art. Nachdem die wichtigsten Utensilien bereitgestellt sind, verkriechen sich Feble und Mondi in den Pandino und Mätteli beginnt halb im Schlafsack und halb im Vorzelt zu kochen. Nachdem das Wasser zu kochen beginnt ertönt im Panda über die Boom-Box „De tueni jitzt mal di Teigware inni“. Informationsfluss vom Feinsten. Feble geniesst die Teigwaren ohne Sauce aber mit reichlich Olivenöl, da sein Magen am rebellieren ist.

Nach einer erholsamen Nacht werden wir mit einigermassen trockenen Zelten überrascht. Zum Zmorge gibt es einen Drohnenflug, Pastareste und Nuttellabrötchen. Die Sonne versucht sich durch die dicke Wolkendecke bemerkbar zu machen. Ab in den Pandino und los geht’s in Richtung Irkutsk.

 

Kilometer 13’720

Der Regen lässt die Sicht auf die Strasse verschwimmen. Ebenso verschwimmen in unserer Wahrnehmung die letzten Tage. Alles scheint nach dem gleichen Ablauf zu funktionieren. Nasse Zelte abbauen, sich in den nicht weniger feuchten Panda hineinfalten und fahren. Fahren bis zum Fahrerwechsel. Tankstopps gibt es ca. alle 200 Kilometer. An einer Tankstelle werden Snacks für das Mittagessen gekauft, auch hier immer nach dem gleichen Muster: etwas Salziges (Chips, o.Ä.) und etwas künstlich-chemisch Süsses. Wieviele Kilometer sind wir nun schon wieder gefahren? Wie hat der Zeltplatz von heute Morgen ausgesehen? Wie der von gestern, von vorgestern? Die zwar schöne, jedoch eintönige sibirische Landschaft trägt nicht viel dazu bei, diese Fragen eindeutig beantworten zu können. Eigentlich ist es auch egal, wir fahren im Superpanda nach Ulan-Ude ohne Nennenswerte Rückschläge und daher wohl auch im Zeitplan oder sogar etwas schneller. Und Eines wissen wir auch bestimmt: Die Zelte werden am Abend wieder in einer sumpfigen Wiese aufgestellt, wir haben die Hoffnung aufgegeben, in absehbarer Zeit einen trockenen Platz zu finden.

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Panda zwischen Birken.

Für Abwechslung sorgt einzig die erste russische Polizeikontrolle (eigentlich die Zweite, nachdem Mätteli bei der Ersten einfach durchgerasselt ist). Der freundliche Polizist kann sich ein Lachen zu unserem Erscheinungsbild nicht verkneifen und ist ebenfalls amüsiert ab der Tatsache, dass wir kein Russisch sprechen. Nach dem Zeigen aller Dokumente muss Mätteli aussteigen. Der Polizist zeigt mit einem Schmunzeln auf das an der Motorhaube angeklebte Nummernschild und gibt zu verstehen, dass dies eigentlich an einem anderen Ort sein sollte. Mätteli lässt einen fahren zuckt mit den Schultern und lächelt. Der Beamte fragt noch kurz, wohin wir fahren und lässt uns dann unerwartet schnell wieder gehen. Einige Kilometer später wieder ein Polizist, der auf das Nummernschild zeigt. Diesmal ist aber Fäbeler am Steuer. Er wählt eine andere Taktik: Er öffnet die Motorhaube und zeigt seine Schuhe, die zwecks Trocknung im Motorraum liegen. Es herrscht Heiterkeit, der Polizist sagt „Auf Wiedersehen“ und wir fahren weiter.

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Panda, Zelte und ein sibirischer Bär.

 

Kilometer 14’248

Es ist kalt. Es ist nass. Wir fahren über einen Bahnübergang. Mätteli freuts. Transsibirisch etwas.

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Den Lada kommt standardmässig mit der BahnwärterInnenuniform.

Kilometer 14’691

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Am Abend vor der Sonne.

Sonne! Ein merkwürdiger heller Fleck am Zeltdach kündigt eine Wetterveränderung an. Und tatsächlich. Draussen ist der Himmel blau und nur von einzelnen Schleierwolken durchzogen. Die aufgehende Sonne trifft die Zelte und die eingerosteten Gelenke der Panda-Crew. Gut gelaunt wird Porridge gelöffelt, der Panda etwas aufgeräumt und die fast trockenen Zelte und Schlafsäcke wieder eingeräumt.

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Sonne beim Wasserpumpen.

Die Fahrt geht weiter und Fabern bemerkt auf dem Rücksitz, dass ihn der Geruch der drei an einen schlecht ausgemisteten Kaninchenstall erinnere. Die geplante Route führt uns heute am Baikalsee vorbei.

Panda und Transsib am Baikal
Baikal, Transsib und Baikal Highway mit Panda als kleiner Punkt.

Kurz nach Irkutsk nach einer Serpentine eröffnet sich der Blick auf das grosse Gewässer. Sehr eindrücklich! So gut, dass wir uns entscheiden, nicht bis Ulan-Ude zu fahren und stattdessen eine Nacht am Ufer zu verbringen. Die Strassen dorthin erweisen sich jedoch als grösste Holperpiste seit Kasachstan. Immerhin wird fleissig saniert. Wir steuern das Ufer des Sees und eine Häuseransammlung an, die wir auf der Karte ausgemacht haben. Dort erhoffen wir uns einen Zeltplatz in der Nähe des Gewässers zu finden. Wir finden jedoch nur ziemlich verlassen und etwas zerfallen aussehende Hotels und Restaurants und fahren einen kleinen Kiesweg parallel zum Ufer weiter. Zu unserer Linken reihen sich grosse Zäune und verriegelte Tore, zwischen denen wir ab und zu das Wasser erspähen. Bei einem Tor hängt ein schiefes und etwas abgeblättertes Schild auf welchem Mätteli die beiden russischen Worte „freie“ und „Zimmer“ entziffert. Wir betreten das Grundstück und finden tatsächlich einen Typen in Adidas-Trainer, der uns für 400 Rubine im Garten die Zelte aufstellen lässt. Der Garten gehört zu einem Grundstück mit einem Hauptgebäude, wo wahrscheinlich die Zimmer untergebracht sind, bei welchem aber bereits einige Fenster fehlen. Die verbleibenden hängen alle etwas schief und mit abgeblätterter weisser Farbe in den blauen Fensterrahmen und das gesamte Anwesen wirkt, als hätte man es es seit dem Fall der Grossmacht dem Zahn der Zeit und der Witterung überlassen. Wir sind aber begeistert von unserem Zeltplatz, dieser liegt unter grossen Birken und nur einen Katzensprung vom Baikalsee entfernt. Obwohl wir heute früher als üblich unterwegs sind, wird das Standardkilo Pasta gekocht und verdrückt und kurz darauf verschwinden alle drei in den Zelten, obwohl die Sonne am anderen Seeufer noch nicht ganz verschwunden ist.

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Sowjet-Romantik mit McKinley-Swag.

Entsprechend früh wacht das Trio auch wieder auf, geniesst es aber, für einige Stunden im gemütlichen Schlafsack zu liegen und dem Wind und der Brandung zu lauschen. Und dem Hundegebell. Seit Sonnenaufgang kläfft der Wachhund des Anwesens ununterbrochen in seinem Zwinger. Bis irgendwann, am späten Morgen Fabern fragt: „Dä Hümpu.“, worauf sich alle einig sind, dass nun Zeit aufzustehen sei, alle ihre 800g Porridge reinstopfen und den Panda wieder fit für die Weiterfahrt machen. Mit gequälten Lächeln in den Gesichtern kauen wir kurz darauf mit den Vorderzähnen auf einem Stück rohem Fisch herum, das uns der Hausherr (Heute im Russia-Traineranzug) aufgedrängt hat. Sehr fein, mmh, spasiba, bye bye, wir müssen nun wirklich und weiter geht die Fahrt nach Osten.

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Ein Plastikteller voller Brechreiz zum Zmorgen.
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Drei Buben am Posieren.

Kilometer 15’148

Unser Tagesziel ist sogleich das offizielle Mongol-Rally-Ziel und liegt in Ulan-Ude. Kurz nach der Abfahrt müssen (Mondi und Fabern) oder dürfen (Mätteli) wir erneut an einem Bahnübergang warten, bis der endlose Zug durchgerattert ist. Als unser Weg endlich wieder frei ist, murmelt Mätteli etwas beeindruckt „85, he“, wir verstehen nicht, nicken und setzen unsere Fahrt zum Ziel fort.

 

Kilometer 15’309

Langsam macht sich Euphorie im mittlerweile einigermassen trockenen Panda breit. Mätteli checkt regelmässig das Navi seinen Navigationssinn und ermittelt, dass Ulan-Ude gleich um die Ecke sein muss. Und an einer Abzweigung ist es soweit: vor uns liegt die wunderschöne Säule aus Sowjet-Zeiten, die das Ulan-Udener (Ulan-Udonesische?) Rayon ankündigt. Sofort wird mitten auf der Abzweigung angehalten, Fotoapparat und Stativ hervorgenommen. Wir sind endlich in der Stadt des offiziellen Ziels angekommen. Glückselig posieren wir für die Schnappschüsse am Stadteingang und freuen uns auf den Zielzirkus, der nun auf uns zukommt.

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Vorfreude mit Ulan-Ude in Sichtweite.

 

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16 Antworten auf “Höherlegen im Nieselregen: 12’455 km – 15’309 km”

  1. oi, oi, oi, die Feuchte ist fühlbar. Wünsche euch einen warmen milden Wind, der alles durchtrocknet. Oder zumindest wieder mal eine trocknende Hostel-Nacht. Jetzt habt ihrs ja schon bald, euer Ziel Ulan-Ude!!!

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  2. Sibirischer Panda – wie ein Ausserirdischer kommt er mir vor. Also wenn ich mir sowas an den CH-Grenze vorstelle, grööööööööööööööl. Zum Glück hilft SAN MAURO von innen!
    Euch viiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiel Sonne heute, lliebe Gruess!

    Gefällt 1 Person

  3. Wahrscheinlich müsst ihr eure Taktiken im Umgang mit Uniformierten für die Schweizer Grenze noch etwas adaptieren… Aber da habt ihr ja noch etwas Zeit! Aber Ulan Ude habt ihr bald geschafft, bravo!

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